Verletzte Architektur
Ryuji Miyamotos Blick auf eine vergängliche Welt
Wie uns die Werbung das Bild des ewig jungen und schönen Körpers als gültigen Richtwert einprägt, kennen wir auch für die Architektur meist nur die Darstellung hoffnungsvoller Baustellen oder makelloser Neubauten. Körperliche Vollkommenheit und Unversehrtheit sind wie die alterslose Schönheit von Häusern und Stadtlandschaften Sinnbild einer Welt des Glücks. Die Geborgenheit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit jedoch, die uns die Architektur zu bieten scheint, zeigt sich angesichts von Naturkatastrophen oder auch der durch Menschen selbst verursachten Zerstörungen als trügerisch und jederzeit reversibel. Allenfalls im historischen Rückblick, in der Ruinenseligkeit vor den Überresten antiker Bauten, findet die Darstellung zerstörter Architektur ihre ästhetische Legitimation.
Der japanische Photograph Ryuji Miyamoto richtet seine Kamera auf die verdrängte Seite der Vergänglichkeit von Architektur. Es ist, als sehe er in Bauten Lebewesen, deren Verletzung, Verfall und Schmerz er dokumentieren will: Häuser im Abriss, Strassen nach einem Erdbeben, Ruinen, verlassene Vergnügungsparks, Kartonhäuser von Obdachlosen. Weit entfernt von jeglicher Sensationsgier, hält er die Gegen-Bilder der uns vertrauten Architektur fest, Baukadaver, Architekturgerippe und dem Tode geweihte städtische Wucherungen.
Die Kowloon Walled City, ein inzwischen verschwundener Stadtteil Hongkongs etwa, in dem 40 000 Menschen wie in einem wild gewachsenen Wespennest hausten, erscheint in den Bildern Miyamotos als Ort des Untergangs, als eine amorphe, verklebte Baumasse, einem Albtraum entsprungen. Und wir ahnen: Das Verschwundene lebt in zahllosen ähnlichen Siedlungen auf der ganzen Welt fort. Unmittelbar nach dem Erdbeben von 1995 besuchte Miyamoto das zerstörte Kobe und beobachtete die Folgen der seismischen Erschütterung mit kühlem Blick: mehrstöckige Häuser, die in sich zusammengesunken, ganze Strassenzüge, die wie Kartenhäuser ineinander gefallen waren, Bauten wie gestrandete Schiffe. Die Schrecklichkeit der Aufnahmen liegt im Detail: Neben den eingefallenen Häusern bleibt ein dünner Telefonmast aufrecht stehen, und seine Kabel führen wie Infusionsleitungen in den Trümmerhaufen, in dem kein Herz mehr schlägt.
Mit seiner Kamera bleibt Miyamoto meist auf Augenhöhe des Betrachters, mal mit mehr, mal mit weniger Abstand zum Gegenstand. Seine Bildausschnitte sind perfekt komponiert. Es sind die Komplexität der Bildschichten, von Ruinenbergen, Kabelsträngen und Brandspuren und auch die gleichzeitig nahezu vollkommene Abwesenheit von Menschen auf diesen Aufnahmen, die sie so beklemmend und Zeit-los machen. Wir wissen, dass an den von ihm gezeigten Orten bis vor dem Moment des Zusammenbruchs Menschen gelebt, geliebt und gelacht haben. Wir ahnen auch, dass dort, wo jetzt der Ort der Verwüstung, des Todes zu erkennen ist, auch schon bald wieder neue Häuser stehen und Menschen leben werden. Aber der gefrorene Moment, in dem es aussieht, als ob hier kein Mensch je mehr leben könnte, dieses paradoxe Atemholen der Überlebenden vor dem Neubeginn, macht uns vor diesen Darstellungen betroffen.
Miyamoto zeigt aber nicht nur die ungewollten Zerstörungen durch die Naturgewalten. Er dokumentiert auch die Verwüstungen der Architektur durch Menschenhand, den Abriss zahlreicher Bauten in der ganzen Welt: Beim Nakano-Gefängnis in Tokio (1983) etwa wird der ganze Zynismus einer antihumanen Zwangsarchitektur im Moment der gewaltsamen Zerstörung offenbar. Auch Theater- und Kinobauten mit ihrer opulenten Ausstattung gibt Miyamoto einen letzten Auftritt vor dem Nichts. Dem Schauspielhaus von Poelzig in Berlin, einem einzigartigen Beispiel expressionistischer Architektur, das 1985 von der DDR geschleift wurde, verschaffen seine Aufnahmen eine apokalyptische Dimension.
Den Aspekt der Gefahr und Bedrohung in und durch die Architektur erforscht Miyamoto wie ein Paläozoologe an den Knochen und Schalen, die von den Gebäuden übrig sind. Scheinbar beiläufig, aber doch mit konzentriertem Blick lichtet er die Labors ab, in denen die Aum-Sekte ihr Nervengas produzierte. Die als Kultstätten ausgewiesenen, inzwischen geräumten Bauten führt er als austauschbare Kleinlabors vor, die durch nichts ahnen lassen, welch perverse Ideologie hier Menschen zu ihren mörderischen Anschlägen führte. Nur das Wissen um ihre Geschichte lässt uns vor diesen banalen Räumen erschauern, weil sie zeigen, wie leicht sich das Grauen unter dem Mantel des Gewöhnlichen verstecken lässt. Ohne moralischen Fingerzeig kehrt Miyamoto die Perspektive auf die Architektur, an die wir uns gewöhnt sind, um. Er legt die Wunden bloss, die Natur und Menschen in das gebaute Umfeld schlagen, und weist auf die (einzig) dauerhafte Ambivalenz von Bauen und Zerstören, Planen und Aufgeben, Dauer und Vergänglichkeit, Geborgenheit und Gefahr.
Andres Lepik