Unter dem Eindruck des Zerfalls der Sowjetunion ist die erste Auflage dieses Buches geschrieben worden. Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts bildeten sich in Europa und Asien plötzlich viele neue Nationen, deren staatstragende Völker man im 20. Jahrhundert mit seinen vielen, ideologisch motivierten Kriegen und Auseinandersetzungen praktisch nicht wahrgenommen hat. Da lag es nahe, den Ursprüngen dieser Nationen nachzuspüren und dabei auch deren Geschichte im Rahmen der Entwicklung des russischen Reiches zu beschreiben.
Das Buch ist detailreich, dennoch gut lesbar. Es ist ein gutes Beispiel, wie man mit viel Wissen und vor allem durch die Auswertung von Primärquellen ein intellektuell spannendes Buch schreiben kann. Die Genese und letztendlich das Scheitern eines multikulturellen und multireligiösen Großreiches ist das Thema. Das Buch stellt dabei gut dar, über welche verschiedenen Formen von Politik man versucht hat, die Integration der unterschiedlichen Völker in einen Staat zu erreichen, wobei sich Phasen eher repressiver Politik und liberale Zeiten mit viel lokaler Selbstverwaltung abgewechselt haben. Am erfolgreichsten war wohl der Weg, lokale Eliten in den russischen Adel einzubeziehen ("zu kooptieren"). Auf der anderen Seite scheiterte diese Politik im 19. Jahrhundert genau dann, als dieser Adel schrittweise seine Vorrechte im Staat verlor und die wirtschaftliche und technische Entwicklung neue, bürgerliche Eliten hervorbrachte.
Das Buch lässt einen in der aktuellen Diskussion über die Integration in Deutschland schon darüber nachdenken, was Politik in diesem Bereich überhaupt leisten kann. So scheinen Versuche, Identität durch von oben gestaltete Schulerziehung oder das Verbot von Sprachen und ähnlichem zu ändern, gerade das Gegenteil bewirkt zu haben. Mein Endruck nach dem Lesen dieses Buches ist, dass Integration nur dann geklappt hat, wenn man bereit war, auch die Andersartigkeit des Gegenübers zu akzeptieren. Wirkliche Veränderungen fanden eher dann statt, wenn zu einem politischem Wollen weitere Anreize dazu kamen - wie zum Beispiel der Übergang von nomadischen Lebensformen zu den einträglicheren, intensiven Nutzungsformen von Landwirtschaft. Auch solche Veränderungsprozesse kommen nicht ohne Konflikte aus. Aber immerhin erweisen sich diese Veränderungen dann doch als nachhaltig.
Aber vielleicht erweist sich ja auch einfach der Nationalstaat mit seiner Identität von Staat und Nation nicht als der Weisheit letzter Schluss. Die diversen Pogrome gegen Minderheiten, die im Buch erwähnt werden, sprechen da auch eine deutliche Sprache - so wie viele der heute noch bestehenden Konflikte zischen den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Vielleicht ist es ja doch ganz gut, dass wir im Westen Europas mit der EU eben mehr haben als nur die Summe von einzelnen Ländern.