Wie unterschiedlich die Berge rund um den Genfer See doch sind: steil aufragend wie die Zacken der Dents du Midi, schlumpfmützig wie der Gipfel des Château d'Oche oder bauchig und rund wie die Juragipfel bei Gex. Und wie verschieden sich auch die Uferlandschaften präsentieren: Palmen und Blumen dominieren bei Montreux, Weinberge prägen das Nordufer, während auf der Südseite die mit dunklen Wäldern bewachsenen Abhänge direkt in den See zu stürzen scheinen. Wo sonst hätte Rousseau seine Forderung "Zurück zur Natur!" besser erheben können als hier, wo sonst könnte man ihr besser folgen? Eine Gegend also, die nach einem guten Wanderführer geradezu schreit!
Alles im Wanderland - wer sich nur einen einzigen Führer für die grossen und kleinen Wunder dieser Region zulegen möchte, ist mit Daniel Ankers fast schon klassischem Buch hervorragend bedient. Sämtliche bekannte Léman-Wanderungen sind in dem Büchlein enthalten, einschliesslich der Königstour auf die 3257 Meter hohen Dents du Midi. Die 50 Tourenvorschläge reichen dabei von einfachen Stadt- und Uferspaziergängen bis hin zu grösseren Bergtouren, für die Trittsicherheit und gute Kondition erforderlich ist. Die farbigen Kartenausschnitte sind für die kürzeren Wanderungen völlig ausreichend; für die längeren Touren ist zusätzliches Kartenmaterial hingegen unerlässlich. Woran man besonders gut erkennt, dass dieser Wanderführer Massstäbe gesetzt hat, ist, dass er ins Französische übersetzt wurde und in dieser Sprache weite Verbreitung findet. Eine grossartige Idee ist die Einleitung jeder Wanderung mit einem Literaturzitat - schliesslich gibt es wohl keine andere Alpenregion, in der und über die soviel geschrieben wurde. Die Auswahl reicht dabei von historischen Reiseberichten über Mary Shelleys Frankenstein bis zu den Erinnerungen Saul Friedländers. Das macht Lust auf mehr, vermeidet jedoch die Ausschweifungen manch anderer Führer - wer auf 2000 Meter Höhe wandelt, will schliesslich keine Enzyklopädie im Rucksack spazieren führen. Auch die Höhenprofile der Wanderungen sind eine sinnvolle Neuerung. Mutig hingegen, den von Tagestouristen überlaufenen Ort Yvoire am Südufer des Sees nur am Rande zu erwähnen. Ein Tipp am Rande: Wenn das letzte Boot abgelegt hat und Stille einkehrt, ist dieses mittelalterliche Dorf wieder einer der schönsten Orte am Genfer See. Und nach der Wanderung? Da lächelt der See und ladet zum Bade. Den Sonnenuntergang gibt's gratis dazu.