Als die engagierte russische Journalistin Anna Politkovskaja am 7. Oktober 2006 in Moskau erschossen wurde, da wurde ihr Name plötzlich rund um den Globus bekannt. Man hat ihren Tod immer wieder in Zusammenhang gebracht mit dem russischen Geheimdienst, und obwohl man in einer "Halbdiktatur", wie Politkovskaja Putins Russland nennt, einen Mord nicht wirklich aufklären kann, dürfte ziemlich klar sein, dass vielleicht sogar Putin selbst, in der Art, wie Despoten das tun, den direkten oder indirekten Auftrag zu diesem Mord erteilt hat. Die Aufregung in der westlichen Öffentlichkeit war heftig, aber kurz. Zu sehr ist leider die herrschende Politik den wirtschaftlichen Interessen verfallen, als dass sie Kraft gehabt hätte, hier wirklich auch nachdrücklich zu protestieren. Die Art und Weise, wie sich ein deutscher Exkanzler, Gerhard Schröder, hier hat "einkaufen" lassen mit seinen millionenschweren Beraterverträgen für Gasprom, ist beschämend. Wohltuend dagegen, wie Angela Merkel immer wieder sich eines kritischen Tons gegenüber Wladimir Putin bedient, der in diesen Wochen sich zu einem wirklichen Despoten echt russischer Provenienz zu entwickeln scheint.
Einer kleinen, kritischen Öffentlichkeit in Deutschland war Anna Politkovskaja schon seit Jahren bekannt. Ebenfalls im Dumont-Verlag erschien schon 2003 ihre Dokumentation "Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" und dann 2005 das Buch "Putins Russland", in dem sie genau beschrieb, wie Putin seine Macht ausgebaut hat und dass er vor nichts zurückschreckt, um sie zu sichern.
Ihr jetzt mit einem berührenden Vorwort der ehemaligen ARD-Korrespondentin in Moskau und jetzigen Leiterin der Monitor"-Redaktion des WDR, Sonja Mikich eingeleitetes Tagebuch umfasst den Zeitraum von Dezember 2003 bis zum Herbst 2005. Lückenlos wird hier eine innenpolitische Situation dokumentiert, die in den westlichen Medien nie so kritisch und nüchtern beschrieben wurde. Deutlich wird die Art und Weise, wie das "System Putin" funktioniert und mit welchem dramatischen Verlust von Grund- und Menschenrechten es bezahlt wird. Eine Presse, die immer stärker scharfen Restriktionen unterworfen und wenn diese nicht zur Disziplinierung helfen, auch kurzerhand gleichgeschaltet oder verboten wird, ist nicht mehr fähig, größeren Widerstand entgegenzusetzen. Tut sie es doch, müssen ihre Vertreter damit rechnen, es mit dem Leben zu bezahlen.
Das Buch ist ein bewegendes Dokument einer engagierten und furchtlosen Frau. Nach seiner Lektüre und auch nach der Bewertung der jüngsten Nachrichten aus Russland fragt man sich, ob dieses Volk und Land überhaupt fähig ist zu einem demokratischen Gemeinwesen, oder ob es, wie es Rudi Dutschke in einen Aufsatz 1977 einmal formuliert hat, so stark seiner halbasiatischen Produktionsweise verhaftet ist, geschuldet seiner schier unvorstellbaren Flächen und Dimensionen auf der Landkarte, dass es immer anfällig ist für zaristische und despotische Entwicklungen, die nur noch Einzelpersonen das ausrücken lassen, was in einem demokratischen Land Parteien, eine unabhängige Presse und andere kulturelle und religiöse Organisationen und Bewegungen tun.
Sonja Mikich scheint das ähnlich zu sehen, wenn sie am Ende ihres Vorwortes schreibt:
"Mich berührte der Mord an Anna Politkovskaja besonders, weil sie unerschrocken und uneitel vorlebte, dass Journalismus und humanistische Werte sehr wohl etwas miteinander zu tun haben. Ein Vorbild, vor dem ich mich gern verneige. Ich muss nur ihr Gesicht erinnern, scharfsinnig, klar, schön, bewusst. Sie lehrt bis weit in die Zukunft hinein: Russland ist nicht nur Beute der zynischen Elite. Nicht nur eine von 'Plünderern und Invaliden' bevölkerte Gesellschaft. Russland ist auch eine Frau, die die Kommandozentralen herausforderte - so gut wie im Alleingang."