Devraj Santos, der Leiter der Sunshine Foundation, findet eines Tages eine verletzte Frau vor seiner Wohnung. Ihre Identität birgt eine große Überraschung: es handelt sich um Ekaterina (Katya) Haas, die totgeglaubte Assistentin von Ashaya Aleine. Allerdings kann man von einer Identität nach ihrem tragischen Schicksal nicht mehr sprechen, denn sie wurde über Monate von Ming LeBon gefoltert und gebrochen, mit dem Ziel, sie bei den Vergessenen/Forgotten einzuschleusen und dort möglichst großen Schaden anzurichten. Damit gerät Dev in einen enormen Gewissenskonflikt - einerseits spricht Katyas Schicksal seine tiefsten Retter- und Beschützerinstinkte an; andererseits kann er es sich nicht leisten, seine Schützlinge einem Risiko auszusetzen und einem (wenn auch unfreiwilligen) Agenten LeBons Gelegenheit zu geben, der Einrichtung zu schaden. Wenn es nur nach der Pflicht ginge, müßte er sie als Sicherheitsrisiko kaltblütig ausschalten...
Anfangs braucht die Handlung etwas Anlauf, um in Fahrt zu kommen, nachdem bereits früh Katyas Identität und ihr Auftrag enthüllt werden und die Spannung danach erst langsam wieder aufgebaut wird. Bis die Hauptcharaktere sich entfalten, braucht es ebenfalls Zeit. Dev wirkt durch sein Schwanken zwischen seinem Hilfsbedürfnis gegenüber Katya und dem Ringen um eine konsequente Haltung gegenüber dem Risiko, das sie unfreiwilligerweise darstellt, schwer einfühlbar. Manche seiner Entscheidungen wirken dabei auf den ersten Blick zwar konsequent, aber nicht unbedingt sympathisch - so autorisiert er, daß Sicherheitskräfte Katya eliminieren, wenn sie andere Mitglieder bedrohen oder in Gefahr bringen sollte, und Katya ist sich diesen Befehles bewußt. Dies ist schwer in Einklang zu bringen mit seinen Beschützerinstinkten und der zunehmenden Zuneigung, die er gleichzeitig für sie entwickelt, und macht es nicht einfach, ein klares Bild von seinem Charakter zu entwickeln. Das gestaltet sich umso schwieriger, als auch Katyas Charakter anfangs eher vage bleibt, da ihre Erinnerungen ausgelöscht wurden und sie einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen wurde. Erst im Lauf der Geschichte beginnt sie aus den Scherben ihrer Gefühle, Werte und Erinnerungen eine neue Identität aufzubauen.
Nach der langen Vorlaufphase machen diese Entwicklungen den Reiz dieser Folge aus: bisher standen die emotionalen und leidenschaftlichen Gestaltwandler im Vordergrund, die aus ihrer Einstellung und ihren Gefühlen kein Hehl machen und damit sehr schnell vertraut und sympathisch wirken. Dev und Katya machen es dem Leser nicht so einfach. Wie Katya die Folgen von Folter und Demütigung überwindet und aus einer tragischen Situation mit noch größerer Stärke hervorgeht, wie Dev mit seinem Gewissens- und Gefühlskonflikt umgeht und wie beide an einer hoffnungslosen Situation reifen und wachsen, läßt die lange Startphase vergessen und geht direkt unter die Haut. Spätestens zu diesem Zeitpunkt spielt es keine Rolle mehr, daß die Gestaltwandler und DarkRiver diesmal eher im Hintergrund bleiben. Einige neue "Gesichter" bei den Vergessenen (Aubry, Tiara) runden die Handlung ab, und man kann nur hoffen, daß sie in der weiteren Serie mit dabeibleiben werden.
Als ich die englische Ausgabe "Blaze of Memory" vor einiger Zeit das erste Mal gelesen habe, war ich zunächst etwas enttäuscht, weil ich eine weitere Folge bei den Gestaltwandlern erwartet und erhofft hatte; an den Stimmungs- und Tempowechsel dieser Folge muß man sich zunächst gewöhnen, ebenso an die Hauptcharaktere, die bisher allenfalls am Rande der Handlung vorkamen. Als ich das Buch später nochmal in Ruhe las, fand ich den Spannungsaufbau bis zum Finale gut gemacht und sehr bewegend; es lohnt sich auf jeden Fall, diese Folge zu lesen.