Viel Aufregung um eine gute Idee, die schlampig umgesetzt wurde; das Buch verdient weder den Tadel von links noch das Lob von rechts. Es ist sehr dünn geraten, eigentlich eher eine Skizze dessen, was eigentlich hätte geschrieben werden müssen - und was Rabehl vielleicht sogar hätte schreiben können. Erschreckend wenig sorgfältig wird das Denken Dutschkes aufgearbeitet. Rabehl weist nicht an Hand der Originaltexte nach, wie und wo Dutschke einen Befreiungsnationalismus predigte. Das wäre hochinteressant gewesen, denn diese Seite im Leben des berühmtesten deutschen Achtundsechzigers wird tatsächlich meist ausgeblendet. Um eine solche Sichtweise plausibel zu machen sind aber einfach zu wenig Fakten ausgebreitet. Immer wieder möchte man nachfragen und erfahren, auf welchem Material die Einschätzungen des Autors eigentlich beruhen. Unter anderem wird das bei der Schilderung der Familienverhältnisse deutlich, bei deren Deutung Rabehl schon wesentliche Grundlagen für seine spätere Beschreibung der politischen Standpunkte von Rudi Dutschke legt. Die Einschätzungen Rabehls hängen oft im leeren Raum und durch die fehlende Absicherung über Zeitdokumente, Interviews, Stellungnahmen Dritter etc. läßt sich manches leicht abtun. Dazu trägt auch bei, daß viel Ressentiment und Griesgrämigkeit zu spüren ist, gewürzt mit Verschwörungstheoretischem. Der Autor fühlt sich isoliert, mit seiner Sicht auf Dutschke steht er alleine da, die ehemaligen Freunde und Gesinnungsgenossen lehnen die nationale Wende, die Rabehl vollzogen hat, ab. Um die Aufarbeitung dieser Ablehnung scheint es mehr zu gehen als um die Figur Rudi Dutschkes. Unnötig breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit anderen biographischen Annäherungen ein. Einmal zu oft wird betont,. daß nun viele der "Revolutionäre" in Amt und Würden sind, daß der politische, wissenschaftliche und publizistische Mainstream ganz wesentlich von Altachtundsechzigern geprägt wird. Das ist in der Tat so - man mag das beurteilen wie man will - aber ein solches Thema hätte ein eigenes Buch verdient und sollte nicht in verschnupften Nebenbemerkungen in einem Text zu Dutschke aufgearbeitet werden.
Rabehl beschreibt ganz richtig, wie die kritische Intelligenz über Status- und Stellenvergabe beispielsweise an Universitäten neutralisiert wurde; die Berufung zweit- und drittklassiger Wissenschaftler in den Siebzigerjahren hat das deutsche Bildungssystem ja auch entsprechend geschädigt. Allerdings fragt man sich bei der Lektüre des Textes unwillkürlich, ob Bernd Rabehl nicht vielleicht auch genau zu diesen Personen gehört, die von Zeitstimmungen in Positionen gebracht wurden, denen sie intellektuell und moralisch einfach nicht gewachsen waren. Vielleicht hebt ihn nur sein Mut, trotz immensen Mediendrucks zu seinen neuen nationalen Überzeugungen zu stehen, aus der Masse der linksliberalen Opportunisten in Wissenschaft und Kultur heraus. Intellektuell und rhetorisch bewegt er sich - so muß man nach der Lektüre von "Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland" urteilen - auf dem Niveau der Allzuvielen. Daher kann auch die Entscheidung, den Band in der "Edition Antaios" erscheinen zu lassen, nicht als klug bezeichnet werden. Eine wirkliche Neubelebung konservativer Theorie (um die es den Herausgebern zu gehen scheint) muss sicherlich ein anderes Reflektions- und Argumentationsniveau anstreben. Statt des kleines Werkes hätte ich mir zwei große und ein kleines gewünscht: ein großes Buch über die Einbindung der Achtundsechziger in den Staatsapparat und die amerikanische Hegemonialpolitik wäre gut gewesen, ebenso wie ein großes Buch über den Denkweg Dutschkes, das viele Legenden hätte zerstören müssen - und schließlich hätte ein knapp und zugespitzt formuliertes Manifest den nationalrevolutionären Standpunkt Rabehls verdeutlichen können. Aber vielleicht legt Rabehl ja noch entsprechende Arbeiten vor ... So aber bleibt vorerst nur der Ärger über eine verpasste Chance und die Hoffnung, daß der Antifa-Gesinnungsdruck nicht weiter Ressentiment-Literatur erzeugt.