Dies ist meine sechste deutsche Übersetzung der Werke Arthur Rimbauds. Ich besitze die nur einsprachige Reclam-Ausgabe "Eine Zeit in der Hölle" von Werner Dürrson, die Insel-Ausgabe von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmannon, die Matthes & Seitz-Ausgabe von Hans Therre und Rainer G. Schmidt, die alte Fischer-Ausgabe mit Nachdichtungen von Paul Zech und die dtv-Ausgabe von Thomas Eichhorn. Es gibt noch eine Hand voll anderer Ausgaben mit anderen Übersetzungen, jedoch scheint es mir übertrieben, eine bibliophile Sammlung sämtlicher Ausgaben eines Dichters anzuschaffen. Ich wollte hiermit als Rezension einen kleinen Vergleich mit den oben genannten verschiedenen Ausgaben machen.
die Übersetzung von Thomas Eichhorn (dtv):
(...)
Herz hatten unsre Weine! Schau:
In der Sonne, ungelogen,
Was denn ziemt dem Menschen? trinken.
ICH--- Tot in wilde Ströme sinken.
(...)
(das französische Original lautet hier: 'Mourir aux fleuves barbares', in anderen Verssionen 'im Barbarenfluss versinken')
Bei Paul Zech lautet der Abschnitt:
'Wir habe Milch und Wein genug / und schrein verdurstend doch: Betrug! / was sollen wir hier trinken? / Ich selbst: nicht trinken! In wilder Ströme Bett hinuntersinken!'
diese Ausgabe scheint mir am weitesten entfernt. Es sind Nachdichtungen, die, ähnlich wie seine Balladen von Villon, völlig assoziativ und nur noch inhaltlich dem Original verwandt sind, metrisch jedoch eigenständig und völlig abweichend. Er verändert die Wörter und dichtet ganze Sätze hinzu, die Rimbaud nie geschrieben und vielleicht auch nicht einmal so gemeint hat. Solange man sich dies in Erinnerung behält, ist diese Ausgabe (für Rimbaud-Liebhaber der Vollständigkeit halber aber auch für Laien der Einfachheit wegen) durchaus lesenswert und eröffnet ungewöhnliche (und auch vergnügliche) Perspektiven zum Verständnis Rimbauds.
Ebenfalls sehr weit entfernt ist die Übertragung von Therre & Schmidt, das eher ein typografisches Experiment ist und sprachlich ganz eigene Wege geht. Insgesamt war eines der Ziele, Rimbaud als pubertierende Rotznase, also sogenannt 'authentisch' darzustellen.
'Unsre trocknen Weine hatten Flamme! / Ohne FLACHS ' Was soll der / Mensch unter der Sonne? ''''' SAUFEN. / ICH'' Über barbarischen Flüssen verrecken.'
Die Insel-Ausgabe von Löffler & Tauchmannon scheint mir klassisch-beflissen, gewissenhaft und präzise, jedoch ein Bisschen brav. Vulgäre Wörtchen werden nicht forciert und teilweise sogar entschärft:
'Herzhaft, herb war unser Wein! / Ohne Falsch: Im Licht der Sonnen / Was wohl muss der Mann tun? trinken. / ICH: Im Barbarenfluss versinken.'
In der Fischer-Ausgabe von Walter Küchler heißt es:
'Unser trockner Wein war heiß!/ Scheint die Sonne, die flechenreine, / Was frommt dem Menschen? Trinken/ Ich: In wilden Strömen tot versinken.'
Ein weiteres Beispiel aus 'Saison en enfer':
'Jadis, si je me souviens bien, ma vie était un festin où s'ouvraient tous les coeurs, où tous les vins coulaient'
wird hier zu: 'einst, wenn ich mich recht erinnere, war mein Leben ein Fest, wo alle Herzen sich öffneten, wo alle Weine flossen.'
Insel: 'Einst war, entsinn ich mich recht, mein Leben ein Fest, da sich das Herz auftat eines jeden und floßen alle Weine.'
M&S: 'Früher, wenn ich mich besinne, war mein Leben ein Fest, es sprühten die Sinne, es floß der Wein in Strömen'
dtv: 'Einst, wenn ich mich recht entsinne (...)'
Reclam: 'Einst, wenn ich mich recht erinnere, war mein Leben ein üppiges Fest (...)'
Fischer (Paul Zech): 'Einst, wenn ich daran denke, war mein Leben ein Fest. Alle Herzen taten sich auf und die süßen Weine flossen.'
Da Rimbauds Werk aus nur gut zweihundert Seiten besteht, bieten alle Übersetzungen doch mehr oder weniger das selbe. Die vollständigste von allen Ausgaben ist allerdings die von M&S. Dafür ist sie wiederum nicht zweisprachig. siehe hierzu auch meine Rezension für
Das poetische Werk: Eine Zeit in der Hölle / Licht-Spuren / Das trunkene SchiffDie Fischer Ausgabe (Küchler) teilt das Werk in drei Kapitel: I 1869-1871 (Gedichte), II 1872-1873 (die Illuminationen) und III 1873 (Saison en enfer). Sie enthält ausserdem zwei Erzählungen aus Schulheften: 'Narration' und 'Louis XI'. Sie richtet sich nach den OEuvre Complètes der Bibliothèque de la Pléiade. Mit anderen Worten: Vollständigkeit wurde nicht angestrebt. Was hier fehlt, und das ist ein ganz klares Minus weil dies ist die wichtigste Arbeit Rimbauds, sind die beiden 'Seher Briefe', die in allen anderen Ausgaben mit an Bord sind.
Andere, hier fehlende Teile, die in folgenden Ausgaben enthalten sind:
-Entwürfe zu 'Saison en enfer' (dtv, Insel, M&S)
-die Einöden der Liebe (Insel, M&S, Zech)
-Les Stupra (M&S)
-Das Herz unter der Soutane (Zech, M&S)
-Schulaufsätze (Zech, M&S)
-ausgewählte Briefe (Insel)
-Kommentar zum Johannes-Evangelium (Insel, M&S)
-Album Zutique (M&S)