Wenn es in diesem Portal die Möglichkeit gäbe, ein Produkt mit null Sternen zu bewerten, hätte Zander dennoch einen Stern von mir erhalten dafür, dass er aufgrund seiner umfänglichen Belesenheit und außerordentlichen Sprachkompetenz eine wirklich gute, historisch profunde Biografie Rudolf Steiners hätte vorlegen können. Die vier Sterne Abzug erhält er allerdings, weil er eben das nicht getan hat oder tun wollte. Aus der immensen Zahl von Fehlern, Ungenauigkeiten und Verdrehungen seien hier einige zur Verdeutlichung dieses Urteils dargestellt.
Im Grunde zu vernachlässigen sind kleine, nur handwerkliche Fehler wie zum Beispiel, dass der Mann, der die Westfassade des 2. Goetheanums umgesetzt hat, nicht Max, sondern Carl Kemper hieß [Biografie (im weiteren B) 426; ], dass die farbigen Fenster des ersten Baues nicht von Assja Turgenieff geschliffen worden sind [B 317] oder dass die statischen Berechnungen für sämtliche Betonbauteile nicht das Dornacher Baubüro durchgeführt hat [ebd.], sondern der Tragwerksplaner Ole-Falk Ebbell-Staehelin von Leuprecht und Ebbell in Basel. So etwas kann man berichtigen.
Bedenklicher werden die Fehler, wenn sie im Zuge einer beabsichtigten Interpretation begangen werden: Beispielsweise bemüht sich Zander, eine von Steiner gewollte kultähnliche Verehrung seiner eigenen Person nachzuweisen. Dabei verlegt er Steiners Geburtstag kurzerhand auf den 25. März, um ihn an die erste kultische Feierlichkeit des neu eingerichteten Freien Religionsunterrichtes an der Stuttgarter Waldorfschule zu knüpfen [B 450]. Steiner wurde am 27. Februar geboren.
In der Debatte um die Identität von Steiners esoterischem Lehrer will Zander eine "'große Oper'" [B 40] in der anthroposophischen Literatur ausgemacht haben. Um mit dieser abzurechnen, präludiert er ausführlich, dass der Steinerbiograf Ch. Lindenberg behaupte, der Kräutersammler Felix Kogutzki, den Steiner in seiner Jugend kennengelernt hatte, sei der okkulte Meister gewesen. Tatsächlich schreibt Lindenberg aber das Gegenteil [ders.: R. Steiner - Eine Biographie, 88].
Zander stellt Steiner so dar, als habe der vor seiner theosophischen Zeit permanent, aber im Grunde aussichtslos von einer universitären Anstellung geträumt. Behufs dessen seien von ihm einflussreiche Bekanntschaften mit der Option Hintertürchen gepflegt worden. So z. B. zu Ernst Haeckel. Zander gibt eine Quelle an, aus der angeblich hervorgehe, dass Steiner "'hofft, Haeckel werde ihm in seiner akademischen Karriere weiterhelfen.'" [B 95] Liest man die Quelle nach - einen Brief an Pauline Specht [GA 39, 209] -, erfährt man nur etwas über Steiners philosophische Ambitionen, mit Haeckel als Vertreter der monistischen Philosophie einen Mitstreiter gegen '"volksverdummende religiöse Vorurteile'" - die es um 1900 gegen die Ergebnisse der empirischen Naturwissenschaft tatsächlich noch gab - gefunden zu haben. Von einer '"akademischen Karriere'" ist gar nicht die Rede.
In Zanders Augen ist Steiner um 1900 ein beruflich perspektivloser "'Habenichts"' [B 143] und am '"bürgerlichen Milieu gescheitert"' [B 102]. In dieser Situation sei ihm das '"Vortragsangebot der reichen"' - und ehemals verachteten - '"Theosophen [...] wie gerufen gekommen"' [B 146]. Um die materielle Motivation dieses Schrittes zu "'Auto [...] Pelz [...]"' und '"Hautevolee"' [B 143] zu illustrieren, verlegt der Autor die Theosophische Bibliothek in die renommierte Berliner Friedrichstraße, "'vom Berliner Prachtboulevard Unter den Linden leicht zu Fuß zu erreichen'" [B 145]. Tatsächlich lag die Bibliothek im Herbst 1900 allerdings in Alt Moabit 97 und später in der Kaiser-Friedrich-Str. 54a.
Nicht mehr nur bedenklich sind Fehler, wenn absichtsvoll beliebig mit Tatsachen umgesprungen wird, um eine vorgefasste Ansicht zu untermauern. Im Rahmen des Aufstiegs in die '"Hautevolee"' erscheint Steiner bei Zander mit der '"feschen, sechs Jahre jüngeren Schauspielerin Marie von Sivers"' [B 143] im Schlepptau. Das klingt nach Sternchen. Wenige Seiten später ist dann "'ihre [...] Bühnenkarriere gescheitert"' [B 149], um ihre Hinwendung zum Religiösen zu begründen. Tatsächlich stimmt beides nicht: Marie von Sivers hatte zwar eine Privatausbildung in Rezitation und Schauspiel erhalten und ihr war auch am Berliner Schillertheater die Rolle der Jean d'Arc angeboten worden. Aus Abneigung gegen die von Schauspielern erwarteten Renommierbesuche bei einflussreichen Journalisten hatte sie das Angebot aber abgelehnt.
Suggestiv setzt Zander in diesem Zusammenhang auch Fotografien ein. Um einen Steiner untergeschobenen Ehebruch an seiner damaligen Frau Anna Steiner mit der "'jüngeren Schauspielerin"' wahrscheinlicher zu gestalten, platziert er zwei Bilder der Frauen direkt nebeneinander. Marie von Sivers war bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Steiner 34 Jahre alt. Was uns Zander jedoch verschweigt ist: auf dem Bild sehen wir sie mit 17. Warum? Hatte Zander kein aktuelleres Bild?
Ebenso eine Abbildung des Vaters Johann Steiner: Um Steiner eine aus Umfeld und Elternhaus stammende '"tief reichende nationalistische Imprägnierung seiner Kinderseele"' [B 25] und eine lebenslang wirksame deutschnationale Sozialisation [B 143] zu unterstellen, zeigt der Autor den Vater mit patriarchalischem Backenbart. Darunter lesen wir die Analyse: "'Johann Steiner, der sich mit dem Kaiser-Franz-Joseph-Bart als kaisertreu zu erkennen gibt."' Was Zander verschweigt: es gibt eine Handvoll Bilder von diesem Mann, fast auf jedem trägt er einen anderen Bart (meistens Schnauzer). Wie steht es also mit dem politischen Bekenntnis?
Zanders bemerkenswerter Umgang mit Quellen wurde schon angedeutet. Hier noch zwei besonders prägnante Beispiele: Zander möchte beweisen, dass der Kräutersammler Kogutzki (s.o.) nicht der okkulte Meister Steiners gewesen sein kann (was, wie gesagt, gar nicht behauptet wurde). Denn der späte Steiner - so unser Autor - habe die Mär von der esoterischen Bedeutung Kogutzkis nur im Nachhinein als "'Fährte gelegt"' [B 40], um sich selbst eine esoterische Jugend zu konstruieren. Um das zu belegen, schreibt sich Zander zuerst das Wort des Historikers Reinhard Koselleck vom '"Vetorecht der Quellen"' auf''s Panier [B 40 ff] und greift dann zu einem Brief, den Steiner nachweislich nach einem Besuch bei dem Dürrkräutler an einen Freund geschrieben hat. Und weil er darin nun nicht über Einweihung, Esoterik und Geheimwissenschaft parliert, liegt für Zander nur ein möglicher Schluss nahe: dass, worüber in einem Brief nichts geschrieben steht, auch nicht passiert sein kann. - Eine solche Argumentation hätte man uns in keiner Proseminararbeit durchgehen lassen. Das ist Goldhagen-Niveau. - Ein weiteres Beispiel:
Steiner habe 1903 einen Ehebruch an seiner Frau Anna mit der "'jüngeren Schauspielerin"' Marie von Sivers begangen. Im Oktober, "'vielleicht in Schlachtensee, soll ,es' [sic] dann passiert sein."' - (Da legt man sogar die große deutsche Tageszeitung weg und will nur noch Zander lesen!) - Denn der zitiert nun wörtlich aus einem Brief der Tochter Anna Steiners aus erster Ehe, Emmy, sie habe die beiden in flagranti dabei ertappt, wie man da "'im Bett liegend"' handfest geworden sei [B 171]. Nachdem der Historiker hinreichend zitiert hat, gesteht er ein, dass die Quelle jedoch fragwürdig sei, ja dass sie ihm im Grunde gar nicht vorliege, sondern nur einem Autor der 30er Jahre, der jedenfalls behauptet, sie vorliegen gehabt zu haben und aus ihr zu zitieren. Dass dieser - der '"völkische Steiner-Hasser"' [B 172] Schwartz-Bostunitsch - mit seinem Buch des Titels '"Doktor Steiner - ein Schwindler wie keiner"' nicht sehr vertrauenswürdig auftrete und es sich da wohl um "'gehässige Halbwahrheiten"' handele, räumt Zander auch ein. Und so schließt er, dass das ganze zwar nichts für einen Ehebruch aussage, aber - man höre und staune - auch nichts dagegen. Punkt.
Eines von Zanders rhetorischen Stilmitteln ist es denn auch, etwas zu schildern, um sich im Nachhinein davon zu distanzieren. So beginnt er seine Schilderung der Theosophen unvermittelt mit eigenen Formulierungen und zeitgenössischen Zitaten über "'Frauen, die hemdartige [...] Kleider und Rosenkreuze an goldenen Kettchen um den Hals tragen"', in "'alkoholfreien Restaurants"' erlesenerer Klasse '"Bircher-Benner-Müsli'" mümmeln, "'zu Füßen des tief verehrten Lehrers sitzen"' und ansonsten '"das unappetitliche Gefühl von zurückgedrängtem sexuellen Hunger' verbreiten" [B 123]. Im zweiten Absatz erfahren wir dann, dass es sich bei diesen Schilderungen nur um "'Handlanger der Unwahrheit"' handelt. Aha.
Das über dem Westeingang des ersten Goetheanums aus Holz geschnitzte sogenannte "'Hauptmotiv'" wird dem Leser mit zeitgenössischer Perspektive als '"erschlaffter Doppelphallus'" [B 317] und auch der Schornstein des '"Heizhauses"' als '"okkulte phallische Symbolik"' [B 322] gedeutet. Erst dann erfährt man, dass dies angesichts der '"prüden Anthroposophie"' ganz unzutreffende Interpretationen seien. Ein Schelm, wer mutmaßt, der Autor arbeite hier nach der Regel, dass immer etwas hängen bleibt.
Hängen bleiben aber mit Sicherheit, weil permanent eingesetzt, Zanders abwertende rhetorische Formulierungen bei der Schilderung seines Gegenstandes:
Steiner befasst sich nicht mit aktuellen Themen, er '"schwimmt"' auf Wellen [B 46, 48, 379].
In seiner Autobiografie schildert er nicht seine Entwicklung, sondern '"bürstet"' sie '"auf Eigenständigkeit"' [B 62].
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