Wladimir Kaminer war mir bislang nur aus dem Frühstücksfernsehen bekannt. Dort war ich immer wie gebannt, wenn er Berlin für sich entdeckt hat. Wie er alltägliches aufnimmt und uns seinen Blick darauf mitteilt ist einfach mitreißend. Es wirkt alles so aufrichtig, vor allem wenn man dabei immer sein Gesicht vor Augen hat, in dem die Begeisterung eines kleinen Jungen offensichtlich für immer eingeschweißt geblieben ist.
Doch Kaminer weiß es auch, mit dem geschriebenen Wort die Menschen bei sich zu behalten. Wenn er kleine Episoden seines Lebens erzählt oder die Geschichten anderer und wie er sie empfunden hat, dann ist man mittendrin. Seine eigene Begeisterung, die Fragen vor denen er steht, alles scheint einem so nahe zu sein. Kaminer ist einer von uns, auch wenn viele der Leser außer dem gleichen Wohnort nichts mit ihm teilen. Als einer von uns schreibt er mit einem kleinen Stirnrunzeln und viel Lächeln vom Alltag und man fragt sich nach der Lektüre wirklich, warum man selbst solche Schwierigkeiten hat, scheinbare Banalitäten zu einer wertvollen Geschichte zu machen. Vielleicht muss man sie auch gar nicht dazu machen. Vielleicht sind es ganz einfach wertvolle Geschichten und wir sind nur betäubt und abgelenkt genug, es einfach nicht mehr zu realisieren. Was muss es doch für ein Geschenk sein, den Tag bewusst und achtsam zu erleben? Wir haben die Wahl und Kaminer zeigt uns, wie dieselbe Welt aussehen kann, wenn man anders darauf schaut. Nicht immer toll, auf keinen Fall die Spaß-Gesellschaft der wir so krampfhaft hinterher hecheln, aber auch nicht ohne eine gewisse unfreiwillige Komik.
Toll ist auch, dass Wladimir Kaminer uns nicht erzählt, wie seine Philosophie aussieht. In diesem Buch werden die Lebensweisheiten nicht als Zaunpfahl verkleidet, mit dem man dann dem Leser zuwinkt. Er bleibt sich treu und schreibt einfach aus dem Leben, mit einer befreienden Gleichgültigkeit. Sagen die Leute, es sei ein tolles Buch und habe sie zum denken angeregt: Gut. Sagen die Leser, sie finden es banal und öde, ihn in den Erinnerungen an sein bisheriges Leben zu begleiten: Auch Gut. Zumindest empfinde ich das so. Es scheint gewiss, dass Kaminer sich nicht darum schert, ob das Buch nun einen Hype erfährt oder nur von einem ausgewählten Kreis gelesen wird.
Jeder, der sich für Russendisko interessiert sollte eben wissen, dass es sich um Alltagsgeschichten handelt, in Episoden verfasst. Die große Story dahinter ist das Leben, aber man hat keinen Anfang und kein Ende bei diesem Buch. Es erzählt Lebensabschnitte von Stunden, Tagen oder Wochen, sicherlich gefärbt durch eine Philosophie, die einem aber nicht dezidiert dargelegt wird sondern ganz selbstverständlich Bestandteil der jeweiligen Geschichte ist und im Hintergrund wirkt.