"Eine literarische Sensation" verspricht uns der Aufbau-Verlag auf der Bauchbinde von Werner Bräunigs "Rummelplatz". Dergleichen Superlative sind wir gewohnt. Diesmal jedoch wird uns nicht zuviel versprochen. Dieser erste Teil eines auf zwei Bände angelegten Werks, das der Autor nicht mehr fertigstellen konnte, weil er politisch und damit künstlerisch in Ungnade gefallen war, dem Alkohol verfiel und 1976 mit nur 42 Jahren starb, stellt - so wage ich nach den ersten 300 Seiten bereits zu sagen - alles in den Schatten, was an deutscher Literatur nach 1945 je als bedeutend gerühmt wurde. Dies zu ausführlich zu begründen ist hier nicht der Ort. Deshalb hier nur:
Was den aufmerksamen Leser dieses Buchs in Atem hält, sind keine ungewöhnlichen Protagonisten, die an ungewöhnlichen Orten Ungewöhnliches erleben. Es ist die hohe Kunst des an Thomas Mann und Döblin (und eben auch an seinen vielfältigen eigenen Erfahrungen!) geschulten Erzählers, Alltägliches aus der Zeit des Aufbaus der DDR und der BRD so plastisch zu schildern, daß der nicht durch die unerbittlich kontrollierte Banalität des größten Teils der heutigen Literatur verdorbene Leser jene Zeit und einige der Zeitgenossen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten mit allen Sinnen erleben kann. Bräunig war nicht nur ein Meister des Perspektivenwechsels und pointierter Dialoge; er war auch (trotz der einen oder anderen mißglückten Formulierung, die er nicht mehr hat korrigieren können) ein Meister der deutschen Sprache: einer, der noch wußte, was man von Martin Luther lernen kann. So kraftvoll, so poetisch, so unprätentiös und so leserfreundlich wie er hat keiner seiner berühmten West-Kollegen je geschrieben. Bräunigs anspielungsreiche, klangvoll-rhythmische und unsentimentale Prosa steckt voller Wucht & Wut, aber eben auch voller Liebe zum Detail, voller Spott auf die neuen Herrscher und deren Lakaien in beiden Teilen Deutschlands; und oft ist sie von einer Lakonie, die in den Zeiten der Carver-Epigonen ihresgleichen sucht. "Löwen-Senf, und über uns der Himmel" heißt es da über die Bonner Republik; und über eine DDR-Kundgebung: "Die Reihen strafften sich. Trommelschläge dröhnten. Wann wir schreiten Seit an Seit. Viele marschierten jetzt im Gleichschritt."
Dergleichen konnte der SED nicht gefallen; doch auch in Adenauers Wirtschaftswunderland hätte Bräunig Ärger bekommen: gar zu illusionslos hat er gesehen, was damals nur wenige wahrhaben wollten, unter ihnen sein westdeutscher Bruder im Geiste und Leidensgenosse: Wolfgang Koeppen, der uns ebenfalls (und wohl aus ähnlichen Gründen) nur ein schmales, aber künstlerisch bedeutendes und politisch hellsichtiges Romanwerk hinterlassen hat und in Vergessenheit gestorben ist.
Abschließend sei nur noch darauf hingewiesen, daß Bräunig - anders als so viele seiner Geschlechtsgenossen - nicht nur Männer zu schildern versteht, sondern auch Frauen. Passagen wie jene, worin die gerade zur ersten deutschen Maschinenführerin ernannte Arbeiterin Ruth Fischer den Kampf mit der Materie und ihren mißgünstigen Kollegen verloren hat und deprimiert und trotzig-stolz zugleich nach Hause schleicht, vorbei an Häuschen, worin Ehefrauen züchtig walten, sind wie so vieles in Bräunigs Roman noch immer so aktuell wie vor 40 Jahren. Denn noch immer und jetzt erst recht ist die Welt ein trügerisch gleißender Rummelplatz, die Mörder sind unter uns, und die Kriecher und die Musterknaben reüssieren. Alles Löwen-Senf, und über uns der Himmel. O möge Werner Bräunig von dort aus miterleben, daß ihm hier auf Erden endlich Gerechtigkeit widerfährt.