Derek Meister ist mit "Rungholts Sünde" ein mittelalterlicher Kriminalroman gelungen, der alle Erwartungen an Spannung, Atmosphäre und Charaktere erfüllt, die der hervorragende Erstling geweckt hat.
Zur Fastenzeit 1392 ist es in Lübeck ungewöhnlich heiß. Zu heiß für Rungholt, dem die Kleider am (zu fülligen) Leib kleben. Zudem geht es mit seiner im Rohbau befindlichen Brauerei nicht recht voran. Die Sorge um dieses Projekt ist aber nicht so groß, wie die um den glücklichen Ausgang der Schwangerschaft seiner geliebten Tochter Mirke.
In dieser Situation spricht der Richter und Bürgermeister in Spe, Kerkring, um Rungholts Hilfe bei der Aufklärung eines bizarren Mordfalls vor.Der bärbeissige Patrizier willigt ein, nicht ohne sich für seine Ermittlungstätigkeit Brauereiprivilegien zu sichern.
Unterstützt wird der mittelalterliche Ermittler wieder von dem Kapitän seiner Handeskogge, Marek, der sich seine Hilfe aber versilbern lässt.
Die Diskussionen um Mareks Belohnung werden zu einem Running-Gag.
Auch Mareks neue Freundin Sinje wirkt mit, und verwirrt Rungholt mit ihren medizinischen Kenntnissen, wie auch durch gelegentlichen Einblick in ihre "Teufelsfenster" (ausgeschnittene Ärmel der Oberbekleidung"
Die Suche nach einem wahnsinnigen Serienmörder wird nicht einfacher durch die Anwesenheit des undurchsichtigen Conrad van der Hune, des Judas von Visby, den Kerkring aus Ehrgeiz und Prestigedenken nach Lübeck hat überführen lassen, um ihn dort zu richten.
Im Zuge der Ermittlungen wird Rungholt immer stärker zur Auseinandersetzung mit seinem eigenen, persönlichen Sündenfall gezwungen, den er so lange verdrängt hat...
Derek Meister entführt den Leser in eine andere Zeit, die er - gut recherchiert - sehr lebendig werden lässt. Seine Liebe gilt seinen Figuren (besonders Rungholt), die keinem Klischee gerecht werden, da sie nie nur gut oder nur böse, nur schwarz oder weiß sind.
Rungholt poltert, wo er besser still sein sollte. Er begehrt, wo er nicht begehren dürfte. Kurz er ist alles andere als perfekt, nie mit sich im Reinen. Das macht ihn nicht nur glaubwürdig, sondern auch immens sympathisch.
Fazit: Unbedingt lesen!!!! Wer hier das erste Mal auf Rungholt stösst, sollte zunächst, zum besseren Verständnis, "Rungholts Ehre" lesen, auf den der zweite Roman aufbaut.