Es ist mir noch nie passiert, dass ich einen Roman zweimal unmittelbar hintereinander gelesen habe: einmal in der dt. Übersetzung und danach im englischen Original. Ergebnis: die Übersetzerin Orth-Guttmann hat eine
Glanzleistung abgeliefert!
Der Autor Aciman kennt und benennt die verborgensten Winkel des Innen-
lebens zweier junger Männer, besonders die des 17jährigen Elio, der an der
italienschen Riviera bis zur bitteren Selbstaufgabe in einen 24jährigen
Sommergast aus den USA verknallt ist. Es ist kein Liebesroman im herkömm-
lichen Sinne, auch kein schwuler. Es ist zuallererst eine anspruchsvolle,
intellektuelle und sensible Seelenanalyse, eine Auseinandersetzung mit der
Frage, warum wir unsere Emotionen verbergen (müssen), warum vor der Er-
füllung unserer geheimsten Wünsche die grausamsten und widersprüchlichsten
Überlegungen in unseren Köpfen herumspuken. Warum wir uns zermartern
darüber, welche krummen Strategien uns dem Ziel näher bringen können. Und
das in einer poetischen und psychologisch schlüssigen Sprache, die keine
menschliche Regung auslässt.
Oliver ist anfangs ein genialer und umtriebiger Blender, Elio sein be-
dauernswertes, hin- und hergerissenes Opfer, der in immer neuen Anläufen versucht, seine Anhimmelung des Feriengastes bis zur Selbstverleugnung
und Selbstaufgabe unter Kontrolle zu halten. Warum? Weil er die Abfuhr
durch den Älteren und die Schmach seiner Umgebung fürchtet. Ihm fehlt noch
die Leben begründende Selbstgewissheit, er stellt alles und jeden in Frage. Als die Liebe zwischen beiden sich Bahn bricht, unaufhaltsam und
tabulos, ist die heraufziehende Tragik nicht mehr abzuwenden. Trotzdem:
Wie zwei Menschen trotz des unumgänglichen Scheiterns ihrer Liebe sich
selbst und dem anderen treu bleiben, wie Elio ein Leben lang auf das große
Wunder des Zurückkommens seines Geliebten hofft, treibt selbst dem hart-
gesottensten Literaturkenner die Tränen in die Augen.
So gut wie kein Wort erfahren wir über das Aussehen der Romangestalten
außer dem des sieben Jahre älteren Oliver. Dennoch hat der Leser am Ende
ein fertiges Bild von Elio, seiner Eltern, Freundinnen, Bediensteten und
der trügerischen italienischen Ferienlandschaft, die alles kaschiert, was
an unterschwelligem Rumoren und eingespielter Heiterkeit in dieser
täuschenden Idylle brodelt. Also eine weitere Schmonzette? Eben nicht.
Aciman ist ein Meister des Sezierens menschlicher Regungen und Gedanken.
Eine profunde Kenntnis von Marcel Proust und Sigmund Freud schimmert durch.
Dass allerlei Spielarten des schwulen Sex ohne verbrämende Künsteleien zur
Sprache kommen, ist dem Autor hoch anzurechnen. Diese Szenen sind weder
obszön noch vulgär, sie sind einfach wahrhaftig und echt. Liebe verwirk-
licht sich eben in immer neuen, individuellen Spielarten, jede Forderung
nach "Anstand" und Gesetzmäßigkeit in ihr ist der Tod unserer Achtung vor
uns selbst und vor dem geliebten Menschen. Wer ein offenes und tolerantes
Lebensbild für sich beansprucht und einen Blick in die Untiefen mensch-
licher, vor allem jugendlicher Leidenschaften und Verstrickungen, aber auch Ekstase und Trunkenheit werfen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.