"Wieder ein Buch darüber wie Russland angeblich sein soll!", dachte ich als ich "Russki extrem" in Händen hielt und wollte es schon den vielen anderen mal mehr und mal weniger lustigen Werken mit den gängigen Vorurteilen zuordnen, die über diese wunderbare, wenn auch besondere Land und seine beeindruckenden Menschen geschrieben wurde.
Ich selbst habe lange in Russland sowohl in der Hauptstadt Moskau als auch in der tiefen russischen Provinz gelebt und gearbeitet, habe die Sprache gelernt und durfte abseits der touristischen Pfade, die Ausländer sonst von Russland mitbekommen, mit echten Russen zusammen sein, die mir eine wirkliche Liebesbeziehung zu diesem widersprüchlichen Land ermöglicht haben. In den meisten Alltagssituationen gelingt es mir sogar, nicht als Ausländer aufzufallen.
Weil ich aber gerade die immer wieder niedergeschriebenen Vorurteile nicht mehr lesen konnte, die mir in so oft präsentiert wurden und von denen ich den Eindruck hatte, die Menschen, die sie veröffentlicht haben, hätten lange keinen Fuss mehr auf russischen Boden gesetzt oder nie das wirkliche Russland kennengelernt, habe ich lange kein Buch über dieses Land mehr in die Hand genommen.
Nichtsdestotrotz habe ich begonnen Reitschuster, dessen sonstige Bücher über die politische und soziale Situation in Russland nur als außerordentlich zu bezeichnen sind, und seine Alltagserfahrungen zu lesen und wurde auf keiner Seite enttäuscht. Sicher wird deutlich, dass der Focus-Korrespondent seinen Lebensmittelpunkt in Moskau hat, das nun nicht wirklich als das typische Russland gelten kann, aber dennoch konnte ich mich in fast allen seinen Erzählungen in der heutigen Situation dort wiederfinden und die echten, aktuellen Eindrücke, die ein Westeuropäer, ja vielleicht auch besonders ein Deutscher, vom postkommunistischen Russland bekommt, nur bestätigen. Einige Abstriche sind vielleicht zu machen, denn mir ist zum Beispiel die Verwirrung um das russische "Du" oder "Sie" so nie aufgefallen; das mag aber auch einer anderen Region oder Lebenssituation geschuldet sein.
Boris Reitschuster schafft es meiner Meinung nach ganz außerordentlich, die Situation darzustellen, der ich mich auch so oft gegenüber fühle, nämlich an den Besonderheiten des Landes, seinen Macken und für Außenstehende manchmal unverständlichen Regeln zu verzweifeln und das Land sowie seine Menschen, ja vielleicht sogar diese gehassten Macken, aber dennoch zutiefst zu lieben, machen sie das Leben in Russland doch so besonders. Dabei ist er, auch wenn andere Rezensenten das anders sehen, meiner Ansicht nach nie abwertend oder respektlos, sondern stellt wirklich objektiv da, was ein Westeuropäer wundern und bewegen wird, wenn er sich entschließt, eine Zeit in Russland zu verbringen. "Russki extrem" ist kein objektives Sachbuch über die Situation in Russland (solche hat Reitschuster auch geschrieben), es sind unterhaltsame Episoden, die sich fürs zwischendurch Lesen eignen und vielleicht einen Einstieg zu vermitteln mögen, warum man sagt, dass man Russland entweder liebt oder hasst. Meiner Meinung nach hat er damit ein Buch geschrieben, dass es schafft dem Leser Russland so nahe zu bringen, wie Gerd Ruge, den ich dadurch aber keinesfalls abwerten will, es bei mir zumindest nie vermocht hat.