Solche Bücher liest man nicht allzu oft: Bücher, von denen man wünscht, sie gingen nie zu Ende. Deren dennoch nicht aufzuhaltender Schluss traurig stimmt aber zugleich auch tief beglückt, weil man an einer Geschichte teilhaben durfte, die noch lange nachwirkt. Bücher, die perfekt die Balance halten zwischen Unterhaltung und Tiefgang und den Leser einfach mitreißen. Kurzum: Bücher zum Reinsetzen...
Ein solches Buch ist Morgan Callan Rogers Debütroman "Rubinrotes Herz, eisblaue See". Ein Buch voller poetischer und mitreißender Schilderungen mit lebendigen Protagonisten und voller magischer Momente. Eine Geschichte in multicolor, die dennoch niemals grell daherkommt.
Sommer 1963, ein kleines Fischernest an der Küste von Maine. Dort lebt die elfjährige Florine, die nach ihren Großmüttern Florence und Maxine benannt ist, gemeinsam mit ihrer Mutter Carlie und ihrem Vater Leeman. Carlie, die nicht so recht in die Dorfgemeinschaft zu passen scheint aber selbstverständlich Teil von ihr ist, hat die Gabe, jeden Ferientag zu einem Fest zu machen. Sie steckt voller unkonventioneller Einfälle und wird von ihrer Tochter und ihrem bodenständigen Mann zärtlich geliebt. Und Carlie scheint sich ebenso wohl zu fühlen. Wie in jedem Jahr hat Leeman keine Lust zu verreisen. So fährt Carlie allein mit einer Freundin ein paar Tage weg. Von dieser Reise kehrt sie nicht zurück. Ist sie freiwillig gegangen? Oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen?
Diese Tragödie bricht vollkommen ohne Vorankündigung in Florines reiche und fantasievolle Kinderwelt hinein. Zwar gruppieren sich die Menschen ihres Umfeldes und vor allem ihre Oma Grand schützend um sie herum, aber nichts ist für Florine mehr wie zuvor.
Morgan Callan Rogers erzählt vom schwierigen Erwachsenwerden unter besonders erschwerten Bedingungen auf zurückhaltende und zutiefst verständnisvolle Art und Weise. Der Leser schlüpft in die Rolle der allmählich erwachsen werdenden Florine, in ihre Gedanken- und Gefühlswelt, die stets authentisch wirkt.
Es ist ein Buch von Verlust und Weiterleben, von Beziehungen, die so intensiv sind, dass sie auch Bestand haben, wenn die Menschen nicht mehr da sind - aus welchen Gründen auch immer. Es ist ein Buch über Freundschaft und Gemeinschaft, die viel aushält und wie ein unsichtbares Band wirkt.
"Rubinrotes Herz, eisblaue See" ist zugleich ein wunderbarer Bildersturm, der den Wechsel der Jahreszeiten, die Sommervillen der besseren Gesellschaft, die einfachen Tätigkeiten der Fischerfamilien und ihre Art, ein schlichtes und zugleich erfülltes Leben zu führen ungeheuer stimmungsvoll und zugleich sinnlich einfängt.
"Rubinrotes Herz, eisblaue See" ist ein berührender und schöner Lesegenuss. Eines jener seltenen Bücher, die man gerne frontal ins Bücherregal stellt und die man dann etwas wehmütig betrachtet, weil man weiß, so schnell wird man kein ähnlich schönes Buch mehr finden...