Wir befinden uns zeitlich im ausgehenden Mittelalter, das Bürgertum sowie die Städte prosperieren und erleben ihre erste wirtschaftliche Blütezeit. Hier tun sich in Deutschland besonders die Städte an der Nord- und Ostsee, die sogenannten Hansestädte besonders hervor und haben eine wirtschaftliche Vormachtstellung inne. Durch diesen Städteverbund, dem geschickten Handel der Kaufleute mit Materialien und Gütern aller Art sowie dem direkten Zugang zum Meer und denn See- und Handelswegen bringen es diese Städte zu etlichem Wohlstand. Natürlich bilden sich in diesen Orten sofort mehrere Gesellschaftsschichten und auch ein funktionierendes Rechtssystem hat sich etabliert. Der eigenwillige "Held" und Hauptdarsteller dieses Buches hat es in der Stadt Lübeck als Kaufmann weit gebracht und gehört zur gesellschaftlichen Oberschicht.
An dieser Stelle muss ich allen potentiellen Lesern dieses Buches empfehlen, sich von Leben im hier und jetzt gedanklich zu lösen und eine Zeitreise ins späte Mittelalter zu unternehmen. Die Hanse mag fortschrittlich gewesen sein, aber das Leben und die allgemeinen Gepflogenheiten waren immer noch rau und der Umgang miteinander grob und ruppig. Da passt der Hauptdarsteller des Buches, obwohl er Patrizier ist, wie die Faust auf Auge zu dieser Zeitepoche. Schlau aber schroff, umtriebig aber aufbrausend, energisch aber jähzornig. Vom Äusseren her eine markante Erscheinung, gross, kräftig aber durch viel zu viel Bier und Essen auch dickleibig und aufgedunsen. Aus literarischer Sicht also eher das Gegenteil eines Helden. Und dennoch vermag er wegen seinem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden und dadurch das er das Herz auf dem rechten Fleck trägt die Gunst des Lesers zu erlangen.
Leider bleiben weitere Personen aus Rungholts Umfeld auf den ersten rund 200 Seiten doch sehr blass. Der Autor legt das Augenmerk vor allem auf die Handlung und vergisst dabei das es für das Buchgefühl des Lesers wichtig ist mit den Figuren Kontakt zu knüpfen um mit ihnen die ganze Gefühlspalette von fröhlich bis traurig von ärgerlich bis zufrieden mitzuerleben. So habe ich während der ersten Hälfte des Romans nie das Gefühl gehabt mitten im Geschehen und in der Geschichte drin zu sein. Ich hatte hier bloss die Rolle des aussenstehenden Beobachters inne. Als der Autor so in der Mitte des Romans sich endlich die Zeit nahm die Figuren zu beschreiben und sie 3-Dimensional zu gestalten wurde dann auch mein Sinneseindruck für die Geschichte an und für sich besser.
Während der ersten rund 150 bis 200 Seiten bekundete ich zudem grosse Mühe mit dem Schreibstil des Autors. Die Sätze sind sehr kurz, kantig und wirken irgendwie "abgehackt". Es ist nicht dieser filigrane Schreibstil wie ich ihn eigentlich bevorzuge aber er passt zum Zeitalter und zum vierschrötigen Hauptprotagonisten Rungholt. Aber auch hier wurde es mit Fortdauer der Erzählung immer besser.
Erwähnenswert und ein grosser Pluspunkt ist die zeitgeschichtliche Authentizität. Die Handlung nimmt einen Verlauf den ich nicht erwartet hätte und auf historischen Begebenheiten basiert. Ich darf hier allerdings aus Spannungsgründen leider nicht mehr dazu schreiben. Auch die vielen altertümlichen Begriffe und lateinischen Redewendungen finde ich klasse, auch wenn leider nicht alle im Glossar erklärt werden. Ich habe mir teilweise die Bedeutung aus der Handlung selbst mehr oder weniger zusammengereimt.
Das auf dem Cover sichtbare Lateinische Sprichwort "Vive Memor Leti, Fugit, Hora" bedeutet übersetzt: "Lebe eingedenk des Todes, die Stunde flieht." Es passt sehr gut zur Handlung und der Geschichte...