Die 14-jährige Mara lebt mit ihren Eltern in einer Essener Plattenbausiedlung, ihre Eltern sind mit dem Leben vollkommen überfordert (Ihr Vater verliert den Job und trinkt, ihre Mutter leidet an Depressionen, ständig gibt es nur Streit zu Hause), die Familie hat kein Geld und somit einen Haufen unbezahlter Rechnungen und dann ist da auch noch ihre Schwester, die mit 18 einfach abgehauen ist. An Mara bleibt alles hängen, in der Schule ist sie schlecht, sie hat keinen Respekt vor den Lehrern und verprügelt ihre Mitschüler. Nur Frau Schümann, ihre Klassenlehrerin, hält noch zu ihr, versucht an Mara ranzukommen, scheinbar vergeblich. Auch das Praktikum im Kindergarten hat sie sofort vergeigt, denn da sie kaum abschätzen kann, wie anstrengend die Arbeit mit kleinen Kindern sein kann für ein Teenie-Mädchen in ihrer Situation, lässt sie ihre Kollegin einfach gehen und ist danach mit der Kinderschar heillos überfordert, wobei sie sich nicht im Griff hat und wieder Mist baut.
Nur bei Tibor, den sie auf dem Heimweg im Bus kennen lernt, findet sie ein kleines Bisschen Halt, bis sie diesen mit einem anderen Mädchen sieht. Danach sieht Mara nur noch rot und verliert vollkommen die Kontrolle über sich, ihr ganzer Zorn entlädt sich.
Meine Meinung zu diesem Buch:
Mir persönlich hat das Buch nicht nur gefallen, es hat mich aufgrund von Brigitte Blobels Schreibstil mit Mara mitfühlen lassen und mich an manchen Stellen sogar zu Tränen gerührt. Wer hier einen "Yo-Alda-isch-polier-dir-die-Fresse-Gangsta"-Roman erwartet, mit vielen prolligen Ausdrücken und Gewaltverherrlichung erwartet, so nach dem Muster vieler HipHop-Videos mit Glanz und Glamour, der ist definitiv an der falschen Adresse, denn hier geht es um die brutale Realität eines Teenie-Mädchens, in dem sich mit Sicherheit und leider sehr viele gleichaltrige Mädchen in Deutschland wiederfinden können: Maras Eltern kümmern sich überhaupt nicht um sie, ihr Vater ist ständig betrunken, ihre Mutter hat Depressionen, schluckt Pillen und traut sich nicht mehr aus dem Haus, harmonisches Familienleben kennt Mara gar nicht und alles wurde schlimmer, als ihre ältere Schwester Simone ausgezogen ist, ohne ihre Adresse zu hinterlassen, ohne sich im Klaren zu sein, dass sie als große Schwester gebraucht wird. Es ist also kein Wunder, dass Mara verzweifelt ist, dass sie sich allein und im Stich gelassen fühlt, dass sie die ganze Welt hasst und sofort dunkelrot sieht, wenn ihr was nicht passt. Sie schlägt dann einfach zu.
Ich komme selbst aus nicht gerade einfachen Verhältnissen (auch wenn mir vieles aus Maras Familienleben erspart geblieben ist) und war nach der Scheidung meiner Eltern auch auf mich alleine gestellt, musste in Maras Alter sehr viel Verantwortung für meine jüngere Schwester übernehmen, da es nicht anders ging. Ich hätte also an Simones Stelle niemals so gehandelt, auch wenn ich mehr als gut verstehen kann, wenn sie mit den Eltern fertig ist. Was die Eltern angeht: Ich kann zwar verstehen, wenn im Leben viel schiefgelaufen ist, z. B. der Unfall, der das Leben von Maras Mutter so verändert hat, die Depressionen und Ängste, unter denen sie leidet, aber ich kann nicht nachvollziehen, warum sie keine Hilfe annimmt, alleine der Kinder wegen. Dass der Vater seinen Job verliert, dafür kann man ihm in diesem Fall keine Schuld geben, mal davon abgesehen, dass er zu viel trinkt und davon völlig abhängig ist. Er wird auch oft aggressiv und ausfallend, mich wundert es also nicht, woher dieser unbändige Zorn in Mara kommt, dass sie ihre Probleme und ihren psychischen Druck mit Gewalt löst. Mir als Leserin hat es unendlich im Herzen wehgetan, zu lesen, wie lieblos das Mädchen behandelt wird und wie die Eltern partout nichts gegen ihre eigenen Probleme unternehmen wollen, wie verzweifelt sie versucht, vor diesen Problemen, die nicht mal ihre sind, zu fliehen und die Mauer des starken Mädchens aufrecht zu erhalten. Die Gefühlswelt ist so gut beschrieben worden, dass ich als Leserin glaubte, entweder Mara selbst zu sein, oder jemand, der sie verstehen kann, der ihre Gefühle nachvollziehen kann. Dem Leser wird also das Vorverurteilen Maras als "Schlägerbraut" unterbunden, zumal immer wieder verdeutlicht wird, dass hinter der Fassade der harten und aggressiven "Schlägerbraut" ein trauriges Mädchen steckt, das weder Regeln noch Grenzen kennt (wie denn auch, bei dem Chaos zu Hause??), ein verlorenes Kind, das keinen Halt findet, weder zu Hause, noch draußen, das einfach Hilfe braucht, aber irgendwie nicht weiß, wem es vertrauen soll.
Ich finde es sehr schade und schlimm, dass Mara erst so dermaßen ausrasten und damit eine Katastrophe anrichten muss, damit sie endlich selbst erkennt, dass sie so nicht weiter machen kann, dass sie sich ihre Zukunft sonst verbaut (in der Schule hat sie bereits einen eher schlechten Ruf), und dann kein bisschen wieter im Leben kommt, wie ihre Eltern. Leider passiert das in der Realität auch nicht anders, meistens ist es fast zu spät, wenn Hilfe von Außen kommt und ein Mädchen wie Mara sie auch annimmt. Woher soll ein Mädchen in dem Alter wissen, was sie zu tun oder zu lassen hat, wenn sie es nie gelernt hat?
Der Schluss war irgendwie zu abgehackt und schnell, was ich sehr schade fand, ich hätte gerne erfahren, wie es mit Mara und dem Strafverfahren weitergeht und ob sie sich gebessert hat. Da Gewalt ein aktuelles Thema in den Medien ist, das man nicht unterschätzen sollte, hat mir persönlich so etwas wie ein Nachwort gefehlt, immerhin gibt es sowas wie Anti-Aggressions-Trainings oder Beratungsstellen, die sich mit gewaltbereiten Jugendlichen auskennen und sich ihrer Probleme annehmen können.
Das Buch jedenfalls ist ein gelungenes Werk und ein Mahnmal. Gewalt ist keine richtige Lösung, sondern macht alles nur kaputt. Nicht nur für Jugendliche lesenswert, sondern auch für Erwachsene. Auch mir (25) hat dieses Buch wieder bestätigt, dass es selbst aus der miesesten Situation einen Ausweg gibt, auch wenn man es nicht sieht.
Kauft es und lest es, es lohnt sich!!!