Wenn man versucht den Begriff Romancier einzugrenzen und nicht jeden so zu benennen, der Romane schreibt, kommt man sehr schnell auf keinen grünen Zweig mehr. Denn auch wer nur Romane schreibt ist nicht unbedingt ein Romancier; auch wer nicht nur Romane schreibt, kann ein Romancier sein.
Daniel Kehlmann würde ich trotz allem mit gutem Gewissen einen Romancier nennen und ihn in eine Sparte mit Milan Kundera (
Das Leben ist anderswo: Roman), Leo Perutz (
Zwischen neun und neun: Roman) und Paul Auster (
Mann im Dunkel) einreihen, da er genau meiner Definition eines Romanciers entspricht: er ist ein eigenwilliger Geschichtenerzähler mit großer Souveränität und einem ganz eigenen Stil, der jeden seiner Romane ausmacht. Jede seiner Geschichten ist er selbst - und nicht in dem Sinne, dass sie autobiographisch sind, nein, überhaupt nicht, sondern dergleichen, dass sie alle ein Produkt des Kehlmannuniversums sind, dass seine eigenen kleinen Gesetzte, Bewegungen und Gesten kennt, genauso wie es eine ganz eigene materielle Dichte aufweist, die man nicht im Roman eines andern Autoren findet.
Von
Ich und Kaminski war ich noch begeistert, doch schon
Mahlers Zeit (dass chronologisch davor erschienen ist) war eine Enttäuschung, die nächste folgte nach dem etwas besseren
Die Vermessung der Welt mit diesem Werk.
Wobei man mich nicht falsch verstehen darf: Kehlmann ist ein glänzender Beobachter und ein handwerklich hervorragender Autor, auch hat er sicherlich in diesem Buch einige faszinierende Schattenseiten des Menschen aufgedeckt, vom Bedürfnis nach Hedonismus oder Bewunderung bis zur immer wieder aufblitzenden Hilflosigkeit im Umgang mit sich selbst und der Überbrückung der Widerstände zu anderen. Aber trotzdem würde ich dieses Buch am Ende mit traurigen Worten als Prosa ohne wirkliche Prosaelemente bezeichnen, als taub, als leer, als stumm; vielleicht noch als gut zusammengeflicktes Portrait einiger Narren, aber: Wo ist dann der Schalk, wo die Bühne und das Publikum, das vorgeführte. Die Leute, die Protagonisten stehen allein und ohne Spiegel, auch der Leser steht am Ende ohne Spiegel da.
Milan Kundera sagte einmal die Kunst des Romans sei es "das zu offenbaren, was nur der Roman offenbaren kann". Aber was offenbart uns dies (vermeintliche) literarische Geniestück? Wahrheiten über die Willenlosigkeit des Menschen, über die Knechtschaft ihrem eignen Wesen gegenüber? Ist es ungewöhnlich, ja, relevant über Menschen zu schreiben, die sich in ihren Illusionen verlieren? Und was heißt überhaupt Illusion? Was heißt überhaupt Nichtillusion? Kehlmann lässt uns mit diesen Fragen gänzlich allein und gibt uns so nichts an die Hand, um sein Buch zu durchwandern.
-"Das alles passiert nicht wirklich", fragte sie, "oder?"
"Hängt von der Definition ab." Er zündete sich eine Zigarette an. "Wirklich. Dieses Wort heißt soviel, dass es gar nichts mehr heißt."-
Solch leere Phrasen scheinen eher als aufgekochter moderner Mythenstoff, als Kopfschütteln nach Anleitung, denn als authentische Dialogkunst.
Oft hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Kehlmann in diesem Buch fast gänzlich den Bezug zu seinen Charakteren eingebüßt hat. Kaum eine Figur die nicht eine hohle Schablone ist, ein Fragment stilistischer Vollkommenheit, doch blutleer und ohne jegliches Bedürfnis nach Entfaltung und Weiterentwicklung. Ist dergleichen für ein gutes Buch wichtig? Das ist zugegebenermaßen Ansichtssache, doch fehlt mir auch irgendein Ausgleich der diesen Verlust aufwiegt - und "Art for art's sake is an empty phrase. Art for the sake of truth, art for the sake of the good and the beautiful that is the faith I am searching for."
Nicht jeder Mensch mag nach Ruhm streben, aber jeder Mensch hofft auf eine Welt in der er ruhmreich sein kann. In einigen dieser Geschichten hat Kehlmann sich wohl bemüht die Zusammenhänge des Selbstseins und Selbstbildes (nach Art von Walsers
Ein fliehendes Pferd) darzustellen und zu zeigen wie leicht man sich nach einem selbst gebildeten "Ruhm" sehnt, egal welcher Art dieser auch sein mag. -Ruhm- ist kein schlechtes Buch, aber es ist ein ungenießbares Buch.