Ebenso wie bei Gogol (siehe Rezension zu
Gesammelte Werke) und Poe (siehe Rezension zu
Meistererzählungen), scheue ich mich bei Kleist von einem großen Schriftsteller oder Künstler zu reden. Sicher ist, dass Kleist eine ungewöhnliche Anschaulichkeit und eine Art fesselnder Dramaturgie (auch in seiner Prosa; manchmal sogar mehr in der Prosa als im Drama) zu formen und zu komponieren vermochte, die auch heute (und wohl auf ewig) eine nahezu unerschütterliche und ungebrochene Aktualität in Sachen 'Sprachlichkeit' behalten hat. Trotzdem scheint alles bei Kleist, als sei es nach traditionellen Maßstäben gefertigt - und doch, wieder, scheint jeder Satz aus diesem Gewande ausbrechen und mit aller Kraft und Leidenschaft den Trab in einen Galopp oder irgend sonst was reißen zu wollen.
Kleist bedient sich oft des Wortes "dergestalt". In einem geradezu totalen Versuch der Erzählung niemals hinterher zu sein oder etwas unerklärt und uneindeutig zu lassen, treibt Kleist seine Texte mit subtilen Langsatzfolgerungen voran.
Der Inhalt der einzelnen Novellen ist viel von Missverständnissen geprägt, von Undurchsichtigkeit und fatalen Ereignissen, die aus solcherlei Irrungen entstehen. Fast immer fällt im kleistischen Drama der (vermeintlich) idealistische Mensch dem konträren und willkürlichen Universum zum Opfer, das Menschen von einander trennt, in dem es sie anders denken und anders handeln lässt. Einen Großteil der Spannung gewinnt jede der Erzählungen aus dem Spiel mit Unvermeidlichkeit und Hoffnung, die in ihrem Hin und Her schon fast kafkaeske Züge annehmen, nur dass sie agiler und ausschweifender sind. Die so viel beschworene Gewalt ist mir persönlich dabei nicht aufgefallen; eher eine krasse Vehemenz das Ende, das Finale zu erreichen.
Bei aller Einzigartigkeit, die zumindest vier der Erzählungen ("Michael Kohlhaas", "Die Verlobung in St. Domingo", Das Erdbeben von Chili", "Der Zweikampf" - vielleicht auch "Die Marquise von O.) besitzen, spürt man, dass Kleist kein wirklicher Erzähler ist. Zwar hat er diese Erzählungen ganz und gar aufs Papier gebracht, sie bemerkenswert vollendet hinterlassen, aber ich behaupte, dass man gerade in diesen ausgefeilten, rasant-bedachten Zeilen spürt, dass sie alles sind; dass da sonst nichts mehr gewesen wäre; und dass gerade deshalb die anderen drei-vier Erzählungen mehr oder minder schief oder haltlos wirken.
Für mich wird Kleist immer Dramatiker bleiben. Er mag hier mit vier/fünf Erzählungen glänzen und diese sollte man, wenn man irgendwas auf seine Literaturkenntnisse und sein Lesevergnügen hält, auf jeden Fall sich einverleiben. Aber ich denke, es kommt auch immer darauf an, wie man einen Künstler sieht und Kleist sollte man, wie man es ja auch bei Schiller tut, lieber als Dramatiker, denn als Prosaisten sehen. Manche mögen behaupten, dass es nicht auf solcherlei ankommt. So mögen sie diese meine Feststellung übergehen.
Inhalt (bezieht sich auf die Reclam-Ausgabe):
-Erzählungen-
Michael Kohlhaas
Die Marquise von O'
Das Erdbeben in Chili
Die Verlobung in St. Domingo
Das Bettelweib von Locarno
Der Findling
Der Zweikampf
Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik
-Sämtliche Anekdoten-
-Fabeln-
Die Hunde und der Vogel
Die Fabel ohne Moral
-Essay-
Über das Marionettentheater
Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden