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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Man weiß nie, wo eine Geschichte endet und eine andere beginnt, 23. Dezember 2009
Ich hatte keine besonderen Erwartungen an das Buch, da ich "Die Vermessung der Welt" noch nicht gelesen habe.
Der Roman besteht aus neun Geschichten, die lose miteinander verflochten sind. Spannung baut sich in den Geschichten auch dadurch auf, dass man auf "weitere" Hinweise hofft, wie die Hauptpersonen aus den bereits gelesenen Geschichten mit der gerade aktuellen Geschichte zusammenhängen und ob man noch weitere Hinweise erfährt, was aus den anderen Protagonisten letztendlich geworden ist.
Am Ende des Romanes formt sich eine Art Mosaik mit Andeutungen, aber ohne klare Konturen, dass die Geschichten nun so und so zusammenhängen. Das brauchen sie auch nicht. Kehlmann unterlässt es auch die einzelnen Geschichten eindeutig abzuschließen. Das jeweilige Ende ist zumeist offen, Spannung wird aufgebaut, man grübelt, denkt und fühlt mit der jeweiligen Hauptperson mit, doch kein Schlussakkord, kein erhobener Zeigefinger oder definites Ende verdirbt die immer offen gelassene Handlung. Wunderbar, wie Kehlmann hier gekonnt auf der Klaviatur des Schreibens spielt.
Was Sie erwartet, wenn Sie dieses Buch lesen sollten, beschreibt Kehlmann zum Schluss meines Erachtens sehr treffend selber, wenn er einen Protagonisten Folgendes formulieren lässt: "Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt." (S. 201)
In diesem Sinne ist der folgende Roman aus neun Geschichten weniger ein Buch, sondern näher am Leben (am realen, erdachten oder virtuellen) dran.
Ein wunderbares Buch, mit einprägsamen Geschichten von mehr oder weniger normalen Menschen, das mit jeder Geschichte erneut zum Nachdenken anregt. Toll!
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Information, Kommunikation, Manipulation wie das Leben so spielt., 30. August 2009
Der neue Kehlmann "Ruhm" thematisiert die Informationsvermittlung
in der digitalen Gesellschaft. Aus Information wird Kommunikation
im Moment ihrer Weitergabe. Und mit den technischen Hilfsmitteln
wie Handy und Computer wird aus Kommunikation schnell Manipulation.
Dadurch entstehen Geschichten. Erfundene Geschichten. Als einzig
wirkliche Geschichten akzeptiert Kehlmann den Tod und die Geburt.
Was sich dazwischen abspielt ist Fiktion. Letzteres allerdings ist
dem natürlichen Umstand geschuldet, dass der Mensch einerseits
vieles sein will. Andererseits ihn alles zur Einheit drängt.
Ein ewiger Konflikt.
Der Spiritus Rector bei Kehlmann ist ein dürres Männchen, das zweimal
in Erscheinung tritt als Chauffeur, der die Protagonisten an ihr
erwähltes Ziel bringt. Einmal ist es der Ort des Sterbens, in
"Rosalie geht sterben" und einmal ist es der Ort der Empfängnis
in "Als ich log und starb." Tod und Geburt, die einzigen Momente
wahrer Geschichten. Dazwischen ist alles tendenziell fiktional.
Also gestaltungsfähig.
Wie steht es da mit der Gestaltungsfreiheit?
Wir kommen zu Kehlmanns Kernaussage:
Geschichten in denen Menschen sich erleben, entstehen
durch die Aufmerksamkeit eines anderen.
"Du bist nichts ohne die Aufmerksamkeit eines anderen", Seite 76
Heißt das im Umkehrschluss: "Aber du bist alles mit deiner
Aufmerksamkeit auf dich selbst gerichtet?"
Ein technischer Fehler manipuliert Ebelings Leben.
Ebeling manipuliert das Leben von Tanner.
Tanner das Idol seiner Fans und manipuliert so deren Leben.
Und sein eigenes Leben, indem er sich selbst imitiert.
Damit wird er sich nicht etwa selbst ähnlicher, sondern
verliert seine Identität ganz. Und wird ein anderer.
Er wird zu Matthias Wagner. Imitiert er damit erneut eine Fiktion?
Ein endloser Geschichten-Loop, der uns alle dreht bis zum Schwindel.
In aller Doppeldeutigkeit.
Mollwitz, der unbedingt Figur in einer fiktionalen Geschichte von Leo
Richter sein will, merkt nicht, dass er längst Figur in der Lügen-Geschichte
seines Bosses ist. Die Aufmerksamkeit eines anderen manipuliert auch ihn.
Elizabeth, die auf keinen Fall Figur in Leo Richters Geschichte sein will,
verschmilzt am Ende ganz mit der fiktiven Hauptperson Lara Gaspard.
Kehlmann sagt, seine Geschichten kommen ohne Hauptperson aus.
"Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? Die Komposition, die Verbindungen,
der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held." Seite 25
Wer handelt? Wenn die eigene Handlung immer durch einen anderen manipuliert wird,
handelt man dann noch selbst oder wird man gehandelt? Freiheit oder Manipulation?
Dies ist als Koan zu verstehen, eine mystische Frage:
"Dein Handeln, Edelgeborener, wer steckt dahinter?"
Handelt dann das Unpersönliche? Kann es handeln? Steckt dahinter ein Gott, ein
unpersönlicher Gott? Der Weltengeist, der wie im Glasperlenspiel die Akteure
durch die Handlungen führt. Der in der Bhagavad Gita zu Arjuna sagt: "Wenn du
es nicht tust (also handelst). Ich habe es schon getan." Was hat Krishna getan?
Er hat die Feinde der Rechtschaffenheit getötet, die auch Arjunas Verwandte sind.
Und die er aus moralischen Gründen nicht töten darf.
Der Tod wird im Kapitel "Rosalie geht sterben" (ein Zitat auf: "Veronika beschließt zu
sterben" von Paulo Coelho) im Lichte des selbst gewählten Rechts auf Selbstentleibung
verhandelt. Lässt die Moral das zu? Nicht das Schlachtfeld der Ehre wird Todesquelle
sondern eine Sterbehilfeorganisation.
Ist der Tod am Ende nur eine Fiktion? Der Autor Kehlmann, der sich hinter Leo Richter
verbirgt, lässt die Kunstfigur Rosalie der einen Geschichte mit der Kunstfigur Lara
Gaspard aus einer anderen Geschichte kommunizieren. Und was passiert am Ende dieser
Kurzgeschichte? Rosalie wird wieder jung und schön, statt zu sterben. Wenn alles Leben
ohnehin nur Fiktion ist und man selbst gar nicht handelt, sondern ein Schöpfer, ein
Autor einen handeln lässt, dann ist alles möglich. Auch ewiges Leben. Vorausgesetzt,
man kann den Autoren manipulieren!!!
Handlungen sind selbstreverenzielle Kreisläufe. Kehlmann streut Wortkoane ein,
wie z.B. " Disco Looppool". Im Kontext der Geschichte leben wir alle in einem LOOPPOOL,
einem selbstreferentiellen Pool von Loops. Drehen uns gemeinsam
um uns selbst und die anderen. Eingewickelt in Geschichten.
Wo ist nun die Erlösung? Kehlmanns Vorschlag:
Die Verschmelzung mit allem.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Kunst der Verwirrung, 22. Januar 2010
Die Sprache makellos, zeichnet Kehlmann eindringliche Bilder. Bilder die sofort sichtbar, ja sogar spürbar werden. Ich ertappe mich dabei zustimmend zu nicken - so verständlich sind die Protagonisten. Die Geschichten voll unvermuteter Wendungen verweben sich zu einem Netz das trägt. Ist es nun die Fiktion - oder die Geschichte oder die (wenn es sie gäbe) Wirklichkeit? Wunderbare Erzählkunst, höchst unterhaltsam, dazwischen kleine Brillianten von Lebensweisheit und -klugheit, sehr gut gesprochen. Schade, dass ich es schon gehört habe. Es gibt kein zweites Erstes Mal...
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