Karen Swassjan: Rudolf Steiner - Ein Kommender, Verlag am Goetheanum, 2005, ISBN:
3-7235-1259-3
Da streiten sich nun Anthroposophen und Nichtanthroposophen - und ausgerechnet ein Philosoph aus Armenien (er)klärt die Anthroposophie durch Rudolf Steiners Schlüsselwerk der Philosophie der Freiheit" - indem nun endlich klar wird, dass jene Philosophie gar keine ist, weil...
Jenes weil..." wird in akribischer wie Erkenntnis durchdringender Weise so breit und reich aufgefächert, dass einem der Wind des Denkvermögens heftig um die zugigen Augen und Ohren fährt, auf dass so manchem vorübergehend hören und sehen vergeht... Zunächst jedenfalls!
Swassjans Buch fordert alles, weil es um nichts weniger als um alles geht. Ob man dieses Alles jedoch erkennt und demgemäß bereit ist, sein eigenes Alles notwendigerweise in die Wagschale zu legen, liegt im individuellen Vermögen des Lesers. Das sehr ernsthafte Spiel mit den gedanklichen Querverbindungen zwischen Philosophie und Anthroposophie über die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte mit ihren bemerkenswerten Verknüpfungen, fordert Konzentration beim Lesen und die Liebe zur Sache, die die Sache der Anthroposophie ist - jedoch nicht unbedingt auch die der Anthroposophen.
Die externen Streitereien, Anfeindungen und Missverständnisse sind dabei fast noch zu vernachlässigen im Hinblick auf die noch schwerwiegendere Sünde jener internen G/Eiferer", die sich mal der luziferischen Begeisterung bedienen, mal des ahrimanischen Intellektualismus. Hier in diesem Werk wird ausgerenkt und eingerenkt, um vollständig miteinander abrechnen zu können. Kein Buch für Schöngeistige im traditionellen Sinne des Wortes. Absolut ein Buch für Schöngeistige, die den Geist in seiner Klarheit lieben und sich ihm verpflichtet fühlen. Sie kommen voll auf ihre Kosten. Wer dazu den Reichtum der speziellen swassjanischen Verknüpfungskunst liebt, bekommt reichlich Zugaben, jenseits seines eigentlichen Anliegens (Humor und Chuzpe, Staunenswertes und Spannung all inclusiv)
Die Krankheit" der gescheiterten Anthroposophen (die Anthroposophie als solche kann ja nicht scheitern) wird in der sehr genauen Anamnese benannt und bezieht sich vor allem auf das Unvermögen, das Hauptwerk Steiners richtig zu lesen. Richtig im Sinne dessen, wie es Steiner anlegte und forderte.... statt es zu zerlesen in Zirkeln und Clübchen: es urphänomenal in sich wirken zu lassen, es zu verlebendigen und zu begreifen... als Licht in sich auferstehen zu lassen, fernab der Methode dessen, wie sonst Bücher gelesen werden. Letztlich gilt dies aber auch für die Werke Swassjans (und Scaligeros), die sonst ebenfalls schwer zugänglich werden.
Steiner benutzt für das Anliegen der Anthroposophie zunächst die Sprache der Philosophie als Stilmittel, um später zu erkennen, dass die Zeitgenossenschaft damit jedoch wenig anzufangen weiss. Dann der logisch zu vollziehende Schritt zur Theosophie, der die gleiche Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und zu erklären versucht - und dabei eklatant missverstanden wird: weil nominalistisch gelesen, eventuell auch spirituell-materialistisch oder auch philosophisch-intellektuell. Im Vollzug des Weges vom Frühwerk" der Philosophie der Freiheit" zur Theosophie geht es nicht um eine Weiterentwicklung", häufig fälschlich interpretiert, sondern um eine andere Form Hilfestellung für all die Suchenden auf dem Wege der Erkenntnis. Dass solche Stellen mittels Steiner selbst bei Swassjan genauestens untersucht und belegt werden, versteht sich von selbst. Hier werden keine tolldreisten Behauptungen aufgestellt, sondern auf sauber nachzuvollziehende Weise auch die Be- und Nachweise angeführt für das, was der geistigen Entseuchung bedarf.
Mit all jenen alten und herkömmlichen, uns wohl allen gewohnten Lesarten ist dem aber nicht beizukommen, was gemeint ist. Gemeint und gewollt ist der zu schaffende urphänomenale Zugang zu dem, wie WELT und Mensch, MENSCH und Gott, GOTT und Sein erkannt wird - monistisch und ohne das dualistische Bindewort des oder".... Das Urphänomenale muss neu vom Menschen ergriffen, neu erlernt werden, um zum Wesentlichen zu kommen - jenseits materialistisch-spiritueller Dualismen.
Auf der interessierten Suche nach Buchbesprechungen zu diesem sehr spannenden, bemerkenswerten und ungewöhnlich lesenswerten (!) Buch, fand ich im Internet quasi: fast nichts (der Quantität nach)... Doch, ein, zwei positiv bejahende Kommentare dazu - aber nichts in den sonst so reich gesäten Publikationen der anthroposophischen Presse. Warum?
Wollen die Anthroposophen (teils unbemerkt) am Ende die Anthroposophie gar vermeiden? Wollen sie sich selbst vermeiden? Sind sie in ihre eigenen Fallen dabei getappt?
Der kritische Leser möge selbst darüber entscheiden!
Dass dieses Buch nichts für Faulenzer ist (ich musste oft zum Fremdwörterbuch greifen) und eine gewisse Konzentration kostet steigert seine geistige Attraktivität, sofern man sich der Mühe eines genauen Lesens und Denkens unterzieht und zu unterscheiden weiß zwischen den anthroposophischen Ursünden, dem Meister" blind, gläubig, begeistert-luziferisch zu huldigen, mit verbrühtem Herzen" oder alternativ nun doch endlich mal ahrimanisch-intellektuell-raffiniert meint, ihn hie und da gewisser Fehler zu überführen".
Vermenschlichungen, Vergöttlichungen, Huldigungen, blinder Glaube, glühende Begeisterungen - mit all diesen und mehr Begrifflichkeiten wird das Kellergeschoss des nominalistischen, wie spiritistischen, materialistischen, dadaistischen, spirituellen wie philosophischen Denkens bei Swassjan entrümpelt. Es ist, als entsorge er gedanklichen Quast von Jahrtausenden und legt dabei aber all jene Schätze neu frei, für die die Zeit nun reif wird.
Zu hoffen ist, dass die Zeitgenossen es auch werden.
360 Seiten, die es wert wären, 720 darüber zu kommentieren - so gut ist die Aufarbeitung in Sachen Rudolf Steiner gelungen!
So gut, dass es tatsächlich gewichtige Gründe zu geben scheint, dieses Buch zu übersehen" .... vielleicht auch, weil das Anschauen, Erschauen zu schmerzlich ist?
Christa Schyboll