Pünktlich zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner am 27.02.2011 sind zwei neue und kritische Biografien über ihn erschienen. Die Historikerin Miriam Gebhardt hat sicherlich die publikumswirksamere von beiden vorgelegt, die andere Biografie stammt von Helmut Zander, einem ausgewiesenen Kenner der Anthroposophie in Deutschland. Miriam Gebhardt gelingt es mit ihrem journalistisch-lockeren, aber trotzdem sachlich-fundierten Stil, den Leser umfassend über die wesentlichen Stationen des Lebens von Rudolf Steiner und auch über seine Theorie der Anthroposophie zu informieren. Sie verortet überzeugend die Wurzeln seiner Anschauungen in dem Kontext der allgemeinen Reformbewegungen am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland. In diesen Reformbewegungen ging es um Sport, Ernährung, Gesundheit, Erziehung, Kunst, Okkultismus, Spiritualismus, Jeseitsvorstellungen und vieles andere. Anders gesagt, es ging allgemein um den Gegensatz von Individualismus und Materialismus. Letzter wurde als Zeiterscheinung von vielen abgelehnt und man suchte nach neuen Wegen zur individuellen Selbstrbestimmung. Steiner gelang es, über die Theosophie und den Okkultismus, über das Studium von Nietzsche, den Naturschriften von Goethe, über Haeckel und die Evolutionstheorie eine eigenständige Theorie, nämlich die der Anthroposophie, zu entwickeln. Dass Steiner und seine Anhänger von diesen Wurzeln und Einflüssen später nichts mehr wissen wollten und die Theorie als eigenständige Hervorbringung Steiners deklarierten, konstatiert Gebhardt zwar kritisch, aber sie ist andererseits fasziniert von der Person Steiners, der unermüdlich durch Vorträge und Publikationen seine Theorie und Vorstellungen in der Öffentlichkeit präsentiert. Gerade auch sein Auftreten und sein Erfolg als Redner beindrucken sie, obwohl sie feststellt,dass es wohl sehr auf die Erwartungshaltung des Publikums ankommt, ob man vom Autreten Steiners fasziniert ist oder ihn ablehnt. Auch sein ambulantes Wohnen, weil er stets auf Vortragsreisen unterwegs ist sowie die Stilisierung seines öffentlichen Auftretens ganz in Schwarz mit schwarzer Schmetterlingsbinde konstatiert sie mit Respekt, wenn sie ihn auch manchmal ironisch als Guru tituliert. Dass Steiner und seine Lehre aber auch heute noch den größten Einfluß und die größte Anhängerschaft aller Reformbewegungen haben, führt sie auf die gelungene Praxisanbindung seiner Theorie zurück. Steiner gelang es, mit der Waldorfpädagogik und den Waldorfschulen, mit den landwirtschaftlichen Produkten unter der Bezeichnung "Demeter" sowie den kosmetischen Naturprodukten und Naturheilmitteln unter der Bezeichung "Weleda" wesentliche Bdürfnisse der reformbereiten Menschen anzusprechen und sich auch ökonomische Standbeine für seine Aktivitäten und seine Bewegung zu verschaffen. In der Gewichtung dieser Praxisbereiche setzt sie aber den Fokus eindeutig auf die Waldorfschulen und deren Pädagogik, während sie die landwirtschaftlichen und naturheilkundlichen Bereiche nur streift. Auch auf die alternative Medizin, wie sie von der Anthroposophie vertreten wird, geht sie so gut wie gar nicht ein. In dem ausführlichen und ausgezeichneten Abschnitt über die Waldorfschulen benennt sie deutlich Vor- und Nachteile bzw. Probleme der heutigen Waldorfschulen, überlässt es aber dem Leser, sich entsprechend seiner Präferierung dafür oder dagegen zu entscheiden. Diese neutrale Haltung kennzeichnet das ganze Buch. Gebhardt verschweigt aber weder die Brüche in der Biografie Steiners noch dunkle Aspekte seiner Theorie, wie rassistische oder antisemitische Äußerungen, stellt jedoch klar, dass Steiner damit keinesfalls in eine Reihe mit nationalsozialistischen Rassevorstellungen zu stellen ist. Fazit: Für jemanden, der sich für die Person Steiners und für die Anthroposophie interessiert und sich informiere will, ist dies ein hervorragender erster Einstieg und Überblick, zumal das Buch zwar duchaus kritisch ist, aber ausnehmend kurzweilig und wohltuend sachlich geschrieben ist.