Ein dickes Reclam-Heft"chen" mit einer Anthologie der russischen Lyrik vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart, zweisprachig gar -- das klingt verheißungsvoll. Schließlich ist Reclam zu Recht bekannt für sorgfältig edierte und kommentierte Ausgaben, und dieser Band macht keine Ausnahme. Die Gedichte sind chronologisch geordnet, die russischen Originale und deutschen Übersetzungen im lesefreundlichen Paralleldruck gegenübergestellt, und der Anmerkungsapparat im Anhang ist hilfreich und solide. Ludolf Müllers Einleitung schließlich bietet einen ersten Überblick über Geschichte und Entwicklung der russischen Lyrik.
Die Auswahl der Dichter geht in Ordnung, kaum ein wichtiger fehlt. Über die jeweils ausgewählten Gedichte gerade der bekannteren Dichter (und davon gibt's in der russischen Lyrik jede Menge!) kann man sich immer streiten; entscheidend ist: Insgesamt überzeugt die Auswahl. Ein wenig irritiert gelegentlich die Quantität: Dass die ganz Großen gebührend berücksichtigt werden, versteht sich von selbst. Aber warum sind z.B. Anton Del'vig, Valerij Brjusov, Daniil Charms oder Ol'ga Berggol'c (allesamt fürwahr keine Stümper!) gerade mal mit einem oder mageren zwei Beispielen vertreten, warum fehlt ein Aleksandr Vvedenskij ganz, während einige andere, die nicht ganz zu Unrecht wenig bekannt sind, relativ gut vertreten sind? -- Nunja, die altbekannte Krankheit aller ehrgeiziger Anthologien: Irgend ein Beckmetzger findet immer ein Opfer für sein Beckmesserlein...
Auswahl und Aufbereitung gehen also in Ordnung; da gibt es nichts wesentliches zu beanstanden.
Allerdings sollte man das Russische einigermaßen im Griff haben, wenn man zu dieser Ausgabe greift, denn bei den deutschen Übersetzungen der Gedichte handelt es sich um Interlinear-Versionen, also um Prosa-Übersetzungen, die Metrum, Versmaße, Reimschemata und dergleichen außer Acht lassen. Das ist hilfreich, wenn man zwar Russisch kann, aber nicht dauernd unterm Lesen das Wörterbuch hervorkramen will. Und auf solche Zwecke sollten Interlinear-Übersetzungen auch eigentlich beschränkt sein. Eigentlich...
Für Leser, denen das Russische spanisch vorkommt, ist diese Ausgabe nämlich ungeeignet; schließlich ist bei Gedichten der reine Wortlaut nur die halbe Miete, wenn überhaupt.
Um's trivial auszudrücken: Die Dichter denken sich was dabei, wenn sie für ein Gedicht z.B. ein bestimmtes Versmaß, ein bestimmtes Reimschema, Assonanzen (Gleichklänge) oder einen bestimmten Rhythmus wählen. Nicht selten stellt die äußere Form den wortwörtlichen Inhalt sogar in Frage; so lässt z.B. Valerij Brjusov in "Kon' bled'" ("Das fahle Pferd") Verfall und Verwesung im angedeuteten Walzertakt vonstatten gehen.
Auf solche Aspekte hätten die Herausgeber hinweisen sollen, denen es laut Vorbemerkung darum geht, "die gedankliche Entwicklung des Gedichts und die Genauigkeit der Bilder" exakt wiederzugeben. Das klingt im ersten Moment überzeugend -- aber was, wenn z.B. die äußere Form die gedankliche Entwicklung in Frage stellt, wie im bereits erwähnten "Fahlen Pferd"?
Außerdem setzt das Argument der Herausgeber stillschweigend voraus, dass eine Übersetzung, die "die Zwänge [!] des Reimschemas und des Metrums" berücksichtigt, diese Forderung nach exakter Wiedergabe von Gedankengängen etc. nicht erfüllen kann. Stimmt das, oder wird hier nur ein altbackenes Gemeinplätzchen wiedergekäut? Werden im Gedicht überhaupt Gedanken ausschließlich auf der Wortebene entwickelt?
Man könnte noch weiter bohren in dieser Richtung und fände in der Argumentation der Herausgeber doch keine Antwort auf diese Fragen.
Da das Konzept dieser Ausgabe aber auf justament dieser Behauptung basiert, sind diese Gegen-Überlegungen keine akademische Spitzfindigkeit.
Ein Beispiel zur Illustration: Zabolockijs Gedicht "Osen'" ("Herbst") beginnt in der hier abgedruckten Interlinear-Übersetzung so:
Wenn der Tag vorübergeht und die Natur / die Beleuchtung nicht selbst wählt, / stehen die großen Räume der herbstlichen Wälder / wie saubere Häuser im Freien. / In ihnen leben Habichte, in ihnen übernachten Raben / und die Wolken oben ziehen dahin wie Gespenster.
In einer "poetischen" Übersetzung von Andreas Reimann liest sich das *etwas* anders:
Vergeht der Tag und wählt sich die Natur / Nicht länger selbst die Beleuchtung mehr, / Stehn Herbstwald-Räume auf der weiten Flur / Wie saubre Häuser an der Luft umher. / Dort lebt der Habicht, und dort schlafen Krähen, / Und Wolken wie Gespenster drüber wehen.
Hier hat also ein ganz gewöhnlicher, nicht einmal überragender Übersetzer das Kunststück vollbracht, äußere Form und "Genauigkeit der Bilder" unter einen Hut zu bringen, die Grundvoraussetzung einer guten Übersetzung, mit der auch einem Leser geholfen ist, der mit dem Originaltext nichts anfangen kann.
Und genau solche Übersetzungen findet man hier kaum. Das ist keine Kritik an den Übersetzern selber; Interlinear-Übersetzungen haben unter bestimmten Voraussetzungen ihre Berechtigung. Allerdings schränken sie den potentiellen Leserkreis einer Anthologie deutlich ein. Auch das ist noch kein Kritikpunkt, oder besser: Es wäre kein Kritikpunkt, würde denn im Titel darauf hingewiesen.
Also: Eine dicke Empfehlung für Lyrikfans, die einigermaßen Russisch können. Alle anderen sollten die Finger von dieser Anthologie lassen.