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Nomaden der Seele
Zoë Jennys Roman «Der Ruf des Muschelhorns»
Zoë Jennys Figuren haben eine fatale Neigung zum spurlosen Verschwinden. In ihrem Erstlingsroman «Das Blütenstaubzimmer» (1997) löste sich ein Unfallopfer buchstäblich in nichts auf: «Dort, wo der Wagen ausbrannte, ist jetzt ein Fleck schwarzer Erde. Von Alois ist kein Körperteil zurückgeblieben. Und keine Asche.» Und einmal imaginiert sich die Ich-Erzählerin den Verlust eines Freundes mit lustvoller Gründlichkeit. «Er ist gestorben. Ertrunken. Von der Flut des Indischen Ozeans hinausgetrieben und nie mehr zurückgekommen.»
Vergleichbares geschieht in «Der Ruf des Muschelhorns», Zoë Jennys zweitem Roman, bereits nach fünf Seiten: «Dann kehrte sie sich auf dem Absatz um und ging. Eliza blickte auf die kleinen runden Abdrücke, die ihre Schuhe im Teppich hinterlassen hatten.» Mehr sollte der kleinen Eliza von ihrer Mutter nicht bleiben als diese flüchtigen Spuren im Teppich. Sie verschwindet aus Elizas Leben und aus der Romanhandlung, als hätte es sie nie gegeben. Dann fällt die Grossmutter, bei der Eliza nun lebt, die Treppe hinunter und bricht sich das Genick. Abermals bleibt Eliza allein zurück. Immerhin hinterlässt ihr die Grossmutter das titelgebende Muschelhorn. Es begleitet das Mädchen fortan durchs Leben. Schliesslich verliert Eliza, nachdem sie einige Zeit in einem Waisenhaus zugebracht hat und danach zu einer Pflegefamilie gelangt ist, ihren Stiefbruder George: seine Mutter lässt ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen. Weder die Leser noch die Romanfiguren sollten ihn noch einmal zu Gesicht bekommen.
Geschichtsloser Raum
Das sind keine Gesten erzählerischer Verlegenheit. Vielmehr ergibt sich in diesem spurlosen Herausfallen der Figuren aus der Romanhandlung ein Pendant zur offenkundigen Ungewissheit über ihr Herkommen. Kaum eine Figur weiss sich in einer Lebensgeschichte geborgen. Nichts wird über Elizas Geschichte vor ihrer Trennung von der Mutter mitgeteilt, und auch von einem Vater ist nie die Rede. Sie lebt in einem fast erinnerungs- und geschichtslosen Raum, der sich im Waisenhaus, wo Eliza vorübergehend aufgenommen wird, zeichenhaft materialisiert. Doch auch bei einer Stieffamilie findet Eliza keine Geborgenheit. Nun heisst diese zwar Rosenberg und bewohnt eine Villa auf dem Goldhügel, indessen spricht aus diesen Namen allenfalls ein boshafter Sarkasmus, und die darin angedeutete Idylle ist in Wahrheit ein Abgrund. Denn auch Elizas Stiefvater, er wird im Roman nur als «Herr Rosenberg» angesprochen, als hätte man ihn um die Hälfte seiner durch den Namen gestifteten Identität betrogen, ist wie Eliza ein verlorenes Kind: seine Eltern waren, so heisst es lapidar, «früh und reich gestorben».
Nichts bewahrt diese seelischen Waisenkinder vor dem Absturz in die Bodenlosigkeit ihrer ungebundenen Existenz. Selbst Elizas Grossmutter, erdverbunden wie sonst keine unter Zoë Jennys Figuren («Grossmutter Augusta war ein warmer rauchender Berg», heisst es einmal, und ein andermal: «ihre Hände tauchten in die Erde, als wären sie ein Teil davon»), gilt in ihrem Dorf als Verrückte. Sie wohnt ausserhalb, isoliert und abgeschnitten von allen sozialen Bindungen. Kopfüber stürzt sie aus dieser Welt und macht damit vor, was den anderen, im übertragenen Sinn, noch bevorsteht.
Mittlerweile glaubt man die Physiognomie solcher herkunftsloser Existenzen zu kennen: aus Zoë Jennys Erstling zumal, freilich auch aus den Erzählungen von Judith Hermann oder Peter Stamm. Sie leben alle etwas ungesund, trinken und rauchen zuviel, die geringsten Turbulenzen erschüttern ihre sozialen und emotionalen Bindungen, und meist sind sie auf der Flucht. Eher leiden sie lautlos unter ihrem Nomadentum, als dass sie sich etwas darauf einbilden würden. «Wie gestrandete Fische» fühlen sich Eliza und ihr Stiefbruder George; und wünscht sich die eine, «durchsichtig zu sein, körperlos wie Luft», dann geht der andere «wie ein Fremdling» durch sein Elternhaus, «der nur zufällig hier in diesen Räumen gelandet war», während es von seiner Mutter heisst, sie bewege sich «flüchtig, als wäre sie mehr zufällig hier».
Nun müssen zwar solche stereotypen Beschreibungen nicht zwangsläufig das Interesse an Zoë Jennys Romanfiguren schmälern. Sie machen indessen die gleichen Schwächen sichtbar, an denen schon Jennys Début gelitten hatte: Was dieser ausgesprochen eindimensionalen Erzählwelt mit ihren geschichtslosen Figuren fast notgedrungen an inhaltlicher Substanz fehlt, versucht die Autorin mit sprunghafter Weitschweifigkeit und metaphorischen Arabesken wettzumachen, wobei ihr nicht immer der gute Geschmack oder die Stilsicherheit die Hand führt. Und mögen im Roman dadurch auch fortwährend gespenstisch folgenlose Leerstellen entstehen, so bringt das weniger die Protagonisten als vielmehr den Text selbst in Bedrängnis. Die Lücken bleiben ganz einfach stumm wie Eliza, die vorübergehend im Schweigen Zuflucht sucht.
Stärken
Freilich nicht nur in den Schwächen, auch in den Stärken knüpft «Der Ruf des Muschelhorns» an Zoë Jennys Début an: am wirkungsvollsten entfaltet sich ihre Sprache dort, wo sie von der Kindheit Elizas berichtet. Hier schöpft sie die überzeugendsten, auch die suggestivsten Bilder. Eindringlicher als die Beziehung Elizas zu ihrer Grossmutter gelingt ihr nachher kaum eine Passage. Hier fügen sich die zwei Stimmen die bereits melancholisch eingefärbte junge und die alte, trotzig, aber ohne Bitterkeit zu einem stillen und dann jäh abgebrochenen Zwiegespräch. Nur sporadisch durchbricht danach Jennys unbestrittene Sprachkraft die erzählerische Indifferenz, in die sie sich ihren älter werdenden Protagonisten gegenüber flüchtet. Einmal noch sehen wir Eliza als eine Ophelia des Nachts mit ihrer Freundin im See tauchen und auf diesem Grenzgang zwischen Leben und Tod den Seegrund nach verschütteten Erinnerungen abtasten: dann nimmt man mit stockendem Atem wahr, wie hier eine vielleicht noch nicht einmal bewusste Lebensfülle in ein ergreifendes Bild und in eine in ihrer Schlichtheit unheimliche Sprache drängt.
Meist jedoch bestimmt eine unterkühlte Distanz die Tonlage. Zoë Jenny zeigt gegenüber der erzählten Handlung und ihren Figuren eine ähnliche Gleichgültigkeit, wie diese sie gegeneinander empfinden. Zwar lässt der Roman ungeachtet seines schmalen Umfangs eine beträchtliche Zahl von symbolisch angereicherten Motiven anklingen: irgendwo im Süden wird Krieg geführt; obdachlose Outlaws geistern durch das Buch; eine zynische Werbekampagne wird an den Pranger gestellt; dazu fügen sich vom Waisenhaus über den Hügel der Reichen bis zum Arbeitsamt eine Reihe hochkomplexer Schauplätze, während immer wieder der zum kitschigen Leitmotiv neigende Ruf des Muschelhorns erklingt, als wäre es «ein Signal aus einer anderen Welt». Das alles aber steht ohne inneren Zusammenhang wahllos nebeneinander: beliebig und ohne vertieft zu werden. Zu vieles bleibt dabei in der Schwebe; wie die Figuren, so leidet das Geschehen an mangelnder Bodenhaftung. Man mag die Absenz einer spürbaren Empathie dieser Erzählerin bedauern, allein, sie wäre zu verkraften, würde sie durch die Vorzüge einer erzählerischen Konzentration aufgefangen. Zoë Jenny sucht zwar die Emphase, doch lässt sich damit kaum ein grundlegendes Problem ihrer Prosa überspielen. Diese modernen geistigen Nomaden ohne Lebensgeschichte und -inhalte, die überdies vorwiegend mit sich selbst beschäftigt sind, aber auch für sich selbst nur ein sehr beschränktes Interesse aufzubringen vermögen, verlieren nur allzuschnell jeden literarischen Reiz. Die Leere und die Stille, in der diese Figuren leben und die sie immer sosehr suchen, wie sie sich von ihr bedroht fühlen, müsste mit sprachlichen und erzählerischen Mitteln bewältigt und bereichert werden. Der zweite Roman von Zoë Jenny führt zwar die Leerstellen dieser öden Welt vor, zum Sprechen bringt er sie noch nicht.
Roman Bucheli
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Rezension,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Ruf des Muschelhorns (Gebundene Ausgabe)
Zoe Jenny: Der Ruf des MuschelhornsDas zweite Werk der 26-Jährigen Autorin Zoe Jenny, ist ein moderner Roman, der hauptsächlich von der Aneinanderreihung schicksalhafter und dramatischer Ereignisse lebt, die der zentralen Figur, dem Mädchen Eliza, widerfahren. Der Versuch, die bruchstückartige, subjektive Wahrnehmung bestimmter Vorgänge auch so zu erfassen, wie sie abläuft, scheitert spätestens, als Eliza eine plötzliche Alterung durchmacht, die man an keiner parallelen Entwicklung im Roman nachvollziehen könnte. Es fehlt dem Leser sozusagen der rote Faden, was aber gar nicht im Widerspruch zu dem steht, was das Buch vielleicht gerade zeigen will: die Schnell-Lebigkeit, Phänomen unserer Zeit. Die szenenhafte Darstellung und das Unberücksichtigtlassen so mancher "angeknabberter" Biographien dokumentieren sicherlich ein Symptom des wirklichen, modernen Lebens. Und doch wüsste man gerne, warum Elizas Mutter ihr Kind zur Oma bringt und nie mehr auftaucht, warum der Sohn eines reichen Ehepaares eines Tages in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und anscheinend nicht mehr entlassen werden kann, nur weil er seine Mutter auf unübliche Weise hebt und verehrt. "In real life", also im wirklichen Leben beobachtet man auch nicht die Entwicklung einer jeden Person, den Lebenslauf eines jeden Bekannten von Anfang bis Ende, natürlich nicht. Auch verknüpfen sich die Geschehnisse nicht miteinander geschweige denn erklärt sie jemand. Umso zwingender drängt sich damit aber die Frage auf, warum in Zoe Jennys Roman weder eine zeitliche noch geographische Einordnung möglich ist. Warum nichts geschieht, was banal und einfach belanglos, alltäglich eben, ist. Es gibt eine inzestuöse Beziehung, es gibt die sprechgestörte Eliza im Waisenhaus, die jugendlichen Sprayer unter der Autobahnbrücke, es gibt den Freund der alkoholabhängigen Sue, der beim U-Bahnsurfen umkommt. Auch den Sohn der Rosenbergs, der seine Mutter so abgöttisch hebt und die Oma, die tödlich von der Treppe stürzt, gibt es und Krieg. Subtrahiert man von dem Roman die klischeehaften Schicksalsschläge, bleibt ein winziges Fitzelchen des zentralen Themas, das Zoe Jenny leider gar nicht so sehr ausarbeitet, wie es vielleicht interessant wäre: Sprache und Kommunikation. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Der Ruf des Muschelhorns enttäuscht...,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Ruf des Muschelhorns (Gebundene Ausgabe)
Rezension zu Zoe Jennys neuem RomanViele Fragen bleiben offen für den Leser, der sich durch das Labyrinth Zoe Jennys neuen Buches „Der Ruf des Muschelhorns" geschlängelt hat. Um die Ecke denken - so heißt die Devise, denn Jenny schafft mit ihrer meist nüchternen und mit wenigen Ausnahmen oberflächlichen Sprache viele einzelne Teilgeschichten mit Figuren, die aus dem Nichts auftauchen und zum Teil auch dorthin wieder verschwinden, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Wo diese Technik der Brüche und Sprünge anfangs noch interessant erscheint und auf mehr hoffen lässt, enttäuscht der Schluss des Romans mit einem jähen Ende, das die einzelnen Puzzleteile keineswegs zu einem kompletten Bild zusammenfügt; Figuren und Handlung lösen sich gerade in dem Moment auf, in dem man zum letzten Mal auf eine Charakterisierung und Entschleierung eben derer wartet. Das Ziel, einen realistischen Roman mit gesellschaftskritischen Elementen zu entwerfen, hat die Autorin um einiges verfehlt. Zu viele Aspekte erscheinen unwirklich und abstrakt, außerdem schwebt die Handlung in einem unbekannten Raum, der nur angedeutet und gleichzeitig im Nabel gelassen wird. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass ebenso die Zeitverhältnisse nicht ganz klar sind, und es bleibt z.B. als eine von vielen die Frage offen, welcher Bruch innerhalb der Handlung die Jugendjahre der am Ende 19-jährigen Hauptfigur Eliza mit sich ins Nichts gezogen hat... Trotz der komplizierten und verwirrenden Sprünge hält die Autorin die einzelnen Handlungsstränge in einfachem und der Triviallitertatur sehr ähnlichem Stil: Das Mädchen Eliza, das als Kind von ihrer Mutter (letztere verschwindet daraufhin spurlos!) zur Großmutter gebracht worden ist, wächst dort behütet, aber fern von jeder gesellschaftlichen Integration auf. Nach dem Tod der Großmutter bleibt der 13-jährigen nur noch deren titelgebendes „Muschelhorn", das für die Anti-Heldin - sie verzichtet forthin auf das Sprechen - die Verbindung zum Rest der Welt wird. Der Aufenthalt im Waisenhaus drängt sie mehr und mehr in ihre Verschlossenheit, und als Höhepunkt des Absurden wird Eliza schließlich von ihrem Stiefvater Herrn Rosenberg durch sexuellen Missbrauch wieder zum Sprechen gebracht. Doch niemand übt Kritikan diesen nächtlichen „Therapie-Treffen" in Abwesenheit der Stiefmutter. Erst als Stiefbruder George Elizas „Geständnis" erfährt, sieht er dieses schwerwiegende Verbrechen auch als solches an. Doch seine Reaktion bringt dem Leser statt der erhofften Klarheit wieder nur Verwirrung und Unverständnis. Danach geht alles ganz schnell. Die unwirklich kühle und abgebrühte Mutter lässt George in eine psychiatrische Klinik einweisen, dieser verschwindet daraufhin von der Bildfläche, eine Menge Jugendlicher am Rande dieser Gesellschaft vollbringen ein kurzes Zwischenspiel, dann bleibt Eliza wieder allein - fern von ihren im Nebel abtauchenden Adoptiveltern und auch fern von der lebendigen Welt, vor der das Mädchen sich wieder verschließt und in erneutes Schweigen flüchtet. Zurück bleibt am Ende nur der durchdringende „Ruf des Muschelhorns [...] aus einer anderen Welt" - und eine Menge offener Fragen des Lesers. Am Ende bleibt noch eines zu sagen: Ein Roman mit offenem Ende, der den einzelnen Bücherfreund zum Nachdenken und die ganze Leseschaft zu Diskussionen anregt, ist ja schön und gut - doch ob es sinnvoll und überzeugend ist, als Autor den Leser ganz und gar im Unklaren zu lassen und mehrmals in der Handlung einfach abzubrechen, als ob man nicht mehr weiterwüsste, bleibt fraglich. Zoe Jennys Buch „Der Ruf des Muschelhorns" ist eine Geschichte, die einen interessanten Stoff zu Diskussionen bietet; ohne die überschwenglich positive Kritik zum „Blütenstaubzimmer" wäre die Autorin aber vermutlich nicht zu so großer Anerkennung und der zweite Roman zu weit schlechteren Beurteilungen gelangt -. Für das Geschichten-Labyrinth gilt es also, sich von den die Autorin hochlobenden Kritikern nicht beeinflussen zu lassen und sich unvoreingenommen - wenn überhaupt möglich - ein eigenes Bild zu schaffen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Es irrt der Mensch ...,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Ruf des Muschelhorns (Gebundene Ausgabe)
"Es irrt der Mensch solang er strebt." Auch Zoe Jenny strebt. Nach Erkenntnis? - Wohl eher nicht. Obwohl auch sie mitunter an der schrecklichen Welt zu verzweifeln droht. Sie leidet unter der wirren Wirklichkeit, die sie in ihrem neuen Roman "Der Ruf des Muschelhorns" ebenso wirr wiedergibt. Dieser erschien kurz nach ihrem, von den Kritikern hoch gelobten, Erstlingswerk "Das Blütenstaubzimmer". Eine beachtliche Leistung für jemanden der "Romane zu schreiben (...) schrecklich" findet. Das Berühmtsein engt Jenny ein. Sie leidet darunter. Dennoch opfert sie sich großzügigerweise für zahlreiche Lesungen, Pressetermine und Photoaufnahmen, in immer variierenden Positionen. Doch sensible Betrachter erkennen in dem traurig-einsamen Blick ihr wahres, an der Wirklichkeit verzweifelndes, Ich. Zoe Jenny will ihren Lesern einen "verantwortungsvollen Umgang mit dem Material Sprache vermitteln". Böse Zungen könnten hier die Frage aufwerfen, ob ihr dies mit Sätzen wie "Herrn Rosenbergs Stimme schraubte sich spiralförmig in sie hinein und hallte dort nach" gelingt. Doch weit gefehlt!. Der intelligente Leser erkennt hierin den Rückbezug auf den eine Seite vorher stattfindenden "Inzest" Herrn Rosenbergs mit der 13 Jahre alten Hauptfigur Eliza. Eliza, die von ihrer Mutter alleingelassen, von ihrer Großmutter in einer ländlichen "Heidi"-Idylle aufgezogen wird, verstummt nach dem Tod der Meerschaumpfeife schmauchenden Oma und kommt in ein Waisenhaus.Großmutters Muschelhorn nimmt sie mit. Von dort aus wird sie von den Rosenbergs auf den Goldhügel geholt, um deren Ehe zu kitten. Hier holt sich der Logopäde, Herr Rosenberg, sein Pflegekind in das verlassene Ehebett. Vater und Tochter staunen am nächsten Morgen gemeinsam über das aus Elizas Mund geplatzte Wort "Blut" und das Blut auf der Bettdecke. Als Eliza Jahre später ihrem Pflegebruder George davon erzählt, fällt dieser in kurzzeitig ödipalem Wahnsinn über seine Mutter her, die als Modedesignerin nie Zeit für ihn hatte. Eliza und George fliehen aus der heilen Welt des Goldhügels und begeben sich unter die Außenseiter der Gesellschaft. George wird in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und Eliza spricht nicht mehr. Sie drückt ihre inneren Empfindungen, ihre Vereinsamung und ihre Sehnsucht nach Liebe durch das Blasen des Muschelhorns aus. Die Darstellung der verwirrenden Realität ist Zoe Jenny also offensichtlich gut gelungen.Vielleicht sogar zu gut. Die unverbundenen Einzelszenen und die aus dem Kontext fallenden Sätze sollen die heutige schnelllebige Zeit spiegeln und eine vollkommen neue Art von Roman kreieren. Zoe Jennys gutgemeinter Versuch ist leider gründlich daneben gegangen. Die Handlung scheint einem dutzend billiger Jungmädchenromane entnommen, durchgemixt und auf 124 Seiten komprimiert zu sein; hier und da garniert mit pseudo-tiefsinnigen, psychologischen und philosophischen Symbolen. Zoe Jenny strebt also nicht nur (entgegen ihrer eigenen Aussagen - offensichtlich doch nach Ruhm und Erfolg) - sie irrt leider auch und verirrt sich in den zahlreichen ineinander verwobenen Handlungsfäden. Fausts Gott verzeiht ihr. - Vielleicht wäre es dennoch für alle das Beste, sie würde es ihrer Hauptfigur nachtun und sich in Schweigen hüllen.
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