Was Klaus Düwel hier komprimiert auf gut 150 Seiten zusammengestellt hat, sollte zur Pflichtlektüre eines jeden gehören, der sich ernsthaft mit der Runenthematik beschäftigen will - egal ob nun wissenschaftlich oder esoterisch.
Erschienen ist dieses Werk als Band 72 der Reihe "Sammlung Metzler - Realien zur Literatur". Was bei diesem Buch sofort ins Auge sticht, ist sein wissenschaftlicher Begleitton: Es wimmelt nur so von Fußnoten, Querverweisen und Quellennachweisen. Natürlich fehlt auch ein aussagekräftiges Literaturverzeichnis nicht. Im ersten Teil findet eine Einführung statt welche für sich allein genommen schon mehr aussagt, als viele esoterisch angehauchte Wälzer zusammen. Grundlage ist hier zunächst das als das ursprünglichste angenommene Futhark - nämlich das gemeingermanische oder Ältere Futhark, welches aus 24 Sinnzeichen besteht. Danach folgen das Jüngere Futhark (Wikinger-Futhark) sowie das Angelsächsische Futhark respektive das Friesische Futhark sowie einige regional / zeitlich bedingte Sonderformen. Die Interpretation / Rekonstruierung der Runennamen (Älteres Futhark) fußt hier übrigens auf den Erkenntnissen von Wolfgang Krause (siehe hierzu auch: "Runeninschriften im älteren Futhark", "Runen").
Einen Schwerpunkt legt Düwel hierbei auf die Linguistik, so dass es auch für Studierende der Nordischen Sprachen von Interesse sein wird. Als zwangsläufige Schlussfolgerung wird dadurch auch den literarischen Zeugnissen ein gebührender Raum zugestanden. Neben den üblichen Erwähnungen wie Moorfunden, Runensteinen, Brakteaten usw. werden selbstredend auch die verschiedenen Theorien zur Runenherkunft kurz erläutert. Namentlich wären dies hier:
- Lateinthese
- Griechisch-These
- nordetruskische These
Auf die Erwähnung der derzeit populären phönizischen These wird verzichtet, was z.T. auch auf das Alter des Buches zurückzuführen ist. Der Autor stellt diese Theorien jedenfalls sehr anschaulich und unvoreingenommen dar. Letztendlich favorisiert der wissenschaftliche Zeitgeist heute sowie mal die eine, mal wieder die andere These - wie kann man sich da als Laie schon festlegen?
Erwähnenswert ist vielleicht noch die explizite Erwähnung der verschiedenen Arten von Runden (z.B. Binderrunen, Sturzrunen, Wenderunen, Zweigrunen usw.) sowie die Aufzählung aufgeflogener Fälschungen.
Im Mittelteil finden sich nebst einigen übersichtlichen Runen-Entsprechungs-Tabellen auch insgesamt 16 s/w Abbildungen von Runen-Artefakten - zumeist als Felsritzungen abgelichtet.
Was fehlt? Aufgrund der Charakter des Buches, findet der mythologische Hintergrund (Edda: Havamal - Odins Runenlied) eher keine Beachtung. Wenngleich auf Sonderformen wie z.B. das Uthark kurz eingegangen wird werden doch vorrunische Zeichen ausgeklammert - vermutlich deshalb, da sich der Autor hier auf eine eher spekulative Grundlage begeben würde. Die Runenanwendung in der neugermanischen, völkisches Bewegung bzw. zu Zeiten des Nationalsozialismus wird offensichtlich bewusst ausgespart: Hier verweist der Autor in der zweiten Auflage (1982) auf Ulrich Hunger ("Die Runenkunde im Dritten Reich") - übriges nicht unbedingt ein Nachteil wie meine... Wer sich jedoch explizit mit dem so genannten "Armanen-Futhark" auseinandersetzen will (18 Runen nach dem Okkultisten Guido von List) - der sei auf die entsprechenden einschlägigen Werke auf dem Markt verwiesen.
Fazit: KAUFEN!!!