Weshalb - soweit ersichtlich - die Bücher des Barristers Q.C. (Queens Council, eine Art Hofratstitel) John Mortimer über das Strafverteidigerschlachtross Horace Rumpole, stets mit einem Dichterzitat des "Oxford Book of English Verse" auf oder einer Zigarre bzw. einem Glas mit Themsefusel, gelegentlich auch Gin, an den Lippen, seine KollegInnen in den "Chambers", die diversen Richterpersönlichkeiten (z. B. sein Intimfeind "Mad Bull" Bullingham) und natürlich Hilda, seiner Ehefrau ("sie, der man gehorchen muss") nicht übersetzt sind, ist angesichts des echt britischen Humors und der höchst anschaulichen Schilderungen nicht nachvollziehbar. Eine schmerzliche Lücke in der deutschen Literaturlandschaft.
Die vorliegende Fernsehserie ist geradezu genial umge- und besetzt (unvergesslich Leo McKern in der Hauptrolle) und lässt absolut nichts zu wünschen übrig, ausser einer deutschen Synchronisation natürlich. Wenn man bedenkt, welche englischen Fernsehserien von deutschen Sendern eingekauft wurden ("Die Onedin-Linie" etwa, oder das unsägliche "Haus am Eaton Place"), kann man sich nur wundern. Die einzige deutsche Anwaltserie, die einigermassen mithalten kann, war "Liebling Kreuzberg". Gott verschone uns vor "Ein Fall für zwei" und dem Gerichtsserienschrott der Privatsender.
Von Rumpole, der nie auf schuldig plädiert, kann man einiges lernen, was die deutsche Juristenausbildung nicht, oder fast nicht kennt, insbesondere das Kreuzverhör. Interessant sind auch die Einblicke in das englische Rechtssystem, das die Trennung von Staats- und Rechtsanwalt nicht vornimmt, wohl aber die zwischen dem forensisch auftretendem Barrister und dem im Vorfeld mandatierten Solicitor. Richter ("if Your Lordship pleases") werden aus der Advokatur heraus - nach entsprechender praktischer Bewährung - gewählt, was unserem System überlegen sein dürfte. Und wo ist nicht der deutsche Strafverteidiger, der sich schon einmal eine wirklich unabhängige Jury gewünscht hätte, statt unserer hörigen Schöffen? Die von Rumpole um jeden Preis, bis zur letzten Patrone - Pardon: Plädoyer - verteidigte Unschuldsvermutung (nämlich bis zum Beweis des Gegenteils), ist wohl hierzulande auch nicht mehr das, was sie eigentlich sein sollte.
Zu Zeiten, in denen die freie Advokatur der Bundesrepublik durch staatliche Domestikationsversuche und damit der Rechtsstaat (nicht mehr und nicht weniger) in Deutschland bedroht wird, ist diese Fernsehserie mehr, als nur exzellente Unterhaltung: Sie ist ein Lehrstück über echte Strafverteidigung als elementarer Bestandteil einer freien Gesellschaft!
Die gute Nachricht zum Schluss: Wer den Preis für die DVDs scheut, kann ja mal bei YouTube vorbeischauen, wo die meisten Folgen zu finden sind. Meine Lieblingsgeschichte ist "Rumpole and the Age of Miracles", in der ausnahmsweise nicht ein Mitglied des Timpson-Clans, Rumpoles südlondoner Stammkundschaft, in den Old Bailey, sondern ein Priester der Church of England vor ein ländliches Kirchengericht, wegen des Verdachts auf Ehebruch, gezerrt (und auf gar wundersame Weise fregesprochen) wird - ein bissig-ironischer Angriff auf Scheinheiligkeit und Bigotterie.