Zwei Anekdoten über Russland wusste ich bereits vor der Lektüre von "Russland mit und ohne Seele", sie wurden in diesem Buch der österreichischen Autorin Susanne Scholl bestätigt. Die Kurzform von Alexander ist Sascha. Und in jedem russischen Pass stehen Nationalität und Staatsangehörigkeit. Bei den Menschen, die als Deutsch-Russen bezeichnet werden, obwohl sie oft aus Kasachstan und nicht aus Russland kamen, stand als Nationalität Deutsch und als Staatsangehörigkeit Kasachisch, Russisch oder woher auch immer sie kamen. Das es auch die Nationalität Jüdisch gibt, ist aus Sicht heutiger, deutscher Leser sicherlich etwas befremdlich. Überhaupt soll in Russland ja alles ganz anders sein, die ORF-Reporterin Susanne Scholl schildert ihre Gedanken über die "russische Seele", die im Westen so oft zitiert wird.
Gut 20 Jahre hat Scholl in Moskau gelebt. Ihre Interviews, zum Großteil mit Frauen, schildern zumeist Schicksale in der Sowjetunion und weniger im heutigen Russland. Die Geschichten ähneln sich sehr oft, fehlende Väter, beengte Wohnverhältnisse und schlechte berufliche Möglichkeiten trotz guter Ausbildung verbinden viele der Frauen. Einige Künstler und Intellektuelle sind unter den Interviewten und deren Leben erinnern oft stark an den deutschen, Oscar-prämierten Film "Das Leben der anderen". Das Russland-Bild in diesem Buch ist also überwiegend trist und abschreckend. Zu Sowjetzeiten sei es nicht besser gewesen als in Putins- und Medwedews-Russland, aber zumindest einfacher, so erzählen es viele der befragten Personen in diesem Buch. Die kargen Wohnungen wurden zugeteilt, oft lebten Familien in 1-Zimmer-Wohnungen und wer Pech hatte wurde für einen Arbeitsplatz in einen entlegenen Winkel des riesigen sowjetischen Reichs geschickt.
Ein Künstler, den Scholl interviewt hat, findet ein anschauliches Bild: das heutige Russland ist ein Zug der rückwärts fährt, da das Gleis umgestellt wurde, kann er nicht zurück zum Bahnhof Sowjetunion, er rollt in eine andere Richtung. Aber eben zurück.
Es ist geradezu Werbung für dieses Buch was Präsident Medwedes in diesen Tagen getan hat, als er die Rückständigkeit und mangelnde Eigeninitiative des russischen Volkes öffentlich kritisierte.
Sicher kann und soll Scholls Buch kein Geschichtsbuch und keinen Reiseführer ersetzen. Hier werden auch keine besonders schillernden Menschen präsentiert, wie ab und an im Weltspiegel, sondern (er)nüchtern(d) alltägliche Geschichten erzählt. Und es ist sehr interessant über den Umgang mit Geschichte (etwa der zaghaften Aufarbeitung der Stalin-Zeit), die schwierige Arbeit von Journalisten (Kolleginnen von Anna Politkowskaja) und andere grosse Themen zu lesen. Kleine persönliche Anekdoten lockern das Buch etwas auf. Und manchmal erinnert sich die Autorin, bei all ihren Schilderungen der schlechten Seiten Russlands, seien es Fremdenfeindlichkeit oder Verkehrschaos, an die schönen Seiten dieses Landes, etwa die märchenhaft schönen Seiten von St. Petersburg und Moskau und hilfsbereite und gastfreundliche Menschen.
Auffällig ist, dass Susanne Scholl überwiegend mit älteren Menschen gesprochen hat, zumeist mit Frauen, und von denen wiederum mehrere die von ihren Männern für jüngere Geliebte verlassen wurden. Und wenn sich die Autorin dann über die Unhöflichkeit der russischen Mitfahrer, die ihr nicht helfen ihren schweren Koffer in den Zug zu heben, wirkt es so als ob die Autorin generell eher eine negative Sichtweise auf das Leben hat. Unhöfliche Menschen gibt es auch im höflichen Wien oder im sonnigen Italien. Und ältere, enttäuschte Menschen haben oft eine weniger optimistische Weltsicht. Fremdenfeindlichkeit und soziale Kälte ebenfalls. So viel anders scheint Russland dann doch nicht zu sein. Aber obwohl man nach der Lektüre dieses Buchs froh ist in Deutschland zu leben, bleibt doch der Wunsch noch mehr über Russland zu erfahren, denn spannend ist es doch was die Autorin schreibt.
Unterm Strich ist Russland mit und ohne Seele ein interessantes, wenn auch etwas einseitiges Buch, das sich sehr flüssig liest, allerdings wenig Neues über Russland bietet. Es lohnt sich aber dieses 188-seitige Buch aus dem Jahr 2009 zu lesen, um andere Facetten Russlands kennenzulernen, als sich immer nur auf die reichen und berühmten, die mächtigen und einflussreichen Russen zu konzentrieren.