"Russlands Unterwelten", erschienen bei Ch. Links, ist eine reizvolle und unterhaltsame Mischung aus Geschichtsbuch, Reisebericht und Legendensammlung. Mit scharfem Auge und viel Forscherdrang berichtet Thomas Kunze von seinen Reisen durch das riesige Reich, um das sich auch heute noch so viele Legenden ranken; nicht nur die Millionenstadt Moskau ist untertunnelt, auch viele andere Bereiche Russlands bergen solche Geheimnisse. Der Autor berichtet aus der Ich-Perspektive, was sich als gute Idee erweist, denn obwohl er sehr viele historische Fakten in seinem Bericht untergebracht hat, wirken diese nie trocken oder langweilig, da sie gewinnend in die Reiseschilderungen eingeflochten sind, immer wieder werden die Fakten aufgelockert durch persönlich Erlebtes.
Thomas Kunze zeigt eindrucksvoll auf, wie eng Russlands Geschichte von den unterirdischen Welten durchzogen und mit ihnen verknüpft ist. Fast überall finden sich Schlüsselmomente der russischen Historie eng verbunden mit Ereignissen im Untergrund - wie schon erwähnt fand die Ermordung Rasputins unter der Erde statt, zu Lenins unterirdischer Grabkammer stieg man eine Marmortreppe hinab, und Stalin verheizte als "Baumeister des Kommunismus" tausende Menschenleben beim Bau des ersten Sowjet-Kanals, der das Weiße Meer mit der Ostsee verbindet.
Aufgeteilt ist das Buch in die folgenden Hauptkapitel:
Steinzeitlicher Kulturraum vom Atlantik bis zum Ural
Russland im Mittelalter
Auf dem Weg zur europäischen Großmacht
Sowjetmacht und die beiden Lenin-Mausoleen
Furcht und Größenwahn in der Stalin-Ära
Wettlauf um die Vormachtstellung in der Welt
Bauboom und Milliardeninvestitionen im neuen Russland
Eingerahmt sind diese Kapitel, die jeweils mehrere Unterkapitel enthalten, von einem Geleit- und einem Vorwort sowie einer Karte von Russland und dem Anhang, der neben Anmerkungen und einer Literaturliste auch die Abbildungsnachweise und ein Ortsregister enthält. Einzig eine Zeittafel mit wichtigen historischen Ereignissen, also einen kurzen Abriss der Geschichte Russlands, vermisst man ein wenig.
Der Hardcoverband ist mit vielen Fotos illustriert, von denen der größte Teil schwarzweiß ist; es finden sich aber auch immer wieder vollfarbige und qualitativ hochwertige Abbildungen. Die Motive für diese Farbfotografien wurden gut ausgewählt; so wirkt eine Serie von unterirdischen Flüssen und Abwasserkanälen fast künstlerisch, und die betäubende Pracht mancher Metrostationen, die sich keineswegs mit unseren U-Bahn-Stationen vergleichen lassen, lässt sich wohl nur in Farbe so eindrucksvoll wiedergeben. Auch die Bilder aus dem geheimen Bunker des Diktators Stalin wirken eher wie ein prächtiger Palast denn wie ein unterirdisches Versteck. Es verblüfft den Betrachter, dass so etwas Aufwändiges unter der Erde existiert, wobei man sich natürlich fragt, zu welchem Preis.
"Russlands Unterwelten" ist eine unterhaltsame Reise hinab in ein sehr spezielles Reich - wenn schon Russland und seine vielfältige Geschichte uns so faszinieren, so tun dies seine Tunnelsysteme, Höhlen, Bunker und Katakomben - viele davon geheim, lange unentdeckt oder für die Augen der Öffentlichkeit immer noch verborgen - erst recht. Wer sich für Russlands Geschichte interessiert und gerne eine andere Seite dieses riesigen Reiches kennenlernen möchte, nämlich die unterirdische, geheime und teils düstere, der sollte sich dieses Buch zulegen, es ist außergewöhnlich und dazu informativ und spannend geschrieben.