RUNRIG –„Everything You See“
Die Tatsache, dass Runrig 2007 bereits auf ihr 34jähriges Bestehen zurückblicken dürfen, hat das schottische Sextett nicht etwa tranig oder gar selbstgefällig gemacht, sondern stattdessen dazu motiviert, eine weitere energiegeladene und leidenschaftliche CD aufzunehmen. Vier Jahre nach der letzten Studio-Scheibe „Proterra“ hat der Folk-Pop-Sechser mit „Everything You See“ eine Platte hingelegt, die alteingesessene Runrig-Fans (und derer gibt es nicht wenige!) von „ihrer“ Band erwarten, gleichzeitig aber auch spannend daher kommt für eine junge Hörerschaft. Da sind sie also wieder, die viel zu lange schmerzlich vermissten epischen Melodiebögen, das sehnsüchtige Sangesorgan des Frontmanns Bruce Guthro, dazu die folkige Instrumentierung, die neben Gitarre, Bass und Schlagzeug eben auch Flöten, Tin Whistles und die akustische Gitarre zulässt.
„Everything You See“ ist tatsächlich das abwechslungsreichste Werk geworden, das die Schotten je der Öffentlichkeit präsentiert haben. Der Uptempo-Opener „Year Of The Flood“ lässt zwar noch an die Anfangstage der Formation denken, doch bereits der nächste Song „Road Trip“ erinnert beinahe an eine Hard Rock-Gruppe, wenngleich an eine mit dem für Runrig so typischen mystischen Einschlag. „Clash Of The Ash“ ist ein lässiger Gute Laune-Kracher, gefolgt von der 6 ½ Minuten-Ballade „The Ocean Road“, auf der sie erneut omni-präsent ist, die Wehmut und Weite der keltischen Kultur und somit des Runrig-Mikrokosmos. Danach kommt’s dafür als Ausgleich umso härter, mit dem heftigsten Song des Albums: „Atoms“.
Stück Nr. 6, „An Dealachadh...“, ist die erste der beiden gälischen Nummern der CD, es lädt alleine schon durch die Verwendung dieser urtümlichen Sprache zum Träumen von längst vergangenen, besseren Zeiten ein. „This Day“ ist danach das Rundum-Glücklich-Paket für alte wie neue Runrig-Fans, man will sofort mitsingen, mittanzen, mitfeiern beim Hören. Das zweite gälische Lied – „Sona“ – ist wohl die ungewöhnlichste Runrig-Komposition in jener Sprache, eine Art Heavy Rock mit Dudelsack. Und zum Abschluss dann noch drei kraftvolle Balladen („Something Got To Give“, „And The Accordians Played“, „In Scandinavia“), die schlicht zum Dahinschmelzen sind, wenn man nicht gerade ein Herz aus Stein in seiner Brust verwahrt.
„Nachdem wir auf den letzten Alben eher dem Pop als dem Rock zugeneigt waren“, analysiert Runrig-Mastermind und -Gründungsmitglied Calum MacDonald, „haben wir uns dieses Mal wieder auf die Runrig-Werte von einst zurückbesonnen, ohne deshalb ein anachronistisches Album aufzunehmen. Dieses Mal steckt jede Menge Dynamik in den Liedern, da wir erstmals in einem mobilen Studio in Schottland unter Live-Atmosphäre aufgenommen haben! Zum Teil kracht es deshalb für unsere Verhältnisse ungeheuer heftig los – es hat tierisch Spaß gebracht, sich wie ein Rocker zu fühlen“, lacht Calum. Und fügt hinzu: „Doch auch die sehr sensiblen Seiten unserer Musik spielen eine wichtige Rolle!“
Exakt, denn auch die für den Sechser so typische sehnsüchtige Melancholie kommt auf „Everything You See“ nicht zu kurz, speziell auf den beiden gälischen Songs der insgesamt elf Titel umfassenden CD. „Die Runrig-Kultur ist wirklich einzigartig“, erklärt MacDonald, „denn wir stehen zu unserer Herkunft, vor allem zur schottischen, also gälischen Kultur. Doch wir entwickeln diese permanent weiter und lassen sie dadurch modern klingen.
In Zeiten wie den unseren, in denen es in Europa kaum noch eine eigenständige Kultur außerhalb der stromlinienförmigen US-amerikanischen gibt, erscheint es uns wichtiger denn je, auf unseren schottischen Wurzeln zu beharren. Dennoch gehen zur gleichen Zeit relativ neue Bands wie Coldplay, Good Charlotte oder The Coral nicht spurlos an uns vorüber. Die haben unsere neue Platte garantiert auch irgendwie beeinflusst, weil wir vor deren Innovation den Hut ziehen.“
Calum und seine fünf Mitstreiter sehen sich anno 2007 mehr denn je als „Vorreiter einer eigenen künstlerischen Identität“, wie der Mitt-50er beharrt. „Das hat übrigens absolut nichts mit Patriotismus oder gar Nationalismus zu tun, wir sind keine sehr politisch motivierten Menschen. Doch wir lieben unsere Heimat, unsere Kultur, unsere Sprache. Das alles wollen wir mit Runrig bewahren und einer jungen Generation in hoffentlich zeitgemäßem Gewand präsentieren. Denn wer Kultur nicht bewahrt, der verdonnert sie zum Aussterben. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Menschheit weltweit irgendwann nur noch zu einem einzigen Takt tanzt.“
Garantiert zu jeder Menge unterschiedlichen Takte tanzen kann man im November dieses Jahres, wenn der Schotten-Sechser einmal mehr mit einer Tournee quer durch deutsche Konzerthallen aufwartet. Zu hören sein werden dabei „jede Menge Songs des aktuellen Albums“, schwärmt Calum, „da wir schon jetzt total neugierig darauf sind, wie die beim Publikum ankommen. Aber natürlich spielen wir auch jede Menge Klassiker, wir verfügen ja über ein ziemliches Repertoire“, feixt der sympathische Schotte. Um ernst hinzuzufügen: „Das sind wir unseren Fans schließlich schuldig – sie erst haben aus uns die gemacht, die wir heute sind. Und ich muss sagen, wir fühlen uns in unserer Position als echte Fan-Band verdammt wohl!“
(MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK)
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