Lesern auf 250 Seiten das Leben und die Lehre von Rudolf Steiner näher zu bringen, ist eine Aufgabe, an der wohl die meisten Autoren scheitern. Zumindest wenn man den Anspruch hat, die wesentlichen Punkte klar zu erfassen und sich nicht in unwichtigen Details zu verlieren. Heiner Ullrich, der als einer der besten Kenner der anthroposophischen Pädagogik gilt, legt zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner ein Buch vor, das hoffentlich auch ein Publikum erreichen wird, das vom Leben und der Lehre Steiners nur wenig weiß.
Die kurze Einleitung macht gleich klar, dass sich das Rätsel Steiner wohl nie ganz lösen lässt. Denn kaum eine Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts entfaltete eine so starke Wirkung und entzog sich gleichzeitig einer Einordnung in gängige Kategorien. Einer sachlichen Würdigung von Steiners Leistungen stellt sich auch dessen oft fremdartig anmutende Terminologie in den Weg. Und wie Heiner Ullrich eindrücklich in einem eigenen Kapitel belegt, spaltet Rudolf Steiner das Publikum in Hagiographen und Kritiker. Die einen wehren wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Steiners Lehren aus Prinzip und Angst vor verschobenen Weltbildern ab, die anderen suchen akribisch nach kleinsten Belegen für esoterische Verirrungen von Rudolf Steiner. Und nur ganz wenige nehmen sich die Mühe, tragfähige Brücken zwischen zwei Welten zu bauen, die nur aus ideologischen Gründen als unvereinbar gelten.
Im ersten Kapitel wird der Leser anhand von Rudolf Steiners Lebensgang in seine Gedankenwelt eingeführt. Die beschriebenen Stationen lauten: Kindheit und Jugend in der Fremde - Student und Hauslehrer in Wien - Archivar in Weimar - Höllenfahrt in Berlin - Der weltanschauliche Führer - Der Weg ins Goetheanum und Neue Zeiten, neue Konzepte. Spannend fand ich nicht nur die Beschreibungen, wie sich Steiners Modelle langsam entwickeln, sondern auch die vielen Hinweise auf zufällige und wegweisende Begegnungen mit anderen Personen. Und am Schluss des ersten Kapitels wurde mir wieder einmal mehr bewusst, dass sich eine so schillernde Persönlichkeit wie Rudolf Steiner weder politisch noch ideologisch einordnen lässt. War er nun ein individualistischer Anarchist? Ein charismatischer und autoritärer Führer? Ein Wissenschaftler mit Hang zum Mystischen oder ein Esoteriker mit dem starken Bedürfnis, den wissenschaftlichen Segen für seine Glaubensmodelle zu erhalten? Da Heiner Ullrich zum Glück nicht der Versuchung erliegt, endgültige Antworten zu geben, gibt er seinen Lesern den Raum, sich in Steiners Lehre selber zu finden.
Dieser Lehre Rudolf Steiners ist das zweite Kapitel gewidmet, in dem Heiner Ullrich zuerst das erkenntnistheoretische Frühwerk, also den Goetheanismus vorstellt und danach die Grundlehre, die Anthroposophie so verständlich erläutert, dass auch ihre Anwendungsbereiche klarer werden. Davon ausgehend, dass die Anthroposophie zwingend mit einem Erkenntnisweg, einer Weltanschauung und einer Lebensform verbunden ist, zeigt Heiner Ullrich auf, was dies für eine entwicklungsgemässe Erziehung, die intuitive Medizin und eine biologisch-dynamische Landwirtschaft heißt.
Das dritte Kapitel "Rezeption und Kritik" ist vor allem für Leser interessant, die sich nicht festlegen wollen oder können, zu welcher "Steiner-Partei" sie gehören. Heiner Ullrich zeigt aber auch auf, warum viele Menschen eine Rückkehr des Mythischen begrüßen, weshalb die Grenzenlosigkeit der Anthroposophie fasziniert und wo Rudolf Steiner sich wohl tatsächlich verrannte. Da die Waldorfpädagogik ohne Zweifel der größte Erfolg von Rudolf Steiners Wirken ist, widmet ihr Heiner Ullrich das vierte und letzte Kapitel. Was 1919 als Schule für die Waldorf-Astoria-Zigarrenfabrik begann, hat in der ganzen Welt starke Spuren hinterlassen. Welche das unter anderem sind, zeigt eine 2007 erschienene Studie, die auf Umfragen bei ehemaligen Waldorf-Schülern basiert. Auch wenn Zahlen immer mit Vorsicht zu genießen sind und interpretiert werden müssen, bleibt bei mir doch hängen, dass die Arbeitslosenquote unter diesen Ehemaligen lediglich 2.7% beträgt.
Mein Fazit: Die Literatur zu Rudolf Steiner und seinem Werk war schon vor dem Jubiläumsjahr kaum zu überblicken. Der ausgewiesene Kenner der anthroposophischen Pädagogik, Heiner Ullrich, hat die wichtigsten Werk gesichtet und mit seinen eigenen Erkenntnissen und Beobachtungen verglichen. Das Resultat liegt nun vor und wird hoffentlich ein großes Publikum erreichen. Im Anhang mit einer Zeittafel, den Bildnachweisen und einem Register finden sich für besonders Interessierte weitere Literaturangaben.