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92 von 122 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der Schnee liegt wie ein Leichentuch über der blutgetränkten Landschaft, 30. Januar 2007
"Der Schnee liegt wie ein Leichentuch über der blutgetränkten Landschaft" heißt es auf Seite 92 des vorliegenden Buches, und wenn man es recht bedenkt, könnte dieser Satz als Titel über allen Büchern Scholl Latours stehen. Ganz gleich ob Afrika, Europa, Asien oder Amerika - irgendwie stimmt es immer, und irgendwie ist auch der Autor immer zur Stelle um dem Leser die Welt zu erklären.
Diesmal geht es um Russland, das sich nach Meinung des Autors "im Zangengriff" befindet, d. h. in einer langfristig bedrohlichen Lage zwischen NATO, Islam und China. Diese Perspektive erscheint verblüffend in einer Zeit, in der alle Welt, vor der russischen Rosthoffmacht schier zu zittern scheint, aber Scholl Latour macht diesen Ansatz anhand einer Vielzahl von Beispielen und Verweisen plausibel. Denn Russland ist ein schrumpfendes Volk, bedrängt von einer demographisch expandierenden moslemischen Bevölkerung in Tatarstan am Kaspischen Meer, seine Menschen leben überwiegend im Elend, was zum Teil ihrer Trägheit, aber auch dem Raubtierkapitalismus der Oligarchen zu verdanken ist, an denen Scholl-Latour kein gutes Wort lässt. Wie alle Oligarchen hat sich auch Chodorchowski, der Lieblingsoligarch des Westens, am Reichtum des Volkes berauscht, und Präsident Putin hat wohl daran getan, diesen Ausverkauf des nationalen Eigentums zu stoppen. Putin, ein Autokrat? Na, wenn schon, meint der Autor, dafür hat er wieder Ordnung in Russland geschaffen, und das ist hundertmal mehr wert, als all Pseudodemokratie. Kein Wunder, dass Gorbatschow und Jelzin in dieser Sichtweise nur als Totengräber Russlands erscheinen. Die so hochgelobten "idealistischen" NGOs sind für Scholl-Latour ein aus dubiosen Quellen finanzierter "Wanderzirkus jugendlicher Agitatoren", die dem Westen erlauben, sich auf dem Hintergrund wohlfeiler Demokratiepropaganda in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen ( siehe die von den NGOs in der Ukraine, in Georgien oder Kasachstan eingefädelten Revolutionen), so dass Putin und Lukaschenko gut daran taten, sich gegen die NGOs zu wappnen. Auas Lukaschenko betrifft, verblüfft die Wertung Scholl-Latours. Alle Welt vergisst nämlich, so Scholl-Latour, dass Lukaschenko bei seiner ersten Wahl mit 82 % der Stimmen gewählt worden ist und dass er sein Volk bisher davor bewahrt hat, auf das gleiche Elendsniveau herabzusinken wie es in Russland oder in der Ukraine zu verzeichnen ist. Aus dem gleichen Grund mag Scholl-Latour auch in die allgemeine Verdammung Maos nicht einstimmen, geht es doch heute China so gut wie niemals zuvor ( Man möchte fragen: wegen oder trotz Maos Wirken?). So richtig Zunder bekommt eigentlich nur ein Pol der Weltpolitik: die USA unter Präsident Bush, der entgegen alle Absprachen die Grenzen der NATO bis vor die Haustüre Russlands vorangetrieben hat. Ja, aber haben denn nicht die osteuropäischen Völker vor der Türe der NATO Schlange gestanden, möchte man fragen? Möglich, antwortet der Autor, aber indem man sie hereingelassen hat, hat man sich ein ganzes Bündel neuer Probleme eingehandelt, von denen die Amerikahörigkeit des neuen Europa noch das Verhängnisvollste ist. .
Wie gesagt, über die Berechtigung dieser Urteile mag man streiten, aber die Art und Weise, wie der Altmeister der politischen Weltkunde nahezu jedem kräftig ins Kreuz tritt, hat etwas ungemein Unterhaltsames und Lehrreiches. Alles muss der Leser seinem Lehrer ja nicht glauben, vor allem dann nicht, wenn er ihn hier und da bei einigen Ungenauigkeiten erwischt ( Es war nicht Alexander III sondern Alexander II der den Ukas zur Zwangsrussifizierung der Ukraine 1876 erließ, und der Spruch von der "Religion als Opium für das Volk" stammt bekanntermaßen nicht von Lenin sondern von Marx.) Aber das sind natürlich nur Kleinigkeiten eines wie immer ungemein anregenden Buches. Mein Wunsch für das nächste Werk: "Europa im Zangengriff - wie wir noch mal davon kommen können". Oder ist es bereits zu spät?
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29 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Interessant für den kritischen Leser, 21. April 2007
Peter Scholl-Latour - Russland im Zangengriff
Wieder einmal ist Peter Scholl-Latour von einer seiner Reisen durch die Welt zurückgekehrt, und veröffentlichte seine Erinnerungen und Aufzeichnungen in Buchform. Anfang des Jahres 2006 machte sich der berühmte Journalist und Autor auf eine Tour entlang der russischen Grenze. Über Weissrussland hinein nach Russland, einmal durch den Kaukasus und die Zentralasiatischen Staaten, bis nach China und schließlich zurück gen Westen in die Ukraine. Während dieser Reise erlebte er nicht nur, wie sich die ehemaligen Sowjetstaaten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelt haben, ihm fiel vor allem der Zangengriff auf, in dem diese Staaten Russland halten.
Zu den einzelnen Stationen seiner Reise gibt es eigene Kapitel. In diesen schildert er zunächst die geopolitische Lage des Landes, geht dann auf die Veränderungen ein, die sich dort seit seinen letzten Besuchen getan haben, und schließlich untersucht er die Verbindung zu Russland genauer. Um seine Reise besser nachvollziehen zu können, wäre eine gute Karte im Anhang wünschenswert gewesen. Zwar gibt es eine Karte, dort sind aber fast keine der besuchten Stationen eingezeichnet. Bei seiner Betrachtung der Situation des Landes im Bezug auf Russland, liegt der Schwerpunkt auf drei Faktoren: Einmal ist da die Präsenz der NATO, nach Scholl-Latour Amerikas Werkzeug, um Russland in die Enge zu treiben. Immer mehr der alten Sowjetstaaten werden in die NATO aufgenommen, diese somit von Russland abgekapselt, und die NATO bis an die russische Grenze ausgebaut. Zum anderen sieht Scholl-Latour im Islam eine weitere Gefahr für Russland. Einige der Zentralasiatischen Staaten wenden sich dem Islam zu, und Russland ab. Eine Wendung, die auch auf Russland übergreifen könnte, berichtet Scholl-Latour, bei seinem Besuch in Russlands autonomer Region Tatarstan. Der Zangengriff wird letztlich durch China vervollständigt. Das Land, das früher ein unterlegener Partner der Sowjetunionen war, und nun Russland weit überlegen ist.
Das Buch ist durch den typischen Schreibstil Scholl-Latours sehr gut zu lesen, und immer verständlich. Es ließt sich fast wie ein Reisetagebuch, und ist somit weit entfernt von manchen schlecht geschriebenen Sachbüchern, die durch eine, für den durchschnittlichen Leser kaum mehr verständliche Sprache überzeugen wollen. Peter Scholl-Latour ist sich wohl bewusst, dass er solche Spielereien nicht mehr nötig hat. Dies ist aber auch das größte Manko des Buches. Wie schon in seinen letzten Büchern, geht zunehmend jede Objektivität verloren. Und auch wenn Scholl-Latour noch nie sehr sachlich neutral geschrieben hat, fehlt es hieran mittlerweile vollkommen. Er hat seine festgefahrene Meinung, und von dieser rückt er keinen Millimeter ab. Zu dieser gehören auch teilweise unverständliche Sympathien für autoritäre Staatsoberhäupter der Region. So muss man als Leser schon einmal mit dem Kopf schütteln, wenn Scholl-Latour Putins Beschneidung der Meinungs- und Pressefreiheit mit der Begründung gutheißt, dass er damit für Disziplin und Ordnung im Land sorgt.
Insgesamt lohnt es sich "Russland im Zangengriff" zu lesen, wenn es um die Entwicklung der ehemaligen Sowjetstaaten geht. Peter Scholl-Latour zeigt sehr gut, wie sich einige Staaten weg von Russland, andere als Partner von Russland, wiederum andere zu islamischen Staaten entwickelten. Auch seine Beschreibung der Umkehrung des Verhältnisses Russland-China ist sehr gelungen. Vorsichtig sollte man allerdings mit Scholl-Latours Meinungen und Wertungen sein. Nicht alles, was er als Tatsache beschreibt, würden andere Experten ebenso werten. Daher ist hier ein kritischer Leser gefragt.
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42 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Weniger Selbstgefälligkeit, bitte!, 3. Januar 2007
Es war wieder Weihnachten. Pünktlich zum Fest gehörte für viele wieder ein neuer Schinken von Peter Scholl- Latour auf den Gabentisch. Welche Weltregion durfte es denn diesmal sein? Nach den USA und dem Nahen Osten in den letzten Jahren war 2006 das ehemalige Sowjetimperium dran. Russland im Zangengriff" wird aber sicher im Neuen Jahr wieder umgetauscht werden. Denn wie jedes Jahr braucht man auf das nächste Buch von Scholl-Latour nicht zu warten. Außerdem stehen meist eh die selben Weisheiten drin. Vielleicht gibt es dann: China - Der gelbe Strom gen Westen".
Verlorener Kampf am Hindukush und im Irak
Für den deutschen sicherheitspolitisch interessierten Leser kann es sich Scholl-Latour nicht nehmen im Prélude über die Deutschen am Hindukush zu berichten. Wer meint hier nur wieder eine Kopie seiner Zeilen aus Weltmacht im Treibsand" (2005) zu lesen, sieht sich getäuscht. Neue Impressionen bringt er hier auf den Tisch.
Denn der Autor bereiste den Norden Afghanistans im Sommer 2006. Die Problematik vor Ort schildert er wie immer in seiner sprachlich treffenden Manier: Dort überschneiden sich ja die Kraftlinien. In Kabul steht die ratlose Atlantische Allianz vor einem gordischen Knoten, und es ist kein Alexander in Sicht, der ihn mit seinem Schwert durchschlüge."
Wie in seinem 2005 erschienen Buch über den Mittleren Osten rügt er die NATO Einsatzführung in Afghanistan. Die Irakisierung Afghanistans ist in vollem Gange", schreibt der langjährige Journalist und ehemalige Chefredakteur des Magazins Stern. Sowohl Afghanistan als auch den Irak gibt er für die westliche Allianz verloren: Weder der Krieg im Irak noch der Feldzug in Afghanistan können von der westlichen Allianz gewonnen werden."
Wahrheiten, die weh tun
Natürlich werden sich viele nicht dieser Meinung anschließen wollen, doch bislang waren seine Fingerzeige meist erstaunlich korrekt und zeugten von Sachverstand. Dass Wahrheit wehtut und betroffen Verantwortlichen schwer im Magen liegt, musste der Autor bei seiner Einreise nach Afghanistan erfahren. Er schreibt, dass er nicht gerade mit offenen Armen von der Bundeswehrführung in das Land am Hindukush gelassen worden sei. Trotzdem konnten wieder zahlreiche informelle Gespräche in seine Arbeit einfließen.
Selbstdarstellung a la Schröder
Sein Fachwissen bringt der Autor stets und gerne mit ein. Leider kokettiert er damit - manchmal zu oft. Die Selbstgefälligkeit bei Scholl-Latour ist in seinem Buch leider stärker als bei Schröders Entscheidungen" ausgeprägt. Gleichzeitig weiß er aber um seine Wirkung, wenn er schreibt: Bei der Veröffentlichung dieses Buches bin ich auf den Vorwurf gefasst, dass ich kein Slawist sei und somit keine Berechtigung habe, die Lage in Russland zu schildern. Ich bin mir des Handicaps wohl bewusst. Aber welche Erkenntnisse haben denn die ´old Russia hands´ oder die unermüdlichen Kreml-Astrologen in den vergangenen Jahrzehnten zutage gefördert? Sie haben durchweg falsch gelegen mit ihren Prognosen, Deutungen und Personeneinschätzungen."
Der Mann ist von sich überzeugt. Viele Male führt er dies ins Felde, weist auf seine langjährigen Korrespondentenerfahrungen zurück, die ihn als Experten auswiesen. Auch weiß er um sein fortgeschrittenes Alter, wenn er warnt und spitzbübisch zu lächeln scheint: Nehmt euch vor alten Männern in acht, sie haben nichts zu verlieren!"
Reise durch die Geschichte
In allen Kaptiteln fliegt der Autor wie üblich durch die Geschichte. Er nimmt den Leser mit auf seinen Reisen der allerjüngsten Vergangenheit im Frühjahr und Sommer 2006. Ferner erinnert er sich an frühere Exkursionen in diese Regionen und lässt diese Erinnerungen immer wieder Revue passieren. Gleichzeitig kombiniert er seine persönlichen Impressionen mit historisch-politischem Wissen.
Die einzelnen Kapitel zu Weissrussland, Russland, Tatarstan, Russisch-Fernost, Ussuri, Mandschurei, China und Ukraine können auch separat gelesen werden. Meist stehen am Anfang Landschaftsbeschreibungen der jeweiligen Region. Der Leser taucht ein in die Kälte Sibiriens, den Gestank betender Menschen oder erstarrt vor Ehrfurcht vor in Stein gehaunen Ikonen der russischen Vergangenheit.
Humor, Ironie
Auch kommt sein bissiger Humor nicht zu kurz und seine Lebensweisheiten bereiten einen kurzweiligen Lesespaß: Aber Boris hat eine fröhliche, zupackende Art, und wenn er wirklich zur Unterwelt gehört, so kann ich im Rückblick auf ein langes Leben bestätigen, dass Ganoven oft verlässlicher und vergnüglicher sind als prinzipienreitende, prätentiöse ´Ehrenmänner´".
Sehr oft gelingt es Scholl-Latour die Ironie durch die Verwendung sprachlicher Mittel zu forcieren. Er verwendet sehr oft treffende metaphorische Bilder, die den Inhalt für eine breite Leserschaft verständlich machen. So spricht er von politischem Kesseltreiben", Professionellem Wanderzirkus" verschiedener Organisationen oder von der Futterkrippe von McDonalds". Auch sehr schön: Damals wehte an der hohen Kreml Mauer noch der eisige Hauch der Geschichte, ein Atem von Grauen und Furcht." Sprachlich überzeugt Scholl-Latour auf der ganzen Linie
Nach dem Buch ist vor dem Buch
Insgesamt könnte das Buch mit weniger Selbstgefälligkeiten auskommen. Die zahlreichen Einschübe über kleinere Begebenheiten ließen sich auch streichen, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ferner wird das Buch dem Titel nur bedingt gerecht. Den erwähnten Zangengriff vom Cover des Buches verspürt der Leser recht selten. Der Titel verspricht mehr. Scholl-Latour kann den Druck auf das ehemalige Zarenreich nicht transportieren.
Der mittlerweile 80 Jahre alte Scholl-Latour ist sicher immer noch so agil, dass spätestens Weihnachten 2007 das nächste Werk zu kaufen sein wird. Dann vielleicht über China?
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