Während des Ersten Weltkrieges gab der Verlag Wolff billige Bändchen kleiner Bücher von unbekannten jungen Autoren heraus. Eines Tages im frühen Jahr 1916 enthielt das Bändchen: "Der jüngste Tag" eine Geschichte mit dem Titel: "Die Verwandlung" von jenem unbekannten Franz Kafka, von dem Herrmann Hesse so angetan war, dass er dieses kleine Spinnweb aus Spiel und tödlichem Ernst nie wieder vergessen konnte. Als Franz Kafka dann 1924 starb, blieb sein Werk als Nachlaß bei Max Brod mit der testamentarischen Aufforderung, alle Werke zu vernichten. Elf Jahre nach Kafkas Tod fand Hesse immer noch, dass es nötig sei, eine
Gesamtausgabe zu präsentieren, ob der Qualität, der dichterischen Geistigkeit, der beunruhigenden und doch beglückenden Dichtung.
Dieser vorliegende Band mit über 600 Seiten widmet sich den Erzählungen. Die Romanfragmente (Amerika, Der Prozeß, Das Schloss) sind folgerichtig nicht dabei. Allerdings sind diese kurzen Erzählungen und tiefen Parabeln eine Kunst und voller Anregung. Symbolschaffende Phantasie mit ursprünglicher Sprachkraft, so ist Kafka, und Hesses Wunsch wurde in dem Jahr 1935 hoffmungsvoll und allmählich mit dem ersten Band Realität. Viele Bände von zusammenfassenden Texten Kafkas sind seitdem auf dem Büchermarkt. Dass Max Brod sich dem letzten Wunsch des Dichters widersetzte, ist ein weiteres Zeichen, wenn auch posthum für Kafka, der Zeit seines Lebens an der Unerträglichkeit der eigenen Existenz litt, die Verbindung von Mensch und Gesetz (Gott) als Unmöglichkeit erlebte und aus bewegter Starrheit mit dem Todesurteil des Werkes sich - Dank Max Brod vergeblich - endgültig und vollständig aus dem Leben nehmen wollte. Wie er in "Das Schloß" nicht besser dokumentieren konnte, dass mit ihm ein Diener da steht, der weiss um eine Herrschaft, der zu dienen ist und er bei dieser kein Gehör findet. Der Diener findet seinen Herrn nicht und somit sein Leben keinen Sinn. Kafkas Unmöglichkeit des Findens im Dichterischen erhellt jedoch im Gegenlicht die Möglichkeit der Gnade oder der Erlösung. Doch für Kafka wird diese Hoffnung nicht spürbar, diese letzte Pforte bleibt unerreicht. So wie er in "Vor dem Gesetz" nicht erkennt, bereits drin zu sein, weil es nur für ihn ist, kämpft auch der Leser mit der Vielfalt von Interpretationen seiner Erzählungen, Romane und Aphorismen. Kein Aufatmen, es bleibt Verwirrung und Verzweifelung, aber dafür hebt den Leser ein enormer Tiefgang in bewegter Sprache und zu enträtselnder Bedeutung, eine vielfache Welt von Symbolen und Gleichnissen, von ungesagt Gesagtem.
Unter: http://www.amazon.de/Franz-Kafka-125-Jahre/lm/R18FI1I738I11U/ref=cm_lm_byauthor_full
steht für den Inteessierten eine Liste mit Buchbesprechungen vom Rezensenten zur Kafka Literatur bereit.