1.
Schon das "Dschungelbuch" kennen vermutlich viele (die meisten) nur aus dem Kino. "Stalky & Co." - ein unglaublich gute Sammlung von Internatsgeschichten - dagegen dürfte nahezu unbekannt sein. Und das ist wirklich schade. (1) Das Buch enthält etliche locker zusammenhängende Erzählungen aus einem erfundenen Internat an der Norwestküste von England (bei Westward Hoo!). In diesen Erzählungen spielen immer drei Jungen die Hauptrolle, "Stalky" der Anführer (so wie man sich einen Anführer halt vorstellt), "Beetle", bebrillt, zuweilen tolpatschig und ängstlich und schwer von Begriff, aber auch sprachlich übermäßig begabt und einfallsreich (ein Ebenbild des jungen Rudyard Kipling selbst, der hier die Geschichte seiner eigenen Jugend verarbeitet) und "McTurk", die treue Seele im Triumvirat.
Selbstredend erzählt Kipling ganz gewöhnliche Schulgeschichten, von Streichen, die sich die "Häuser" (nicht identisch mit Schulklassen, aber vereinfachungsweise vergleichbar) untereinander und die sie ihren Lehrern spielen; ein wundervolles Kapitel beschreibt sehr anschaulich eine Lateinstunde - aber Kipling verwendet auch erhebliche Mühe darauf, indirekt klarzumachen, warum derartige Erfahrungen (die viele Schüler davor und seitdem gemacht haben) wertvoller für das Leben sind als das mühevoll genug erlernte Wissen. Er schafft das ganz ohne erhobenen Zeigefinger, überhaupt ohne jede didaktische Absicht. Er nimmt nur seine Figuren vollkommen ernst und läßt sie sich in aller Ruhe entwickeln, und das nimmt uns für sie und für ihn mehr ein als alle pädagogischen Tricks und mühselig veranschaulichte sozialpolitische Überzeugungen, wie gut sie auch immer gemeint sein mögen.
2.
Was nun macht diese Geschichten so aufregend? Zum einen ist es die selbstverständliche Einbettung der Handlung in den Hintergrund des ländlichen England vor einhundert Jahren, das uns vollkommen unvertraut ist, aber so anschaulich geschildert wird, daß wir es restlos begreifen. Wir verstehen, warum McTurk den pensionierten Oberst auf seine Seite bringt, weil beide einander als ebenbürtig anerkennen, auch wenn wir annehmen müssen, daß sie zwei Generationen voneinander entfernt sind: beide kommen aus der gleichen Gesellschaftsschicht, in der Herzensbildung, Anstand, Sportsgeist (vor allem dieser überaus englische Sportsgeist) und Verantwortung etwas ganz Konkretes bedeuten; und vor diesem Hintergrund kann ein halbwüchsiger Schüler trotz seiner Unreife einen in Würde ergrauten, leicht spleenigen Oberst ohne Hinterlist in die Verantwortung nehmen und so die übereifrigen Pädagogen, die ja auch nur ihre Pflicht tun - aber mit welchem Geist! - austricksen. Gerade diese Seite der Geschichten habe ich ganz besonders genossen. Zum zweiten sind sie absolut aufrichtig erzählt. Keine Reportagen à la Günter Wallraff, sondern sehr sorgfältig kalkulierte und konstruierte Erzählungen, in denen sich Kipling viel Mühe macht mit der Entwicklung seiner Figuren (aus sich selbst heraus und nicht, wie andere, mittelmäßige Autoren es uns immer wieder vorführen, indem er uns nur erzählt, wie sie sich entwickeln [2]), bis wir sie so gut zu kennen glauben wie unsere eigenen Schulfreunde und uns nichts sehnlicher wünschen, als damals dabei gewesen sein zu können. Schließlich hat Kipling das alles selbst erlebt. Wie leicht hätte er Reportagen schreiben können! Aber er hat stattdessen eigenständige Geschichten komponiert, die eine höhere Form der Wahrheit bilden, indem sie über sich selbst hinausweisen. Zum dritten nämlich zeigt er uns, wozu die Schule solche Schüler am Ende gemacht hat. Kipling war überzeugt davon, daß die Kolonien "The White Man's Burden", die Bürde des weißen Mannes waren. Daß möglicherweise etwas an dieser Idee daran ist, zeigen die Entwicklungen in Afrika, wo Farbige Farbige zugrunde richten. (3) Oder denken Sie an Indien, wo das von den Engländern über Jahrzehnte und Jahrhunderte hin errichtete umfassende Bewässerungssystem nach der Unabhängigkeit inenrhalb von wenigen Jahren verfallen ist. - Englische Schulen förderten weit mehr als ihre kontinentalen Pendants die Fähigkeit zur Improvisation und zur inneren Führung nach einem allgemein verbindlichen Ehrenkodex, aber Kipling war auch nur allzu sehr bewußt, das gerade dieses System phantasielose Kreaturen produzieren konnte, wenn der darin geformte Lehm nicht mit Leben gefüllt werden konnte: entfesselte Golems, die ganze Staaten in Schutt und Absche legen konnten, wenn ihnen danach war in ihrer selbstgerechten Dummheit.
3.
Dieses wundervolle Buch zeigt uns ein wenig, was "Leben" wirklich ist, und wie früh wir Verantwortung übernehmen müssen, wenn wir an unseren Herausforderungen wachsen und nicht scheitern wollen. Es geht dabei nicht um eine "Moral von der Geschicht". So billig ist Kipling nicht. Aber wenn ich sehe, wie viele junge Leute sich heute nicht nur weigern, Verantwortung zu übernehmen, sondern überhaupt gar nicht erst erkennen, daß jemand sie übernehmen muß (es gehört zum Erwachsen-Werden, das zu begreifen), dann wundere ich mich ein wenig und hoffe insgeheim, daß dieses Buch vielleicht ein klein wenig, ein ganz klein wenig den Sinnenswandel mit befördern könnte. "Deutsch sein", hat einmal jemand postuliert, "heißt, etwas um seiner selbst willen zu tun." Klingt gut, nicht? Wenn wir bloß wüßten, was damit gemeint sein könnte. Leider haben die Deutschen dabei in der Regel wenig Selbstironie bewiesen. Was ein wenig gesunder Humor anrichten kann, wenn er diese Maxime "...um seiner selbst willen..." kräftig würzt, zeigt dieser unglaublich schöne Roman.
Das Buch ist bei Haffmans erschienen, im Rahmen der tollen dunkelroten Kipling-Werkausgabe. Es ist sehr gut übersetzt und ausführlich kommentiert, was den Spaß spätestens beim zweiten und dritten Lesen beträchtlich erhöht.