Auf der ersten Best-of der Beatles ("rotes Album", 1962-'66) stammen sechs von 26 Songs = fast ein Viertel (!) von Rubber Soul - Das allein scheint schon Argument genug für die Anschaffung der Platte.
Aber der fast zwingende Eindruck, es handle sich um ein typisches Hit-Album (die bekanntermaßen oft genug mit sog. "Fillern" auf LP-Länge aufgemotzt werden!), trügt gewaltig: Vielmehr drückt sich in Rubber Soul der einschneidende Wandel der Fabs von der Schlager-Maschine zur ehrgeizigen Avantgarde einer Bewegung aus, welche in sog. „Popmusik" mehr sah als eine Unterhaltungbranche für die protestierende jugendliche Subkultur.
Wie sie das gemacht haben? Nun ja, zunächst war eben das Albumkonzept ein vollkommen neues - weg von der üblichen Schlager+Füller+Covers-Maxime (Rubber Soul ist die erste Beatlesscheibe ohne Fremdkompositionen!) hin zu einer stimmigen Kollektion von Aufnahmen; Beach Boy Brian Wilson hat über Rubber Soul gesagt: Es „erschien mir wie eine Sammlung von Folk-Songs, die irgendwie alle miteinander zusammenhingen."
Außerdem strotzt die LP geradezu vor Experimentalgeist. „Drive my Car" entwickelt genauso wie „The Word" unglaubliche Dynamik aus einer Melodie heraus, die nie mehr als zwei Halbtonschritte umfasst - Soul pur! Die elektrischen Gitarren werden immer zurückhaltender, der rockige „Wall of Sound" (für den fünf Jahre später Phil Spector erst richtig bekannt wurde) immer transparenter, es war ja die Hochzeit des Folkrock - zugleich aber etablierten die Beatles mit „Norwegian Wood" die indische Sitar und in Harrisons packendem „Think for yourself" den Verzerrer! Besonders aber fällt - auch aus heutiger Sicht noch - der bewusste Einsatz von Perkussionsinstrumenten über das konventionelle Drum-Set hinaus auf - von Marimbas über Bongos bis zum heute alltäglichen Tamburin. Allerdings treten diese Produktionsdetails nie - anders etwa auf dem zweiten, ganz andersgearteten Meisterwerk der Liverpooler, Sgt. Pepper's - vor die Songs und störten womöglich deren Brillanz, im Gegenteil: Zuvorderst ist die fünfte Beatles-LP immer Songalbum und „Liederbuch".
Typisch ist denn bei all dem Innovationspotential auch, dass Rubber Soul von der damaligen Plattenkritik eher verhalten aufgenommen wurde: „The new Beatles fourteen-track album (...) is not their best at first hearing. (...) It isn't apparently filled with Lennon-McCartney classics", schrieb z.B. der Melody Maker. Und wie falsch er damit lag! Dieses erste LP-Zeugnis der Beatles vom Zenit ihres Schaffens war vielmehr gespickt mit den allerfeinsten Liedern, die bis dato ihrer Feder entsprungen waren - George Harrison's famose Tunes miteingeschlossen. Aber gerade John Lennon's Beitrag als Songwriter stellt alles in den Schatten, was er bis hierher geleistet hatte und auch alles, was noch folgen sollte; „Norwegian Wood" ist genialer Chanson, „Girl" bezaubert als Minneklage im Beat-Format, „Run for your Life" ist der beste und coolste Beschluss eines Beatles-Albums überhaupt (weil - im Gegensatz z.B. zu „Tomorrow never knows" - auch hörbar!), vor allem aber „In my Life" lässt einen nicht mehr los: Das schönste und songtechnisch elaborierteste Stück, das John je geschrieben hat. So ist denn Rubber Soul auch ein bisschen so was wie sein Vermächtnis aus der Beatles-Ära. (Jedenfalls für mich!)
Aber auch die McCartney-Teile sind nicht von Pappe - im Gegenteil! „Michelle" (gewissermaßen Schubert mit Blues!) ist sicher am bekanntesten, aber der wahre Geniestreich ist „You won't see me" - vielleicht sogar das beste Stück des Albums! Ich weiß nicht, warum dieses ergreifende, bewegende, zutiefst berührende Harmonie-Juwel in Best-of-Listen nie berücksichtigt wird. Dasselbe könnte man auch von „I'm looking through you" sagen: Das ist schlicht und einfach vollendeter Power-Pop mit Hirn und Herz!
Insgesamt ist Rubber Soul die reifste und ausgeglichenste, geschlossenste, einfach stimmungsvollste Platte der Beatles - vergleichbar hierin höchstens mit Abbey Road (v.a. dessen zweiter Seite), allerdings mit dem Unterschied, dass auf der letztgenannten Scheibe nur Harrison den allerhöchsten Gipfel der Kunst, Lieder zu schreiben, erreicht hat. Dafür fehlt natürlich ein wenig die Melancholie des Wissens, dass mit Abbey Road endgültig zu Ende gegangen ist, was mit Rubber Soul ja eben erst begonnen hatte!