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Rudi Carrell: Ein Leben für die Show
 
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Rudi Carrell: Ein Leben für die Show [Gebundene Ausgabe]

Jürgen Trimborn
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (12 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Gewiss, man war vorgewarnt. Die tödiche Krebserkrankung war bekannt. Sein letzter Auftritt im Februar, die Verleihung der Goldenen Kamera für sein Lebenswerk, geriet zu einem schmerzlichen Abschied. Dann der Rückzug, das grausame Warten. Und doch, es kam wie so oft, wenn ein Mensch geht, der sich jahrelang im kollektiven Bewusstsein einer ganzen Nation verankert hat: Als am 7. Juli 2006 mitten im WM-Rausch die Nachricht vom Tode Rudi Carrells eintraf, stellte sich die merkwürdige Empfindung ein, so etwas wie einen nahen Freund verloren zu haben. Einer war bis zum Schluss dabei. Für den Biografen Jürgen Trimborn hatte Rudi Carrell sämtliche Geheimfächer seines Lebens geöffnet. Das Vermächtnis eines geborenen Entertainers.

Und einer nicht eben leicht zu fassenden Persönlichkeit. Familiär so loyal wie flatterhaft (Seitensprünge blieben eine lange ausgeübte Nebentätigkeit Carrells). Charmant seinen Fans gegenüber, konnte er, wenn es ums Wichtigste, der perfekten Show ging, zum regelrechten Despoten werden, wie Mitarbeiter im Buch versichern. Trimborns akribische Spurensuche beginnt 1934 im holländischen Alkmaar. Es scheint, als hätte der Vater, ein in Holland nicht unbekannter Conférencier und Zauberkünstler, der später den Erfolg des Sohnes eifersüchtig beobachtete, die entscheidenden Wurzeln gelegt.

Im Fernsehholland der 60er-Jahre längst eine Institution, blies die „Rudi Carrell Show“ bald auch den öffentlich rechtlichen Bildungsmief aus den Wohnstuben der Deutschen. Wo bisher missmutige Quizbeamte ihre Kandidaten abgekanzelt hatten, hielt nun internationales Entertainment Einzug. Carrell statt Lembke! In dem mehr als 500 Seiten starken Werk machen Trimborns Analysen und Werkstattberichte der legendären Carrell-Shows den Löwenanteil aus. Es entsteht das Bild eines regelrechten Fernsehbesessenen und Gagproduzenten, eine gottgleiche TV-Personality, die auch Opfer forderte. Diese manische Seite Carrells bestätigt auch Tochter Caroline, die als Kind den Vater als ständigen Gaglieferanten problematisch fand.

Nicht verschwiegen werden bislang unbekannte private Details, so die Trennung von seiner ersten Frau Truus, die weder in der Fernsehwelt noch in Deutschland heimisch wurde, sowie die Affäre seiner geliebten, viel zu früh verstorbenen zweiten Frau Anke mit Andre Heller. Privates blieb perfekt abgeschottet, Die Show war sein Leben. Man mag es Fassade nennen, aber sein Öffentlichkeitsgesicht war ein freundliches, zugewandtes. Eines, das man jetzt schon vermisst. –-Ravi Unger

Pressestimmen

"Bei der Biographie handelt es sich um ein Werk, das weit von den 'Schnellschüssen' entfernt ist, die noch flott Kapital aus dem Ableben eines bekannten Menschen schlagen sollen. … Ein Vermächtnis des großen Entertainers." (Südwest Presse )

"Ein Buch wie eine Zeitreise durch 40 Jahre Fernseh-Geschichte. Ein sehr persönliches Porträt des Menschen Rudi Carrell, in dem seine Kinder, Freunde und Weggefährten unzensiert zu Wort kommen. ... Ein Buch über den Showmaster Carrell, über den Menschen Rudi - und über die Frauen, die ihn prägten." (Bild )

"Jürgen Trimborn schrieb die erste Carrell-Biografie. Fernsehen, Frauen und ein Abschied ohne Tränen. Rudi Carrells letzter Gruß an seine Fans. Die Biographie ist keine Heiligenlegende. Seine Kinder Annemieke, Caroline und Alexander sowie seine dritte Frau Simone beschwor er, sich nur ja kein Blatt vor den Mund zu nehmen. 'Er war überzeugt, das Erscheinen des Buches nicht zu erleben', so Trimborn. 'Deshalb wollte er nichts geschönt haben'." (Hamburger Abendblatt )

Kurzbeschreibung

DER MANN, DER DAS LACHEN NACH DEUTSCHLAND BRACHTE.
Die autorisierte Biographie. Das Leben des Unterhaltungsgenies Rudi Carrell.
Die bewegende Lebensgeschichte des Holländers, der den Deutschen das Lachen brachte und hier seine zweite Heimat fand. Und die Geschichte eines Unterhaltungstalents, das 4 Jahrzehnte Fernsehen prägte. In enger Zusammenarbeit mit Rudi Carrell entstanden.

Vier Jahrzehnte hat der Niederländer Rudi Carrell deutsche Fernsehgeschichte geschrieben. Ob die "Rudi-Carrell-Show" in den Sechzigern, "Am Laufenden Band" in den Siebzigern, Rudis legendäre "Tagesshow" und "Die verflixte Sieben" in den Achtzigern oder "7 Tage – 7 Köpfe" in den Neunzigern – immer wieder hatte er das richtige Feeling für die sich wandelnden Unterhaltungsbedürfnisse von Millionen Zuschauern. Er ruhte sich nie auf seinen Erfolgen aus, hatte immer wieder den Mut, etwas Neues auszuprobieren. Bei der Verleihung der "Goldenen Kamera 2006" für sein Lebenswerk stand der von schwerer Krankheit gezeichnete Star noch einmal im Mittelpunkt des Medieninteresses.

In enger Zusammenarbeit mit Rudi Carrell schrieb Jürgen Trimborn die erste Biographie über Deutschlands vielseitigsten und erfolgreichsten Showmaster. Anhand von Carrells Lebensstationen zeichnet Trimborn eine der erstaunlichsten Karrieren des deutschen Fernsehens nach. Dabei wird deutlich, dass Carrell immer ein Star zum Anfassen geblieben ist, selbstironisch, niemals anbiedernd, ohne Scheu vor ungeliebten Wahrheiten. Nicht umsonst bezeichnen ihn Showgrößen wie Harald Schmidt, Alfred Biolek oder Thomas Gottschalk als ihr großes Vorbild. Erstmals spricht Rudi Carrell in diesem Buch freimütig über sein Privatleben, so beispielsweise über seine Kindheit und Jugend im von den Deutschen besetzten Holland, über seine Eltern, die sich im Widerstand engagierten. Außerdem konnte Trimborn mit Carrells Kindern, seiner Frau und Menschen aus seinem engsten Umfeld sprechen.

Klappentext

"Bei der Biographie handelt es sich um ein Werk, das weit von den 'Schnellschüssen' entfernt ist, die noch flott Kapital aus dem Ableben eines bekannten Menschen schlagen sollen. ... Ein Vermächtnis des großen Entertainers."
Südwest Presse

"Ein Buch wie eine Zeitreise durch 40 Jahre Fernseh-Geschichte. Ein sehr persönliches Porträt des Menschen Rudi Carrell, in dem seine Kinder, Freunde und Weggefährten unzensiert zu Wort kommen. ... Ein Buch über den Showmaster Carrell, über den Menschen Rudi - und über die Frauen, die ihn prägten."
Bild

"Jürgen Trimborn schrieb die erste Carrell-Biografie. Fernsehen, Frauen und ein Abschied ohne Tränen. Rudi Carrells letzter Gruß an seine Fans. Die Biographie ist keine Heiligenlegende. Seine Kinder Annemieke, Caroline und Alexander sowie seine dritte Frau Simone beschwor er, sich nur ja kein Blatt vor den Mund zu nehmen. 'Er war überzeugt, das Erscheinen des Buches nicht zu erleben', so Trimborn. 'Deshalb wollte er nichts geschönt haben'."
Hamburger Abendblatt

Über den Autor

Jürgen Trimborn, Jahrgang 1971, ist durch seine viel beachteten Biographien über Leni Riefenstahl, Johannes Heesters und Hildegard Knef bekannt geworden und lebt als freier Schriftsteller in Berlin und in den belgischen Ardennen. Anfang 2006 trat er an Rudi Carrell heran, der ihn in den letzten vier Monaten seines Lebens nach allen Kräften dabei unterstützte, dieses Buch zu schreiben. Unter dem Titel "Een Leven voor de Show" erscheint das Werk auf Carrells Vermittlung hin zeitgleich in den Niederlanden.

Auszug aus Rudi Carrell. Ein Leben für die Show von Jürgen Trimborn. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort

Am 7. Juli 2006 schlief Rudi Carrell für immer ein. Anderthalb Jahre nachdem er die Diagnose bekommen hat, unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein, fünf Monate nachdem er sich für immer aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Nachdem er zwei letzte große Interviews gegeben hatte - in Deutschland im Magazin der Süddeutschen Zeitung, in den Niederlanden in der Tageszeitung Volkskrant -, hatte er sich jeglichen weiteren Interviewanfragen verweigert, nur ganz selten noch hat er sich von da ab öffentlich zu Wort gemeldet, zweimal, als es um dieses Buch ging, einmal zum achtzigsten Geburtstag seines Weggefährten Peter Alexander. Doch über seinen Gesundheitszustand, darüber, wie er seine Tage von da ab gestaltete, hat er konsequent geschwiegen - eben weil er der Meinung war, dass es nichts mehr zu sagen gibt und sein Sterben kein Thema für die Öffentlichkeit ist.
Doch hinter den Kulissen hat Rudi, wie er es sein ganzes Leben lang gewöhnt war, sehr hart und höchst diszipliniert weitergearbeitet - an diesem Buch. Wiederholt hat er sich mit mir zusammengesetzt, um über sein Leben zu sprechen, zum letzten Mal Ende Mai. Gemeinsam haben wir Fotos ausgewählt und hunderte E-Mails ausgetauscht, in denen es um Details aus seinem Leben und seiner Karriere ging. Noch am 2. Juli, nur fünf Tage vor seinem Tod, beantwortete er mir per E-Mail die letzte Frage zu diesem Buch.
Rudis Tochter Annemieke teilte mir gleich am Morgen nach Rudis Ableben die traurige Nachricht mit, als ich mich gerade hinsetzte, um das letzte Kapitel dieses Buchs abzuschließen. Und ich habe an diesem Tag wie geplant weitergeschrieben, weil ich wusste, dass dies im Sinne Rudis gewesen wäre und ich ihm keinen größeren Gefallen tun könnte. In seinem letzten Interview sagte er: »Ich bleibe Profi bis zum Schluss.« Und genau so, als absoluten Vollprofi, habe auch ich ihn erleben dürfen. Ich bin nicht nur dankbar für das große Vertrauen, das Rudi mir geschenkt hat, sondern auch dafür, miterleben zu dürfen, wie ruhig, wie gelassen, wie im Einklang mit sich selbst man diese Welt verlassen kann. Ich glaube, dass Rudi das vorliegende Buch als sein Vermächtnis betrachtet hat.

Geleitwort

Ich glaube, das größte Glück meines Lebens war die Tatsache, dass ich in der fernsehlosen Zeit geboren und aufgewachsen bin.
Meine ganze Jugend war dennoch auch nicht eine Sekunde langweilig. Ich war wissenshungrig und pausenlos auf der Suche nach Menschen, die mir etwas beibringen konnten in Sachen Humor, Abenteuer, Liebe und Gefühle. Aber nicht nur Menschen haben mich interessiert. Mit fünfzehn hatte ich die komplette Stadtbibliothek rauf- und runtergelesen. Mit achtzehn hatte ich im Kino alle Filme gesehen, die seit 1938 gedreht worden sind.
Ich war, noch in kurzen Hosen, in den schönsten Museen von Amsterdam und Paris. Saß stundenlang auf einer Bank im Vondelpark oder im Bois de Boulogne, um Leute zu beobachten. Schrieb Liebeslieder, Gedichte und komische Lieder. Und küsste zwischendurch alle schönen Mädchen der Stadt.
Und genau in dem Moment, wo ich wissenssatt und gereift genug war, kam das Fernsehen. Ein Medium mit Millionen Möglichkeiten, die noch niemand vor mir ausgenutzt hatte.
Selbstverständlich übertreibe ich, wenn ich sage: »Das Fernsehen wurde für mich gemacht« oder: »Ich bin für das Fernsehen geboren.«
Aber etwas ist schon dran...

Rudi Carrell, im Juni 2006

Prolog
Showmaster ist sein Beruf

Es ist der 2. Februar 2006. Zum einundvierzigsten Mal wird die Goldene Kamera der Fernsehzeitschrift Hörzu vergeben. Wieder einmal hat sich die Crème de la crème der deutschen Fernsehunterhaltung in Berlin eingefunden, um sich zu feiern. Der rote Teppich vor der Ullstein-Halle im Axel-Springer-Haus ist ausgerollt, Horden von Pressefotografen haben ihre Kameras gezückt, zahlreiche Reporter belagern die Promis, die den vorfahrenden Nobellimousinen entsteigen. Alle sind da, die Stars und die Sternchen, die Medienprominenz defiliert im Blitzlichtgewitter der Reporter an den Fernsehkameras vorbei. Alle präsentieren sich bereitwillig den Medien, nehmen sich Zeit, führen ihre Outfits vor, zeigen ihr strahlendstes Lächeln. Ja, mittlerweile kann man das durchaus auch in Deutschland.
1964, als er, der heute Abend mit dem Ehrenpreis der Goldenen Kamera für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden soll, noch ein Nobody aus Holland war, sah das noch ganz anders aus: »Ich erinnere mich an ein Ereignis, da war ich gerade nach Deutschland gekommen und bereitete mich auf meine ersten Fernsehshows vor. Damals kannte mich hierzulande noch niemand, und so stand ich unerkannt zwischen Tausenden von Menschen vor dem Kurhaus in Baden-Baden, wo ein großes Schlagerfestival stattfand. Die ganzen Stars, ich erinnere mich etwa an Peggy March und Conny Froboess, wurden in Kutschen vorgefahren. Sie stiegen aus und verschwanden im Kurhaus, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen, ohne sich dem wartenden Publikum und den Fans zu zeigen. In der letzten Kutsche saß dann mein Landsmann Johannes Heesters, der Ehrengast der Veranstaltung war. Er stieg aus, die Kutsche fuhr weg, und als Einziger blieb er stehen, präsentierte sich minutenlang seinem Publikum, ließ sich fotografieren und hatte für alle ein Lächeln. In diesem Moment begriff ich, wie wichtig solche Gesten sind - schließlich leben wir vom Publikum und von der Zuneigung der Fans. Das lernte ich spätestens an diesem Tag, als ich Jopie beobachtete. Und ich habe diese Lektion mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen.«
Ja, die Holländer. Die haben uns in Deutschland tatsächlich schon sehr früh gezeigt, wie locker, herzlich und unprätentiös Stars auch sein können, mit welcher Nonchalance man Unterhaltung auf der Leinwand und dem Bildschirm auch präsentieren kann. Dass man Star sein kann, aber dennoch nicht seine Bodenhaftung verlieren muss, auch wenn man wie Rudi Carrell auf eine mehr als fünfzigjährige und wie Johannes Heesters auf eine weit über achtzigjährige Karriere zurückblicken kann. Operettenlegende Jopie Heesters, der Grandseigneur aller im deutschen Showbusiness populär gewordenen Niederländer, zeigte den Deutschen schon in den dreißiger und vierziger Jahren, wie elegant und charmant man im maßgeschneiderten Frack und in blank polierten Lackschuhen auf der Leinwand dahintänzeln kann. Während seine deutschen Kollegen im Nazi-Kino angepasste Biedermänner oder kraftstrotzende Helden spielten, verlieh er dem deutschen Film internationalen Glanz und bezauberte mit einem smarten Lächeln auf den Lippen die deutschen Kinogänger.
Doch als das Fernsehen auch in Deutschland begann, dem Theater und dem Kino den Rang abzulaufen, bekam der dienstälteste Holländer hierzulande schnell Konkurrenz aus der Heimat, denn Lou van Burg und Rudi Carrell sorgten bereits in den sechziger Jahren dafür, dass man sich deutsche Fernsehunterhaltung schon bald nicht mehr ohne die Niederländer vorstellen konnte. Sie brachten frischen Wind in die leicht angestaubte deutsche Fernsehwelt und waren binnen kürzester Zeit so berühmt und beliebt wie ihre deutschen Kollegen Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff, die Dinosaurier der deutschen Fernsehunterhaltung. Während »Mister Wunnebar« Lou van Burg seine Erfahrung als Conférencier auf internationalen Showbühnen auf den deutschen Bildschirm mitbrachte, zeigte Rudi Carrell den Deutschen, dass man Fernsehen auch mit einem gehörigen Schuss Selbstironie machen kann, dass der Moderator nicht auf einem Sockel stehen, nicht zwangsläufig wie eine Vater- oder Autoritätsfigur daherkommen muss. Von der deutschen Presse wurde Carrell bereits in den sechziger Jahren auffallend häufig als der »nette Junge von nebenan« bezeichnet, weil er nach amerikanischem Vorbild demonstrierte, dass man sich vor den Kameras auch ganz normal verhalten kann, und er zudem eine Wärme, Herzlichkeit und Lockerheit ins deutsche Fernsehen brachte, die man so vorher nicht kannte: »Sei wie zu Hause, rede wie zu Hause, verstell dich nicht« war zeitlebens Carrells Credo.
Während Lou van Burg trotz massiver Zuschauerproteste 1967 seinen Hut nehmen musste, weil sein Lebenswandel dem ZDF nicht genehm war, konnte Carrell seine Position festigen und neben der Mattscheibe bald auch schon die Kinoleinwände, die Hitparaden und das deutsche Werbefernsehen erobern; auch im Radio und auf der Bühne war er schnell präsent. Spätestens mit seiner im Frühjahr 1974 startenden Erfolgsshow Am laufenden Band ist er zu einem der populärsten deutschen Entertainer aufgestiegen - und zudem zum beliebtesten holländischen »Gastarbeiter« in Deutschland. Die Deutschen liebten und lieben ihre »Fernseh-Holländer«, der holländische Akzent ist nicht zuletzt dank Carrell zum festen Bestandteil der deutschen Fernsehunterhaltung geworden - wahlweise sprechen die Journalisten vom »Windmühlenidiom«, vom »Gouda-Deutsch« oder gar vom »Tulpenton in der Stimme«. Überhaupt liebte man es im deutschen Fernsehen lange Zeit, wenn Deutsch mit Akzent gesprochen wurde, vermittelte dies doch so etwas wie internationalen Glanz und einen Hauch von Exotik. Aus Österreich holte man sich Peter Alexander, aus der Schweiz Vico Torriani, Chris Howland aus England und aus den Vereinigten Staaten Bill Ramsey, und es ist sicherlich kein Zufall, dass die gebürtige Italienerin Caterina Valente zum Superstar jener Tage avancierte.
Doch wohl aus keinem Land kamen so viele Publikumslieblinge der deutschen Fernsehzuschauer wie aus den benachbarten Niederlanden, denn Lou van Burg und Rudi Carrell blieben beileibe nicht die letzten Holländer, die sich anschickten, das deutsche Fernsehen zu erobern. Viele folgten ihnen, nicht allen gelang es freilich, dauerhaft in Deutschland Fuß zu fassen - Schlagersängerin Corry Brokken etwa blieb nur rund zehn Jahre in Deutschland, bevor sie ihre eigene Fernsehshow abgab und sich wieder in ihre Heimat verabschiedete. Gleichwohl vermochten viele Niederländer, die Herzen des deutschen Publikums nachhaltig zu erobern; man denke nur an Schlagersänger Heintje oder Liedermacher Herman van Veen, an Plattenmillionär Vader Abraham mit seinen Schlümpfen, an Mareijke Amado, Linda de Mol und Harry Wijnvoord, an Stargeiger André Rieu und natürlich an Frau Antje aus Holland, eine der populärsten Werbefiguren des deutschen Fernsehens, die dafür sorgte, dass der Absatz holländischen Käses astronomische Ausmaße annahm. Schon 1974 fragte sich der Spiegel angesichts der auffälligen Invasion von Show-Holländern: »Ist da ein Nest?«
Es ist viel darüber gerätselt worden, warum es ausgerechnet die Niederländer dem deutschen Fernsehpublikum so angetan haben, warum gerade die Holländer so eine besondere Begabung dafür zu haben scheinen, die breite Masse zu unterhalten - Rudi Carrell hat es einmal so erklärt: »Wir Holländer haben keine Hemmungen. Eigentlich denkt jeder Holländer, dass er ein geborener Showmaster ist.«
Doch nicht nur auf dem Bildschirm sind die Niederländer mit ihrem Rudi-Carrell-Deutsch präsent, auch hinter den Kulissen ziehen sie viele Fäden - die holländischen Entertainment-Produzenten Joop van den Ende und John de Mol haben die deutsche Fernsehunterhaltung der letzten fünfzehn Jahre nachhaltig geprägt. Endemol Entertainment etwa ist mit fünfzehntausend Stunden Programm im Jahr mittlerweile die erfolgreichste Fernsehproduktionsgesellschaft Europas und mischt auch auf dem deutschen Fernsehmarkt kräftig mit. Angesichts der vielen Shows und Sendungen, die niederländische Produzenten für das deutsche Fernsehen realisieren, wurde wiederholt sogar schon von einer »Holland-Connection« gesprochen, die das deutsche Fernsehen fest im Griff habe. Aber selbst wenn dem so wäre, dem Fernsehen in Deutschland hat das beileibe nicht geschadet, andernfalls würden sich die Stars und die Programme aus dem Nachbarland hierzulande nicht so großer Beliebtheit erfreuen.
Doch kein Holländer im deutschen Fernsehen ist so populär wie Rudi Carrell - und vor allem vermochte niemand das Publikum so generationenübergreifend anzusprechen wie er. Da er in einer Zeit angefangen hat, in Deutschland Fernsehen zu machen, als sich noch die ganze Familie geschlossen vor dem Bildschirm versammelte und seine Shows gigantische, längst nicht mehr erreichbare Einschaltquoten von bis zu achtzig Prozent erzielen konnten, er andererseits aber auch noch bis Ende 2005 mit der erfolgreichen Comedy-Sendung 7 Tage - 7 Köpfe im Programm vertreten war, gibt es wohl kaum einen Fernsehzuschauer in Deutschland, dem Rudi Carrell kein Begriff ist. Jetzt, vierzig Jahre nach seinem Start in Deutschland, wo ihm die Goldene Kamera für sein Lebenswerk überreicht wird, ist er der einzige Show-Dinosaurier des deutschen Fernsehens, der nach wie vor im Fokus des öffentlichen Interesses steht. All die anderen, die damals mit Carrell um die Gunst des Publikums buhlten, gibt es heute schon längst nicht mehr. Hans-Joachim Kulenkampff und Vico Torriani, Wim Thoelke und Hans Rosenthal, Peter Frankenfeld und Harald Juhnke - sie alle sind schon längst von der Bühne des Lebens abgetreten. Einzig Peter Alexander, den Carrell immer als ebenbürtigen Kollegen geschätzt und der in diesem Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat, lebt noch - doch seine letzte Peter Alexander Show hat er bereits 1995 präsentiert und sich danach völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Rudi Carrell kann insofern heute zweifelsfrei von sich behaupten, der einzige Fernsehstar zu sein, den wirklich alle Generationen kennen - schon Ende der siebziger Jahre, als er bereits längst zum Inbegriff der großen Samstagabendunterhaltung geworden war, bestätigte ein Journalist ihm, einen Bekanntheitsgrad zu haben »wie der Bärenmarke-Bär, der Tchibo-Experte oder das Testbild«. Wobei man hinzufügen muss, dass Carrell alle drei überlebt hat.
Solch eine lange, kontinuierliche Karriere erreicht man durch Talent und harte Arbeit, aber auch durch ein untrügliches Gespür dafür, was einerseits beim breiten Publikum ankommt und wann es andererseits auch wieder Zeit ist, sich von einem Erfolgskonzept zu verabschieden und etwas Neues zu beginnen. Carrell ist mit seinen Shows nie auf einen bereits fahrenden Zug aufgesprungen und hat nie das gemacht, was all seine Kollegen gerade mehr oder weniger erfolgreich vorexerzierten, sondern er hat immer auf etwas völlig Neues gesetzt. Wenn die anderen alle Quizshows machten, entschied er sich innovativ für eine Spielshow, bei der es um die Kreativität und Spontaneität der Kandidaten ging. Und als in den achtziger Jahren alle erklärten, dass die große Samstagabendunterhaltung tot sei, bewies er mit seiner Überraschungsshow, dass es durchaus noch Sendungen gibt, die die ganze Familie vor den Fernseher locken. Weil Carrell sich immer auf seinen Instinkt verlassen konnte, ist es ihm häufiger als jedem anderen Showmaster in Deutschland gelungen, Trends zu setzen und die Entwicklung der deutschen Fernsehunterhaltung maßgeblich zu prägen und mitzugestalten. Rudis Tagesshow war die erste Nachrichtensatire im deutschen Fernsehen und das Vorbild für Erfolgsshows wie RTL Samstag Nacht, Carrells Herzblatt hat zahllose Flirtshows nach sich gezogen, und die Rudi Carrell Show der achtziger Jahre hat gleich zwei entscheidende Impulse gegeben - einerseits den zu gefühlsbetonten Überraschungsshows wie Nur die Liebe zählt oder Verzeih mir und andererseits, aufgrund der Beliebtheit des Imitatoren-Wettbewerbs, den zu einer wahren Flut von Casting-Shows bis hin zu Deutschland sucht den Superstar und Star Search.
Kein Wunder, dass unzählige Fernsehgrößen in Deutschland, von Harald Schmidt bis Thomas Gottschalk und Alfred Biolek, von Hape Kerkeling bis Michael Mittermeier, von Kurt Felix und Hugo Egon Balder bis hin zu Thomas Hermanns, Rudi Carrell als ihr Vorbild betrachten, dass er für nahezu jeden, der heute in Deutschland Fernsehen macht, eine Ikone ist, einer der ganz Großen in der Hall of Fame des deutschen Fernsehens. Viele haben von Carrell profitiert, manche ihm auch ihre Karriere zu verdanken. Carrell war gefürchtet für seine Kollegenschelte, dafür, dass er nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, wenn ihn Journalisten zu seiner Meinung über andere Fernsehgrößen baten. Aber wenn er ausgeteilt und kritisiert hat, dann immer nur auf gleicher Augenhöhe - er sprach über die Schwächen der anderen großen Showmaster ebenso offenherzig wie über die eigenen Stärken. Wenn Carrell jedoch einen Newcomer oder ein neu gestartetes Sendeformat mit einem Lob bedachte, dann empfanden alle in der Branche dies als Ritterschlag. Wer von ihm, der länger als alle anderen im deutschen Fernsehen tätig war, positiv erwähnt oder auch nur eines Kommentars für würdig befunden worden ist, der wurde gleich ein bisschen ernster genommen im harten Konkurrenzkampf des Fernsehgeschäfts. Wie viele Newcomer sind in den letzten Jahrzehnten von ihren Sendern vollmundig als die künftigen Stars aufgebaut und von der Presse vorschnell zu neuen Hoffnungsträgern der deutschen Fernsehunterhaltung ausgerufen worden - an die wenigsten von ihnen vermag man sich heute überhaupt noch zu erinnern. Rudi Carrell hingegen, der gleich mit seiner ersten deutschen Show Mitte der sechziger Jahre zu einem der größten Publikumslieblinge der Nation avancierte, ist immer noch da - ein wahrer Dauerbrenner in einer Branche, in der schon so viele Eintagsfliegen ihr Bildschirmleben ausgehaucht haben. Anlässlich seines siebzigsten Geburtstags im Dezember 2004 konstatierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung dem Mann, »der nie aufgehört hat zu begeistern«, anerkennend: »Wenn je das Etikett »Urgestein der deutschen Fernsehunterhaltung« haftsicher zu vergeben wäre, es müsste an ihm kleben.«
Fast alle sind sie heute Abend da, die Stars und die Sternchen des deutschen Fernsehens, um Rudi Carrell ihre Reverenz zu erweisen. Mit dem Ehrenpreis der Goldenen Kamera bekommt Carrell die höchste deutsche Fernsehauszeichnung, den deutschen Fernseh-Oscar. Bereits dreimal hat Rudi die Goldene Kamera, mit der jeweils die herausragenden Fernsehereignisse des Jahres honoriert werden, verliehen bekommen - 1974 für Am laufenden Band, 1982 für Rudis Tagesshow und 1991 für die Rudi Carrell Show. Auch fast alle anderen Fernsehpreise sind ihm im Laufe seiner langen Karriere überreicht worden - der Goldene Bildschirm und der Goldene Löwe ebenso wie der österreichische Fernsehpreis Romy und gleich mehrfach der Bambi. Ebenso mangelt es nicht an prestigeträchtigen Ehrenpreisen in Carrells Sammlung - so wurde ihm 2001 etwa die Ehrenrose des Internationalen Fernsehfestivals in Montreux und 2003 der Ehrenpreis der Stifter des Deutschen Fernsehpreises überreicht, 2005 ist er gar mit der Aufnahme in die Hall of Fame des Festivals Rose d'Or in Luzern als einer der bedeutendsten Fernsehmacher weltweit geehrt worden. Rudi Superstar. Nachdem es in den neunziger Jahren, insbesondere nachdem Carrell vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen zum Privatsender RTL gewechselt ist, eine Zeit lang eher launische Presseartikel über ihn gab, fliegen ihm jetzt wieder die ungeteilten Sympathien der deutschen Journalisten zu - die Süddeutsche Zeitung etwa feiert Rudi Carrell als »Schwergewicht der leichten Unterhaltung« und als den »größten deutschen Showmaster«.
Derjenige, der auf Rudis ausdrücklichen Wunsch hin heute Abend die Laudatio auf ihn hält, ist ein alter Weggefährte: Alfred Biolek. Dieser hat 1974 zusammen mit Carrell die Kultshow Am laufenden Band aus der Taufe gehoben und lange Zeit als Produzent betreut - in seiner Rede erinnert er mit sehr persönlichen Eindrücken an diese Zeit und an Carrells »einzigartiges Lebenswerk«. Bevor der Preis an den, wie Alfred Biolek es formuliert, »größten Entertainer des deutschen Fernsehens« überreicht wird, beleuchtet ein kleiner Einspielfilm noch einmal einige der Höhepunkte von Rudis langer Fernsehkarriere - dann endlich der große Moment. Carrells Erscheinen wird mit enormer Spannung erwartet. Es ist der erste öffentliche Auftritt des Einundsiebzigjährigen, seit im November des Vorjahres bekannt geworden ist, dass Carrell unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist. Am 31. Dezember 2005 hatte er sich mit einem kurzen Auftritt in der von ihm produzierten und ins Leben gerufenen Comedy-Show 7 Tage - 7 Köpfe vom Bildschirm verabschiedet - heute tritt er zum allerletzten Mal vor sein Publikum, bevor er sich endgültig aus dem Scheinwerferlicht zurückzieht.
Als sich das große Showportal öffnet und Rudi im Smoking aus den Kulissen kommt, erheben sich die geladenen Gäste zu standing ovations. Rudi ist schmal geworden, aber braun gebrannt, erst gestern ist der Showmaster von einem vierwöchigen Karibikurlaub zurückgekehrt. Seine Stimme ist aufgrund seiner Erkrankung hoch und heiser und verfügt nicht mehr über das Volumen von einst - was Rudi jedoch, um seinen Zuhörern und den Zuschauern am Fernsehschirm gleich jede Befangenheit zu nehmen, mit einem Witz auffängt: »Wie Sie hören, habe ich gewisse Probleme mit meinen Stimmbändern - nur ist das nicht so schlimm. Mit dieser Stimme kann man in Deutschland immer noch Superstar werden.«
Auch Carrells weitere Rede folgt diesem erfrischenden, heiterbeschwingten Tonfall, der auf jegliche Sentimentalitäten und auf jedes Heischen nach Mitleid verzichtet. Als Parodie darauf, dass sich bei Preisverleihungen sonst immer die Preisträger bei ihren Partnern, Kindern, Eltern und Geschwistern bedanken, beginnt Rudi seine Rede mit der Bemerkung: »Die Tatsache, dass ich hier heute diesen Ehrenpreis in Empfang nehmen kann, verdanke ich meiner deutschen Krankenversicherung, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharmaindustrie.«
Rudi hält eine Rede mit vielen Lachern, zieht Bilanz und blickt auf seine vierzigjährige Fernsehkarriere in Deutschland zurück, aber auch auf den Moment, als er in Holland damit begann, Fernsehen zu machen. Am Schluss seiner Dankesrede nutzt der sichtlich bewegte Carrell die Gelegenheit, sich beim deutschen Fernsehpublikum, das ihm über so viele Jahre die Treue gehalten hat, zu bedanken: »Es war eine Ehre, Fernsehen in diesem Land zu machen.«
Die neunhundert Gäste erheben sich erneut zu stehenden Ovationen, in vielen Augen sieht man Tränen. Carrells Auftritt ging zu Herzen - das Wissen, die Ikone des deutschen Fernsehens, den Mann, dem man so viele schöne, lustige, rührende und unvergessliche Stunden vor dem Fernseher zu verdanken hat, heute zum letzten Mal gesehen zu haben, bewegt. Die Verleihung des Ehrenpreises an Rudi Carrell ist fraglos der emotionalste Moment des Abends, die Krönung der Veranstaltung. Wieder einmal - ein letztes Mal - hat Rudi Carrell unter Beweis gestellt, dass er nicht umsonst einer der populärsten und beliebtesten Fernsehstars in Deutschland ist und dass er nach wie vor, auch in einer so schwierigen Lebenssituation, in der es heißt, Abschied zu nehmen, sein Publikum fest im Griff hat. Mit seinem untrüglichen Gespür für den richtigen Ton und einer riesigen Portion Menschenkenntnis hat Rudi an diesem Abend wieder einmal einen Moment zu schaffen verstanden, den man nie vergessen wird, wenn man ihn miterlebt hat - auch wenn man die Szene nur am Bildschirm verfolgen konnte. Ein würdiger Abschied.
Ganze Generationen von Deutschen sind mit Rudi Carrell aufgewachsen, und auch ich kann dies von mir behaupten, im wahrsten Sinne des Wortes sogar. Denn Carrell begegnete ich zum ersten Mal, als ich noch gar nicht auf der Welt, aber zumindest schon ziemlich fest entschlossen war, diese eines doch recht nahen Tages zu betreten. Im Frühjahr 1971 war es, als meine Eltern eines Sonntags bei herrlichem Wetter über die Düsseldorfer Königsallee schlenderten, meine Mutter, am Arm meines Vaters, hochschwanger. Plötzlich wurde ihr gemütlicher Schaufensterbummel jäh gestoppt, weil sich ein riesiger Menschenauflauf mitten auf der »Kö« gebildet hatte. Menschen, die eben noch gelassen flanierten und an ihrem Eis schleckten, ließen plötzlich ihre Ehepartner und Kinder stehen und ihr Eis fallen, um, mit verzücktem Gesichtsausdruck und aufgeregt »Da ist Rudi Carrell, da ist Rudi Carrell« rufend, zum Mittelpunkt des Auflaufs vorzudringen. Carrell, durch seinen üppigen Haarschopf auch in der riesigen Menschenmenge gut auszumachen, zeigte sich - wie meine Mutter sich heute noch voller Hochachtung erinnert - trotz oder wahrscheinlich eher wegen des Trubels um seine Person in glänzender Laune. Der Ansturm der vielen Fans schien ihm rein gar nichts auszumachen, ganz im Gegenteil. Er schrieb fleißig Autogramme, war freundlich und nett zu jedem, der einen Schnappschuss von ihm machen wollte, und hatte für jeden ein Lächeln.
Nun sind meine Eltern keine Menschen, die jemals einen Fernsehstar um ein Autogramm bitten würden, und so haben sie sich auch an diesem Tag brav wieder in ihren Sportflitzer gezwängt und sind zurück nach Köln gefahren, wo ich dann im Juni 1971 zur Welt kam. Aber dennoch hat sich die Begegnung mit Carrell offensichtlich stark in ihr Gedächtnis eingebrannt. Denn ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass immer dann, wenn Rudi Carrell auf dem Bildschirm erschienen ist - und das war, da meine Kindheit in die siebziger Jahre fiel, ziemlich oft -, mein Vater beinahe zwanghaft zu mir sagen musste: »Guck mal, da ist der Rudi. Den hast du auch schon getroffen.« Ob es mich damals als Kind beeindruckt hat, dass es die Menschen aus dem Fernsehen auch tatsächlich im richtigen Leben gibt, weiß ich leider nicht mehr, aber durchaus, dass Carrells Erscheinen im Fernsehen dadurch immer was ganz Besonderes für mich war. Denn den hatte ich schließlich den Worten meines Vaters zufolge schon getroffen - irgendwie zumindest -, und das konnte ich von Hans Rosenthal und Wim Thoelke nicht behaupten.
So viel wie heute gab es damals, in meiner Kindheit, im Fernsehen noch nicht zu sehen, und man kann es heutigen Kindern wohl kaum noch verständlich machen, dass man manches Mal eine halbe Stunde vor dem Fernseher saß und auf den Beginn der Sesamstraße wartete, während man gebannt das Pausenbild anstarrte. Das wäre so, als wenn man ihnen erklären wollte, was eine Schallplatte ist oder dass es einmal eine Zeit gab, in der man Briefe statt E-Mails schickte und zum Telefonieren in Telefonzellen ging.
Als ich geboren wurde, war an eine Dauerberieselung vierundzwanzig Stunden am Tag auf unzähligen Kanälen noch lange nicht zu denken. Damals war das Farbfernsehen gerade einmal vier Jahre alt, und meine Eltern hatten nach meiner Geburt auch sofort einen Farbfernseher angeschafft, denn schließlich sollte ich meinen Freund Rudi Carrell auch immer in Farbe sehen können. Ob man dem Farb- oder dem Schwarz-weiß-Fernsehen Vorrang gab, das war damals tatsächlich noch eine Glaubensfrage, zumindest in meiner Familie: Während meine Eltern der festen Überzeugung waren, dass es ihrem Kind nicht zugemutet werden konnte, mit einem Schwarz-weiß-Fernsehgerät aufzuwachsen - denn schließlich ist die wirkliche Welt ja auch bunt -, wehrte mein Großvater sich noch lange tapfer gegen diese seiner Meinung nach unnötige Neuerung.
Aber meine Eltern und mich störte diese standhafte Verweigerungshaltung meines Großvaters nicht sonderlich, schließlich war man am Samstagabend eh immer zu Hause, und so konnten wir Rudi, wie gewohnt, in schönen bunten, knalligen Farben sehen - ich glaube, das Fernsehen war nie wieder so bunt wie in den Siebzigern. Allerdings war da ja irgendwie alles schrecklich bunt, wenn ich mich da an meinen grasgrünen Pullunder erinnere, den ich gern zu einem orangefarbenen Hemd trug, doch lassen wir das lieber - schließlich trug Rudi damals auch fliederfarbene Smokings mit Fliegen so groß wie Flugzeugpropeller.
Am laufenden Band jedenfalls war Pflichtprogramm in meiner Kindheit, keine Folge wurde verpasst. Und so knüpft sich auch gerade an diese Show eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Als ich drei oder vier Jahre alt war, durfte ich natürlich noch nicht so lange aufbleiben, um ganze Samstagabendshows anzusehen, doch eines Tages, nachdem meine Mutter mich schon zu Bett gebracht hatte, erlaubte sie mir doch noch mal aufzustehen, denn in Rudis Weihnachtsausgabe gab es einen Nikolaus zu bewundern. Aber nicht nur für die richtige Weihnachtsstimmung sorgte Carrell damals, sondern auch dafür, dass es in meiner Kindheit so wunderbare Sommer gab. Rudi sang Wann wird's mal wieder richtig Sommer?, und wir bekamen prompt einen »Jahrhundertsommer«. So konnte ich meinen vierten Geburtstag 1975 draußen im Garten bei strahlendem Sonnenschein feiern - danke, Rudi!
Je älter ich wurde, desto mehr Fernsehen gab es - und Rudi war immer präsent, denn gerade die achtziger und neunziger Jahre waren seine produktivste Zeit, in der er mit zahlreichen neuen Showkonzepten startete und Erfolge am laufenden Band verbuchen konnte. Rudis Tagesshow etwa war Kult für mich. Da ich mit den immer etwas langweiligen und drögen Nachrichtenbildern der siebziger Jahre aufgewachsen bin, war es wie eine Offenbarung, die ganzen großen Politiker einmal jenseits der steifen Nachrichtensendungen und Politikerrunden zu sehen und vorgeführt zu bekommen, dass sie ganz normale Menschen sind: stolpernde Bundeskanzler, Minister, die Modenschauen vorzuführen schienen oder sich in der Nase bohrten - immer mit den entsprechenden flapsigen Kommentaren von Carrell. Ich glaube, Rudis Tagesshow hat, was die Auflockerung unserer politischen Kultur angeht, mehr bewirkt als sechzig Jahre deutsches Fernsehkabarett - wie könnte man es sich auch sonst erklären, dass die Sendung heute noch ständig wiederholt wird, wo die Politiker, die in ihr karikiert werden, längst im Ruhestand und zum Teil auch schon vergessen sind. Und auch später hatte Rudi immer wieder neue Ideen und brachte immer wieder neue Shows auf den Bildschirm - Herzblatt und Die verflixte 7, die Rudi Carrell Show mit ihren Überraschungen und den Star-Imitatoren, und zum Schluss das erfolgreiche Comedy-Format 7 Tage - 7 Köpfe.
Als ich in den neunziger Jahren begann, Film- und Fernsehwissenschaft zu studieren und später dann zu unterrichten, war es an der Zeit, mich auch wissenschaftlich mit dem auseinander zu setzen, was ich da in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten so alles gesehen hatte. Und das, was mir auch vorher schon unbewusst klar war, bestätigte sich jetzt auch auf den näheren, analysierenden Blick: Carrell hat nicht nur gute Shows und gute Unterhaltung produziert, sondern er hat immer auch Trends gesetzt und die Latte für andere, die in Deutschland Fernsehunterhaltung machen wollten, ziemlich hoch gelegt. Weil Carrell regelmäßig über den Tellerrand hinausschaute und sich dafür interessierte, was sich im Showbusiness und im Fernsehen anderer Länder so alles tat, gelang es ihm immer wieder, etwas auf den Bildschirm zu bringen, das sich wohltuend von dem abhob, was seine deutschen Kollegen so machten, und darüber hinaus aber auch internationalen Maßstäben standhielt.
Da ich Am laufenden Band noch aus der Kinderperspektive erlebt habe, ist für mich persönlich heute Rudis Überraschungsshow aus den achtziger Jahren die perfekte Carrell-Show - auch Rudi selbst bezeichnet sie rückblickend als seine »schönste Show«.

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