In diesem Album ist Anna Netrebko meiner Meinung nach wesentlich besser aufgehoben, als in ihren vorigen Cds.
Ihre Strategie - oder die ihres Labels? - ist klug: Als Russin scheint sie prädestiniert für russische Rollen zumal, wenn Sie mit ihrem großen Mentor Valery Gergiev zu hören ist.
die gewählten Stücke sind zudem oft Raritäten, so dass nicht prüfbar ist, ob Netrebko hier als Nachfolgerin großer russischer Diven gelten kann.
Tatsächlich finde ich, dass es Netrebko zugute kommt, in ihrer Muttersprache zu singen; sie klingt idiomatischer als in italienischen Rollen. Das dunkle aber kühle Timbre bekommt durch die gaumigen Laute eine wärmere und charakteristischere Farbe. Ihre Stimme ist keineswegs so voluminös wie die vieler russischer Diven der Vergangenheit (z.B. Galina Vishnevskaya), jedoch sehr klar fokussiert und nicht so scharf. Dadurch dringt sie durch den Orchesterklang.
Die Auswahl der Stücke ist sehr lobenswert: Da gibt es viel an schöner Musik zu entdecken: Zum Beispiel die beiden sehr melancholischen Rachmaninow Lieder oder Rimski-Korsakows Schneeflöckchen. Langsame Musik wie im Arioso aus Tschaikowskys Jolanthe kommt ihr zu Gute, weil die Stimme manchmal Zeit zum Einschwingen braucht. Die Höhe funktioniert gut, v.a. wenn sie die Stimme zurücknimmt: das hat eine sehr traumverlorene, unnahbare Qualität.
Aber auch in der Kavatine der Antonida aus Glinkas "Ein Leben für den Zaren" finde ich sie gut, wenn auch nicht überrumpelnd virtuos und eloquent(wie z.B. die stimmlich weit angespanntere Virginia Zeani). Zudem ist sie nicht immer ganz sicher, v.a. bei den Acuti und den etwas atemlosen Koloraturen. Die virtuoseren Arien Glinkas bilden einen willkommenen Kontra-Punkt zu den vielen langsamen Stücken, zeigen jedoch, dass Netrebko, deren kühle Stimme Perfektion suggeriert, in bewegter Musik keineswegs immer technisch perfekt ist. Zudem fehlt z.B, in Tschaikowskys "Pimpinella", eine plastische Ausformung des Textes (v.a. der Konsonanten)eine stärkere dynamische Stufung der Stimme und eine nuancierte Stimmfärbing z.B. in dem wiederholten Wort "Pimpinella".
Sie wirkt dadurch wie ein "Undinen-Wesen".
Gerade diese Eingenschaften kommen ihr als Natascha wieder entgegen: Hier färbt sie jedoch viel kontrastreicher: Offensichtlich eine von Netrebkos besten Rollen.
Netrebko beschließt dieses gute Rezital mit der großen Briefszene aus Eugen Onegin: "Glutvoll" wie in einer Kritik zu lesen, möchte ich ihren Vortrag nicht nennen. Aber sie singt durchaus lebendig (z.B. was die Farben der Stimme betrifft) und kommt mit den großen Bögen gut zurecht. Hier zeigt sich auch, dass Valery Gergiev und das Orchester des Mariinkski-Theaters gut mit der Sängerin harmonieren: Gergiev lässt die Klangwogen nicht überhand nehemen, so dass Netrebko nicht forcieren muss. Der Klang ist allerdings oft seltsam überhallig, was man von DG üblicherweise nicht gewohnt ist.
Ein empfehlenswertes Album, schon allein deshalb, weil es in diesem Repertoire wenig Aufnahmen als Konkurrenz gibt.