Audiobook-Rezensionen
Wie ein roter Faden zieht sich durch russische Literatur der Wechsel von staatlicher Zensur und Tauwetter. Dass das Tauwetter immer nur von kurzer Zeit ist, zeigt sich aktuell wieder einmal. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Literatur hier häufig besonders intensiv ist. Russische Literatur ist immer geistiger Widerstand, Utopie, Träumen von Erlösung und grenzenlose Zärtlichkeit.
Die akustische Reise ist in vier Abschnitte, jeweils eine CD, unterteilt. Sie beginnt beim Igor- Lied und geht bis zur Goldenen Ära Alexander Puschkins, des Dichters, der die Welt auf die russische Literatur aufmerksam machte, und bis zu Nikolaj Gogol, dem Vater der modernen Prosa. Es folgen die großartigen kulturellen Leistungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: die Werke von Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Iwan Gontscharow und des Giganten Lew Tostoj. Anton Tschechow schließt diese Periode ab.
Mythen der Moderne überschreibt Dutli die literarische Epoche vom Ende des 19. bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Symbolismus Baudelaires und Verlaines übte auf die Schriftsteller eine große Faszination aus. Akmeismus und avantgardistischer Futurismus sind die Säulen der modernen Poesie. Nach dem Oktoberumsturz geht Marina Zwetajewa ins Pariser Exil, Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam ziehen sich ins innere Exil zurück. Für die Prosa jedoch waren die zwanziger Jahre eine unglaublich fruchtbare Zeit. Man experimentierte und überschritt Grenzen: das Silberne Zeitalter der russischen Moderne entstand. 1920 erschien der Roman Wir von Jewgeni Samjatin. In dieser Anti-Utopie warnt der Autor vor Totalitarismus und dem Untergang alles Individuellen; Aldous Huxley und George Orwell wurden davon stark beeinflusst! In diese Epoche gehören auch die Stalin-Opfer. Die Liste ist lang: Isaak Babel, Boris Pilnjak, Daniil Charms sind nur einige. Auch der Lyriker Mandelstam musste für seine Dichtung mit dem Tod bezahlen. Marina Zwetajewa erhängte sich. Mit dem berühmten Vladimir Nabokov endet diese Epoche.
Stalins Tod (1953) brachte eine kurze Verschnaufpause, doch die Zensur ging weiter. Der bekannte Roman Doktor Schiwago von Pasternak konnte nur im Exil, in Italien, erscheinen. Und der Staatsfeind Solschenizyn wurde ins Lager geschickt, der große Joseph Brodsky wurde ausgewiesen. Als Gorbatschow 1985 die Bühne betrat, kehrten die Avantgardisten und Exilanten zurück. Vergangenheitsbewältigung hieß jetzt auch, dass großartige Bücher zum ersten Mal in Russland veröffentlicht wurden. In wenigen Jahren musste die russische Literatur alle Tabubrüche nachholen. Vladimir Sorokin, der Schocker, entlarvte in seinem Roman die Sprache als Hure. Viktor Pelewin ist dem Zeitgeist mit seinem Konsumwahn auf der Spur, Ljudmila Ulizkaja beschreibt Familiendramen. Auch Oleg Jurjew, in Frankfurt lebend, zählt zur neuen russischen Literatur Und natürlich die ganze Krimi-Flut. Fazit: Nach diesem akustischen Rundgang ist man wirklich gespannt, wie es weitergeht.
Original-Lesung, Spieldauer: ca. 272 Minuten, 4 CD. Mit Booklet.
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Kurzbeschreibung
Keine Kultur ist derart von Klischees zugepflastert wie die russische. Doch was sich hinter ewigem Frost und Wodka, Rasputin und Väterchen Stalin auftut, ist eine literarische Landschaft von ungeahnter Weite und Vielfalt. Der beste Weg, Rußland zu verstehen, führt noch immer über seine reiche Literatur. Neben den ehrfurchterregenden Giganten Tolstoj und Dostojewski gibt es seit je wunderbare Erzähler und hinreißende Dichter, die abgründige Magie der Märchen, die verblüffende Weisheit der Sprichwörter und Legenden. Ralph Dutli führt auf seinem Rundgang durch die russische Literatur ein in die Wunder einer Welt, die man nie ganz verstehen, an die man nur glauben kann, wie ein Dichter des 19. Jahrhunderts behauptete.
CD 1: Wirklich wie im Märchen / Vom Igor-Lied bis Puschkin und Gogol CD 2: Die Gaben der Giganten / Von Dostojewski und Tolstoj bis Tschechow CD 3: Die Mythen der Moderne / Vom Symbolismus bis zur späten Achmatova und Nabokow CD 4: Dissidenz und Underground / Von Solschenizyn bis Sorokin