Maurizio Pollini hat einige der größten Triumphe seiner Laufbahn mit den Etüden Chopins errungen. 1960 gewann er den prestigeträchtigen 1. Preis des Warschauer Chopin-Wettbewerbs. Er spielte einen feurigen dynamischen und wunderbar klaren Chopin. Fern verlockender Sentimentalität gab er der Musik ihre eigene Würde zurück, überhöhte sie gar. Dabei konnte er auf eine brillante, geradezu noble Technik vertrauen. Im Laufe der Zeit entwickelte er einen einzigartigen Sinn für zarte Nuancen, der vor allem in öffentlichen Konzerten erfahrbar wurde. Ich selbst entsinne mich einer solchen einerseits ungemein beherrschten, innigen und andererseits technisch vollendeten Vorstellung in den achtziger Jahren. Dass der oft geäußerte Vorwurf der bloßen technischen Brillanz nicht zutrifft, ist meiner Meinung nach besonders deutlich bei seiner außerordentlichen Interpretation der 24 Etüden Chopins zu hören.
Als Beispiel greife ich die Etüde Op. 10, Nr. 3 heraus. Bekanntlich sind Chopins Etüden im Grunde keine Etüden, sondern wohldurchkomponierte Werke mit bestimmten pianistischen Schwerpunkten. So gerät Op. 10, Nr. 2 zu einer der vertracktesten chromatischen Balladen, die dem Pianisten geradezu Spinnenfinger-Fertigkeit abnötigen. Freilich wäre das plump als Aufforderung zum Studium der Chromatik zu verstehen; größeres Unrecht könnte man an dieser Stelle nicht begehen. Im übrigen meistert Pollini diese wie andere Schwierigkeiten generös. Op. 10, Nr. 3 gehört zu den technisch insgesamt „leichteren" Etüden. Leichter insofern, als dass keine pianistischen „Unmöglichkeiten" verlangt werden. Überdies beginnt sie mit einer entzückenden Melodie, die, sanft beginnend, stetig wächst, bis sie im Mittelteil in der Durchführung ihre volle Kraft entfaltet und, wieder zum Anfangsthema zurückgekehrt, dort sanft entschwindet. Dieser Tatbestand verleitet viele Pianisten, von guten Laienspielern bis hin zu bekannten Konzertpianisten, das Lyrische allzu sentimental in den Vordergrund zu rücken, die Tempoangabe zu missachten und den feurigen Mittelteil irgendwie plötzlich aufflammen zu lassen - Chopin light. Ich erlaube mir da ein gewisses Urteil, da ich auch hart und oft bis zur Verzweiflung an den Etüden gearbeitet habe. Was macht Pollini? Mit seinem untrüglichen Gespür für das Feine, Edle blickt er hinter die eingängige Melodie. Er entrückt sie gleichsam in einen überirdischen Raum und lässt uns wie von fern an seiner sehsüchtigen, aber einzigartig transparenten Interpretation teilhaben. Er präsentiert uns ein wahres Kunststück. Nun wissen wir, warum es den gebührenden Platz in Chopins Etüden gefunden hat.
Gewiss gibt es Momente, in denen man sich etwas mehr Erdennähe wünscht, sich zum Beispiel lieber im Pariser Salon Alfred Cortots zurücklehnt und im schweren Zigarrenduft etwas von der verlorenen Zeit der Romantik wiederzugewinnen versucht. Es sind zwei Welten. Cortot, am Ausgang der Romantik, sehr frei und überwältigend momentan und empfindsam spielend, und Pollini, gleichsam asketisch schön.
Für mich sind beide Interpretationen gelungen. Cortot als Tonzeuge einer fernen Welt und Pollini als Vertreter einer überzeitlichen Noblesse. Jeder Pianist sollte sich (natürlich nicht nur) mit beiden Möglichkeiten beschäftigen, um seinem persönlichen Stil ein Stück näher zu kommen. Ich habe Maurizio Pollinis Aufnahme oft mit viel Gewinn gehört, hat sie doch stets dazu beigetragen, das eigene Können im richtigen Lichte zu sehen und einen Blick auf das Mögliche zu erhaschen. Für Nichtpianisten mag sie ein Ansporn sein, doch öfters einen Blick in Konzertprogramme und CD-Kataloge zu werfen.
Aufnahme und Booklet sind gewohnt ansprechend und professionell gestaltet.
Daher empfehle ich die vorliegende Aufnahme uneingeschränkt, mehr noch, möchte sie jedem interessierten Musikliebhaber wärmstens ans Herz legen.