Ruth Gilmartin, die zusammen mit ihrem kleinen Sohn im beschaulichen Oxford lebt und Erwachsenen Englisch beibringt, glaubt sich im falschen Film: Aus heiterem Himmel rückt ihre Mutter mit der Mitteilung heraus, in Wirklichkeit Eva Delektorskaja zu heißen, eigentlich gebürtige Russin und naturalisierte Französin zu sein, und während des Zweiten Weltkrieges sei sie Geheimagentin in britischen Diensten gewesen. Und nun, im Sommer 1976, fürchte sie um ihr Leben... Akute Paranoia und Hitzschlag scheiden als Erklärungen aus. Ruth liest kapitelweise Sally Gilmartins resp. Eva Delektorskajas Lebensbeichte, und unmerklich sickert die Spionage-immanente chronische Paranoia auch in ihr Leben. Sie erfährt mit jeder neuen Lieferung ihrer Mutter mehr über das Leben einer Spionin im allgemeinen und das ihrer Mutter im besonderen -- vor allem gewähren ihr deren Aufzeichnungen detaillierte Einblicke in die Folgen, die sich aus den besonderen Lebensumständen für die Einzelnen ergeben: Stetes Misstrauen als unverzichtbares Lebenselexier ("Was denkt er, dass ich denke, dass er glaubt, dass ich denke...") gehört ebenso dazu wie die daraus resultierende Unmöglichkeit menschlicher Bindungen; sogar die Wahrnehmung unterscheidet sich von der eines "normalen" Menschen. Die Frage nach der eigenen Identität stellt sich auf vielen Ebenen, und Skeptikern sei's gesagt: Das leicht abschätzig belächelte Genre des Spionage-Thrillers kann diesen Themenkomplex erfolgreich schultern.
Ruths Mutter Eva Delektorskaja gehörte also unter verschiedenen Namen während des Zweiten Weltkrieges zu einer Einheit, die geschickt Falschmeldungen in den amerikanischen Medien lancierte, um so die USA endlich zum Kriegseintritt zu bewegen: Zunächst von Belgien aus, dann in England, schließlich direkt in den USA. Das liest sich weitaus spannender, als man glauben möchte, denn dass das eigene Leben immer in Gefahr ist, wird Eva schnell klar. William Boyd breitet keine verklärende Romantik über das Spionage-Gewerbe, sondern zeigt es als das knallharte Geschäft, in dem jedes Mittel recht ist -- wirklich jedes Mittel.
Den Kapiteln, die sich mit den Umtrieben der verschiedenen Geheimdienste zwischen 1938 und 1942 befassen, lassen William Boyds solide Recherche erkennen. Die Täuschungsmanöver, Intrigen und Doppelspiele des BSC (British Security Coordination) beruhen auf Tatsachen, die erst allmählich ans Licht kommen, und die betreffenden Kapitel von "Ruhelos" sind geschickt aufgebaut.
Aber es geht hier nicht nur um das Doppel- und Dreifachspiel von Agenten und Geheimdiensten, in dem weder Ruhepausen noch Atemholen möglich sind; und es geht auch nicht nur um treffsichere Seitenhiebe auf All- und Ohnmacht der Medien: Es scheint mir nämlich kein Zufall, dass sich in letzter Zeit gleich zwei namhafte Autoren der Zeitspanne kurz vor Kriegseintritt der Amerikaner annehmen und darin die Rolle der damals recht zahlen- und zahlungskräftigen Nazi-Sympathisanten thematisieren (Naja; "namhaft" ist bei Philip Roth leicht untertrieben).
So oder so: Der psychologische Unterbau von "Ruhelos" ist gut in eine tatsächlich ruhelose Spionagehandlung integriert, und der in der Vergangenheit angesiedelte Teil des Romans ist ein solider Spionage-Thriller, der mit allen Dubiositäten des Genres sein souveränes Spiel treibt. Obwohl einen die eigene Le-Carré-Lesegeschichte scheinbar schneller auf den Trichter kommen lässt als die Protagonistin, und obwohl man sich gelegentlich fragt, wieso sie XY nicht schon eher auf die Schliche kommt -- die Auflösung am Ende birgt doch noch genug Überraschungen, und deswegen hält man ohne zu zögern bis zum Schluss durch und will diese Auflösung schwarz auf weiß lesen.
Was hingegen den zweiten Handlungsstrang von "Ruhelos" angeht, also die 1976er Gegenwart von Evas Tochter Ruth: Hier herrscht eher Ratlosigkeit als Rastlosigkeit. Boyd rührt einen Sturm im Wasserglas an, auch wenn ich diesen Kontrapunkt der eigentlichen Romanhandlung nicht ganz abwatschen will (Schließlich haben nicht nur die absurden Erlebnisse der Lehrbuch-Familie Amberson einen gewissen Reiz).
Irgendwann ist Ruth nämlich angesteckt von dem Misstrauen, das die Manuskripte ihrer Mutter durchweht: Wir schreiben das Jahr 1976, und da ist ein dubioser Schwager aus Deutschland samt seiner Freundin ebenso assoziationsbeladen wie ein iranischer Ingenieur mit seinen Liebesschwüren -- Umsturzangst allerorten. Dieser zweite Handlungsstrang wirkt auf mich etwas hanebüchen, zu dick aufgetragen -- und das Gegengift zarter Ironie wird mit ihm nicht fertig. Zwar kann man das Geschehen durchaus als Seitenhieb auf die Kluft zwischen Schein und Sein auffassen, wenn man auch hier die Rolle der Medien im Hinterkopf behält -- aber das ist alles ein wenig konfus, weit hergeholt und nicht immer glaubwürdig. Dennoch spielt Boyd auch hier mit dem Vorwissen seiner Leser, und auch diese Handlungsebene ist ständig von einem Hauch diffuser Bedrohung durchweht. Nur stringenter könnten sie sein, diese Teile des Romans. Stringenter -- und kürzer!
Trotz einiger unübersehbarer Schwächen: "Ruhelos" entwickelt eine Sogwirkung auf den Leser, um dessen Ruhe es schon nach den ersten Seiten geschehen ist. Die Geschichte wird geradlinig erzählt, legt unmerklich immer mehr an Spannung zu und bleibt auch dann noch spannend, wenn man weiß, wer der Verräter in den eigenen Reihen war: Die niemals endende Unruhe der Eva Delektorskaja überträgt sich auf den faszinierten, wehrlosen Leser.