Mediengewalt kann den harmlosesten Auslöser haben. Ein auf einem Provinzparteitag ausgelegtes Flugblatt, das zu dem Schmetterlingsflügel wird, der einen Orkan auslöst. Verheerend für Annette Schavan, als sie in der Wahl zur Ministerpräsidentin von BW gegen Günther Oettinger antreten wollte. Selbst sogenannt seriöse Medien wie Tagesschau und die vornehmeren Tageszeitungen lassen sich mitreißen. Der Hype ist erst dann erreicht, wenn keiner mehr die Wahrheit wissen will. Das Ziel heißt Rufmord. Und wenn ein unschuldig in den Schredder der Medien geratener Mensch sich zuletzt wirklich umbringt, ist aus dem Rufmord ein realer Mord geworden.
Mehr als 20 Autoren untersuchen unter je verschiedenen Gesichtspunkten, wie Medienhetze nicht nur Prominente sondern auch aus ihrem Alltag gerissene Bürger in den Ruin treibt. Dabei zeichnet sich wieder einmal das signifikanteste soziale Muster ab: das Sündenbocksyndrom. Die Grammatik des Skandals erfordert eine soziale Fallhöhe, beispielhaft im Fall des ehemaligen Talk-Moralisten Michel Friedman.
Ob es sich um eine minderjährige Schülerin handelt, deren Namen der bekannteste Opferselektor des Deutschen Fernsehens, Stefan Raab, öffentlich in den Dreck zieht oder um das Folter-Opfer Murat Kurnaz, der zum Terroristen abgestempelt wird, um den Ruf des Außenministers Steinmeier zu retten - nicht allein an bekannten Fällen belegt das Buch die Skrupellosigkeit von Reportern, Tatsachen zu verdrehen, wenn nicht von vornherein zu erfinden, um ein sensationsbereites Publikum mindestens einmal täglich in eine Hetzmasse zu verwandeln.
Unter dem Konkurrenzdruck auf dem Medienmarkt tendiert die Reihe der Medienopfer gegen unendlich. Was das Buch zu lesen gibt, sind nicht die paranoiden Intuitionen von Verschwörungstheoretikern sondern die Rechercheergebnisse renommierter Journalisten, die für SPIEGEL, Stern und ZEIT schreiben. Abgerundet wird die Aufsatzsammlung durch ein Interview des Psychoanalytikers Mario Gmür, der sich auf die Therapie von Medienopfern spezialisiert hat. Sein Fazit: Wen es erwischt, für den gibt es in der Boulevardgesellschaft . . . kein Entrinnen, kein Exil mehr." Ein wichtiges Buch, das den blinden Fleck der Medienmacht veröffentlicht und in der Auflage der Boulevardblätter auf den Markt gehörte.