Wer auf die grosse Augstein Biographie gewartet hat, muss noch etwas warten. Denn Otto Köhlers Buch ist vieles, aber sicherlich nicht das Werk, das sich dem Leben und Wirken Augsteins angemessen annimmt.
Köhler sollte gelesen werden, von Lesern die an den Details des Hintergrund des Spiegels der 40iger und 50iger Jahre interessiert sind. Gleiches gilt für Augsteins angenommenen, latenten Anti-Semitismus. Dergleichen legt Köhler grossen Wert darauf, sich selbst und sein Wirken mit in sein Buch mit aufzunehmen. Durch vielfältige Wiederholungen von ein- und denselben Sachverhalten, schafft es Köhler so immerhin knapp 400 Seiten hiermit zu füllen. Zusammen mit einem scheinbar humorigen, meist aber nur nervigem und schwadronierendem Schreibstil, kann Köhler weder Augstein noch dem Spiegel gerecht werden.
Eine Biographie Augsteins kann Köhlers Werk jedoch schon deshalb nicht sein, weil knapp 30 Jahre aus Augsteins Leben fast komplett - bis auf eine Episode zu Anfand der 70iger Jahre, die Zeit, während der Köhler selbst beim Spiegel beschäftigt war - ausgeblendet sind: Die Jahre von der Spiegel-Strauss Affaire bis zur deutschen Wiedervereinigung finden bei Köhler quasi nicht statt. Darüberhinaus reduziert Köhler das positive Wirken Augsteins darauf, das er Strauss' Kanzlerschaft verhindert hat. Die Aufklärungen der diversen Skandale durch Augsteins Spiegel (Neue Heimat Affaire, Flick-Skandal, Barschel-Ehrenwort Affaire) werden nicht einmal im Ansatz erwähnt.
Wer also ein besonderes Interesse an den ersten Jahren des Spiegel und Augsteins hat, dem ist dieses Buch zu empfehlen. Wem das Leben Augsteins interessiert, muss sich noch etwas gedulden. Die grosse Augstein Biographie muss erst noch geschrieben werden.