Ohne Cyberstalking und -mobbing verharmlosen zu wollen, stellt auch der Autor dieses Buches fest, dass falsche Angaben von Internet-Nutzern gang und gäbe sind. Und dieser Unart wird nicht nur auf den Profilseiten von Partnerschaftsvermittlungen eifrig nachgegangen. Aber meist geht es bei Christian Schergs Betrachtungen und Untersuchungen doch um Täuschungen im Internet mit kriminellem Charakter. Und welche Formen dieser Typ von Falschheit annehmen kann, zeigt der Autor mit vielen Beispielen. Etwas ungeschickt finde ich allerdings, dass Christian Scherg den Werbespot für seine eigene Firma gleich an den Beginn seiner interessanten Ausführungen stellt. Denn das beeinflusst natürlich die Lesehaltung. Zumal nicht jeder nach einer Adresse sucht, die digitalen Personen- und Objektschutz anbietet und Gefährdete frühzeitig bei Abwehrmassnahmen berät.
Um wenig informierten Lesern das Phänomen Rufmord im Internet näher zu bringen, stellt Christian Scherg im ersten Kapitel die Website "iShareGossip" vor, die bei Verunglimpfungen und Diffamierungen von Lehrern und Schülern eine führende Rolle spielt. Gleich danach wird die Frage aufgeworfen, wann es der Gesellschaft einen Mehrwert bringt, dass im Internet neue Pranger aufgestellt werden. Wer sich der Forderung anschliesst, dass Steuersünder, illegale Prostituierte, Schläger und Raser im Internet öffentlich gebrandmarkt werden, muss sich im Klaren sein, dass dies bei einer anderen Kategorie auch ihn selber treffen könnte. Was das bedeuten könnte, illustriert die Geschichte des Jazzmusikers Bruno Leicht, die mit dem Ratschlag endet, niemals Kontakt zu einem Stalker aufzunehmen, sondern seine Aktivitäten zu ignorieren. Aber Christian Scherg zeiht auch das Fazit, dass viele Internetbenutzer erstaunlich naiv sind, dem Netz allzu viel anvertrauen und es mit der Wahrheit selber nicht so genau nehmen.
Das dritte Kapitel "Die dunkle Seite des Internet" beginnt mit der wichtigen Feststellung, dass die überwältigende Mehrheit der 1.1 Milliarden Transaktionen auf der Auktionsplattform eBay problemlos und zu allseitigem Wohlgefallen abliefen. Dass bei Versteigerungen vorwiegend betrogen wird, ist also ebenso ein Mythos wie der googlende Personaler. Aber Missbrauch ist eben ein besseres Medienthema als Normalität.
Wie heikel kritische Berichterstattungen im Internet sein können, zeigt das Beispiel des Gründers vom Online-Dienst "CharityWatch". Was Christian Scherg über die Angriffe gegen Stefan Loipfinger schreibt, bestätigt die Erfahrung, dass es auch unter den "Gutmenschen" zahlreiche Rufmörder gibt, die sofort wild um sich schlagen, wenn sie mit den Massstäben beurteilt, die sie bei anderen anwenden.
Im vierten Kapitel geht es um die Bedeutung von Reputation und damit mehr um den Rufmord an Unternehmen. Dabei weist Christian Scherg zu Recht darauf hin, dass die viel gepriesene Meinungsfreiheit im Internet oftmals missbraucht wird.
Was das Internet wirklich verändert hat, illustriert Christian Scherg am Beispiel des Reputations-Gaus "Brent-Spar" und anderer Skandale. Und im sechsten Kapitel versucht der Autor eine Antwort auf die Frage, ob eine spezifische Opfer-Persönlichkeit gibt. Doch leider gehört dieses Kapitel eher zu schwächeren, weil der Autor interessante Studien zu diesem Thema nicht berücksichtigt, sondern von der eigentlichen Frage abweicht. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam ich bei den Ausführungen über die Täter. Denn auch dazu gibt es spannende Untersuchungen, deren Resultate für die Leser dieses Buches ebenfalls interessant wären.
Google ist die Leinwand, auf der das globale Netz projiziert wird, lautet das so genannte "Niggemannsche Axiom". Also stellt sich die Frage, wie sich Suchmaschinen wie Google beeinflussen lassen. Wüsste der Autor darauf eine neue und treffende Antwort, würde sein Buch die Bestsellerlisten der ganzen Welt anführen. Aber dem Geheimnis der Google-Algorhythmen kommt man nicht so leicht auf die Spur. Und die Welt wird weiterhin damit leben müssen, dass rund 87 Prozent aller Anwender lediglich die ersten beiden Google-Suchergebnisseiten wahrnehmen. Mit anderen Worten: Ist ein diffamierender Beitrag auf einer dieser beiden Seiten, tritt der Ernstfall ein. Was man dann noch tun kann, steht auch im abschliessenden Kapitel "So wehren Sie sich als Opfer".
Mein Fazit: Da ich ein Unternehmen in Marketingfragen berate, das unter anderem Markenschutz im Internet anbietet, bin ich mit der Materie einigermassen vertraut. Daher konnte mir Christian Scherg auch nicht viel Neues berichten. Aber sein Buch ist auch nicht für Spezialisten gedacht, sondern will ein breites Publikum über Gefahren im Internet aufklären und ihm Möglichkeiten aufzeigen, sich gegen Rufmord wehren zu können.