Das Scheitern war Yates Lebensmotto in der Literatur wie in der Realität. Sein Werk ist geprägt von autobiografischen Erlebnissen und beinhaltet eine schonungslose soziokulturelle Abrechnung mit dem Amerika des Mittelstands in den 1950er und 1960er Jahren. Literarisch bedeutsam wurde er erst, nach dem er sich zu Tode gesoffen hatte.
John Wilder, der Protagonist dieser Geschichte, darf also wieder einmal durchaus als Alter Ego von Yates betrachtet werden. Zwischen zwei Buchdeckeln ist der Höllenritt in die Abgründe des Alkoholismus eines kleinen New Yorker Anzeigenverkäufers mit ungeliebter Frau und entfremdeten Sohn festgehalten. Wilder steckt im falschen Leben, keine Frage, ob er das Saufen im richtigen lassen würde, sei dahingestellt. Seine Exzesse bringen ihn direkt von der Bar in die Psychiatrie des New Yorker Bellevues, das Yates aus eigener leidvoller Erfahrung kannte. Sein Freund lässt ihn einweisen, denn Wilder ist im Ausnahmezustand, nachhause kann er nicht, er leidet unter der Zwangsvorstellung, seine Frau und seinen Sohn töten zu müssen. Diese Tage unter fürchterlichen Umständen bringen ihn halbherzig zu den Anonymen Alkoholikern (" Hallo, mein Name ist John, und ich bin Alkoholiker") und mit dem Mut des Verzweifelten auf Umwegen in ein neues Leben als Filmemacher und Produzent nach Hollywood nebst junger Geliebten. Doch die Dinge entwickeln sich nicht so, wie sie sollten, natürlich nicht. Für labile Menschen ist die Scheinwelt Hollywoods ein schlechtes Pflaster. Losgelöst von seinem alten Leben mit einigermaßen festen Strukturen nimmt Wilders Absturz rasant Fahrt auf: er säuft, wenn es ihm gut geht, er säuft, wenn es ihm, was häufiger vorkommt, schlecht geht. Er säuft morgens, mittags, abends, nachts, rund um die Uhr. Er würde für einen Drink über Leichen gehen. Die junge Freundin, die über das notwendige Kapital verfügt, verlässt ihn wegen eines erfolgreichen Autors und Drehbuchschreibers, der seinen Alkoholismus überwunden hat (die Andeutung eines Wunschtraums des Autors!?) und Wilder landet wieder in der Psychiatrie, diesmal für lange Zeit, vielleicht auf Dauer.
"Ruhestörung" ist in der Zeitspanne des Wahlkampfs und kurzer Amtszeit von John F. Kennedy verankert. Als er erschossen wird, ist auch Wilders Gehirn dabei, sich im Hochprozentigen aufzulösen. Gefangen in der Hölle seines Ichs glaubt er gar der Mörder der politischen Lichtgestalt (für den Yates ihn schon damals nicht hielt) zu sein. Auch in diesem, seinen 3. Roman, greifen Trunksucht und Realitätsverlust wie perfekt aufeinander abgestimmte Zahnräder geräuschlos ineinander. Für seinen besten halte ich ihn jedoch nicht, was im Fall Yates bedeutet, dass die Geschichte zwar nicht brillant, aber immer noch teuflisch gut ist, auch wenn ihr etwas allzu Konstruiertes anhaftet. Zudem wirkt sie wie (t)rotzig auf Papier geworfen. Für Wilder gibt es keine Gnade, Yates sorgt von Anfang an dafür, dass wir uns da keine Illusionen machen. Allen anderen Protagonisten jedoch gelingt das Leben am Ende scheinbar mühelos.
Alkohol und USA - ein entspanntes Verhältnis war das im 20. Jahrhundert nicht. Kaum war die Zeit der Prohibition vorbei, in der natürlich dennoch getrunken wurde und große Vermögen durch den florierenden Schwarzmarkt entstanden (der Wohlstand der Kennedys hat da seine Wurzeln), wurden Drinks, besonders auf Wiskeybasis wieder gesellschaftsfähig. Die Literatur aus dieser Zeit legt beredtes Zeugnis ab. In "Ruhestörung" trinkt nicht nur Wilder, alle tun es. Mittags beim Geschäftsessen, nach der Arbeit zur Entspannung nahtlos bis zur offiziellen Cocktailstunde, die sich gerne bis zum Dinner hinzieht, beim Abendessen ("Wünschen Sie etwas von der Bar?"), danach, um den Abend zu überstehen, bis hin zum Schlummertrunk am Bettrand. Die Gläser summieren sich auch bei denen, die das Trinken besser im Griff zu haben scheinen. Der Unterschied zu Wilder ist nur der, dass es einigen manchmal "noch zu früh" für einen Drink ist. Da ist Kondition und Training gefragt, um über die Woche zu kommen. Um Sport scheint sich niemand zu kümmern, die Zigaretten qualmen sogar in der Psychiatrie, ausgegeben von den Pflegern wie Medikamente. Selbst im Supermarkt wird geraucht, im Bett sowieso. Nun, die Zeiten haben sich wieder einmal geändert. Yates würde sich wundern, wenn er zurückkäme und sich im New York von heute eine Zigarette anstecken wollte. Und was er von einer Whiskeyflasche in der Papiertüte halten würde, kann man sich mit etwas Fantasie leicht ausmalen. Von seinen Süchten hätte ihn das sicher nicht abgehalten, viele andere auch nicht. Was mich immer wieder fasziniert ist, dass seine Sprache davon unberührt bleibt. Sie erinnert an klares, kühles Wasser.
Helga Kurz
3. Juni 2011