Die Rede ist von dem heute 47-jährigen Star-Modefotografen Russell James (Thomter), der die Schönen dieser Welt fast alle vor die Linse bekam und dem - wie er sagte - seine Erfahrungen als Polizist einer australischen Terrorspezialeinheit für die Arbeit mit Models hin und wieder zugute kam.
Und in Flip-Flops läuft er am Liebsten rum, weil er sich in Schuhen eingeengt fühlt und so kein einziges gescheites Bild schießen kann.
Vor mir liegt erneut dieser in jeder Hinsicht gewichtige 304 Seiten starke Bildband, mit einer erstmaligen Retrospektive seiner Werke, die ich in den letzten Tagen mehrfach angesehen habe, immer wieder andere Highlights entdeckend. Und ich werde mir die angenehme Menge an Fotografien noch einige Male ansehen, wobei keinerlei Gefahr besteht, dass ich dabei müde werde. Genau so wird es jedem anderen interessierten Betrachter ergehen.
Dies vorab.
Bevor Sie sich diese Fotografien ansehen - was Sie wirklich tun sollten, wenn Sie Freude an einer gelungenen fotografischen Wiedergabe eines Moments haben können - ist es natürlich empfehlenswert, die vorangestellten Anmerkungen von Heidi Klum (sehr spritzig, wie es ihre Art ist) und von Sharen Jester Turney (eher journalistisch professionell und abgestellt auf Russells technische Fertigkeiten) zu lesen, aber dann unbedingt auch die 9 Anmerkungen des Künstlers: VON MÜLLTONNEN ZU SUPERMODELS IN NEUN EINFACHEN SCHRITTEN (Sozialbauten - Mülltonnen - Hundetraining - Protective Services und Counterterrorist Intelligence - Modeling - Bekanntschaft mit einem Mädchen aus Schweden und Eigentümer einer Model-Agentur - Fotografie - Der Durchbruch - Was Ihnen niemand von vornherein sagt).
Wer das aufmerksam liest, erfährt über den Menschen Russell James genau das, was ihn später zu seinem Beruf so außergewöhnlich konditionierte. Man versteht, weshalb Mülltonnen neben Supermodels eine gleichwichtige Bedeutung haben können, weshalb er sich nach fünf Jahren im Polizeidienst auf den WALKABOUT - den Initiationsritus begab, wie es die australischen Ureinwohner bezeichnen würden, warum er selbst als männliches Model arbeitete und wie er über die Inhaberschaft einer Modelagentur zur Fotografiererei kam (erster Besuch in einer Dunkelkammer erst 1990!), wann er seine Karriere als Fotograf in New York wirklich begann und was es nervlich kostet, in diesem Metier zu bestehen.
Sein Rat ist entsprechend drastisch: Man muss sich täglich seine Motivation vergegenwärtigen, seiner Inspiration und seinen Visionen treu bleiben, und man darf nicht vergessen, dass man sich immer weiter verbessern kann. Mülltonnen sind ein guter Ausgangspunkt.
Was machen die Fotos dieses Künstlers so außergewöhnlich? Ich denke, er befreit die Models von jedem Glamour, er zeigt sie verwundbar, oft auch ausgeliefert und er lässt diesen Anflug eines Eindrucks sofort wieder verschwinden. Das Resultat: ein einzigartiges Foto - egal ob in Farbe oder in Schwarzweiß. Immer wieder bevorzugt von ihm, die Schärfe auf nur einem Punkt des Objekts. Die sich dadurch zeigende, steigernde Unschärfe um diesen Mittelspot herum, macht die Aufnahme so beeindruckend, so unmittelbar für den Betrachter, denn genau so sehen wir mit unseren Augen und nicht anders.
Wer selbst fotografiert kennt die Situation, dass ein Shooting plötzlich für alle Beteiligten, ob vor oder hinter der Kamera, ich sage einmal: unangenehm werden kann.
Wie viel mehr besteht diese Gefahr bei einer Aktfotografie oder einer oft noch intimer anmutenden Nahaufnahme eines Gesichts. Hier muss alles Sexuelle ausgeblendet werden. Es muss freundschaftlich vertraut zugehen. Das Model muss nach meiner Auffassung nicht den Fotografen, sondern die Kamera vergessen, und genau das gelingt diesem Meister, immer wieder und immer wieder noch beeindruckender als gerade eben noch gesehen.
Nun sind das weit überwiegend auch alles Fotos von Schönen, von professionell Schönen dazu, und das macht auch dem Fotografen manches leichter - manches Mal. Die Gefahr einer formelhaften Darstellung gilt es abzuwenden oder besser, erst gar nicht aufkommen zu lassen, was dem Künstler hier beispielhaft gelingt - und was die Arbeit mit Model-Amateurinnen so außergewöhnlich machen kann, zeigt zum Vergleich der Bildband
Women only von Stefan May.
DER BLICK AUF SCHÖNHEIT VERÄNDERT SICH IM LAUF DER JAHRE, DEFINITIV, VORNEHMLICH DURCH LEBENSERFAHRUNG, sagte Russell James und er beweist dies auch mit seinen Aufnahmen von so ganz anderen Motiven, wie auf den Seiten 211, 216/217, 227, 242/243, 246/247 oder 250/251 ff. beispielhaft aufgezeigt.
Wenn ich all diese genialen Fotografien betrachte, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass dieser Fotograf in New York, in der meist umkämpften Stadt der Welt, wie manche sagen, lebt, wo es so etwas wie Zeit zwar gibt, von der aber keiner genug hat. So verwundert mich nicht, dass dieses Exmitglied einer Spezialeinheit nach eigenen Aussagen heute mit Stift und Zettel versehen nur schlafen kann, um sofort aufzunotieren, was ihm vielleicht ein Traum als neue Idee vermittelte.
Fazit: Ein kraftvoller Bildband, der zu Recht eine Retrospektive genannt werden darf, und ich lasse diesen Fotografen zum Abschluss gerne noch einmal zu Worte kommen, denn wer, wenn nicht er, weiß, von was er bezüglich seiner Arbeit spricht:
WAS MEINE ARBEIT ANGEHT, BEDEUTET ULTIMATIVE SCHÖNHEIT, EINE ATEMBERAUBENDE LANDSCHAFT UND EINEN WUNDERSCHÖNEN NACKTEN FRAUENKÖPRER ZU KOMBINIEREN.
Ein Bildband, der jeden faszinieren wird, wenngleich sicherlich jeden auf andere Weise. HMcM