Ich fange Bücher, in denen es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, immer mit etwas Unwohlsein an, zu nahe geht mir die Ungerechtigkeit, die sie erfahren, und die Hilflosigkeit, mit der sie reagieren. Dieses Buch ist aber viel zu sensibel erzählt, um Angst zu machen. Die Missbrauchsszenen werden nur angedeutet, da die missbrauchte Ich-Erzählerin Malvina sich angewöhnt hat, selbst gar nicht richtig anwesend zu sein, sondern schwebend über der Situation abzuwarten. Außerdem fehlt ihr am Anfang der Mut, um die Dinge beim Namen zu nennen. Das tut der Geschichte wirklich gut. Ist doch das, was sie erzählt, schon schrecklich genug. Die Autorin macht aber auf eine noch ganz andere Tragik im Bereich des sexuellen Missbrauchs aufmerksam: Das Schweigen des Umfelds, das Wegschauen der Familie. Da ist nicht nur die Oma, die die Enkelin an den Opa "verkauft" hat, weil sie selbst nicht stark genug war, da sind auch Vater und Bruder, die Malvina nicht ernst nehmen in ihrer Weigerung, den Opa nicht mehr besuchen zu wollen, weil er sie auf den Mund küsst, da ist die Mutter, die sich nicht im geringsten um ihre Tochter kümmert, weil sie mit sich selbst und ihrer Migräne beschäftigt ist.
Dem hat die Autorin als Kontrast ein paar Menschen entgegengesetzt, die Malvina Mut und Stärke geben. Durch sie lernt sie, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, dass man nicht mehr länger alles hinnehmen darf. Malvina steht auf der Schwelle zum erwachsen werden. Im letzten Jahr hat sie mit ihrer Freundin noch die Siedlungsjungs bekämpft, in diesem Jahr verliebt sie sich ganz leise und sanft in einen. Es sind Menschen wie er, wie ihre Freundin, wie Opas Nachbarin, die Malvinas scheinbar zerstörtes Leben wieder lebenswert machen und ihr zeigen, dass man sie nicht zurückstößt, wenn sie endlich spricht, dass sie nicht schuld ist.
Dieses Buch ist ein wahrer Schatz. Sehr poetisch geschrieben. Stellenweise ist es sogar humorvoll und hell. Vor allem aber macht es Mut.