Im Jahre 2001 legten die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter der Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft, Ilko-Sacha Kowalczuk und Stefan Wolle, begleitend zu einer gleichnamigen, dreiteiligen Filmdokumentation des ORB ihr Buch ‚Roter Stern über Deutschland' vor, in welchem ein Rückblick auf das halbe Jahrhundert sowjetischer Besatzung in Deutschland gegeben werden soll.
Die Autorengemeinschaft konstruiert das Werk chronologisch und gliedert die zu betrachtende Epoche in fünf große Themenkomplexe. Nach einer kurzen Einführung, in der Erinnerungen aus dem alltäglichen Leben einen Einstieg in die Materie geben sollen, werden mit dem Kapitel ‚Die Russen kommen!' die ersten Kontakte zwischen dem deutschen Volk und den einrückenden Rotarmisten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges beschrieben. Hier zeigt sich schon, welch breite Spanne sich zwischen den "Befreiern vom Nationalsozialismus" und den (nicht zuletzt durch die teilweise aggressive sowjetische Kriegspropaganda verrohten) "Plünderern und Vergewaltigern" auftut, wie wenig Gemeinsamkeiten zwischen Besatzern und Besetzten existieren und welche Gräben beim Aufbau und der Verwaltung der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR zu überwinden bzw. eben unüberwindbar sein werden.
Das zweite Kapitel "Demokratische Erneuerung oder Sowjetisierung?" behandelt, beginnend mit der weitgehenden Festlegung der Nachkriegsordnung am Potsdamer Verhandlungstisch im Sommer 1945, vor allem den inneren Aufbau der SBZ bis zur teilweisen Übernahme der Regierungsgeschäfte durch die Führung der DDR. Es stellt sich dar, daß die Politik der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) eine Kreuzung war zwischen der einer Besatzungsmacht, die Demontagen durchführte, Straflager einrichtete und eine rigorose Entnazifizierung durchführte, und einer, die z.B. mit Hilfe einer frühen Boden- und Schulreform (und natürlich auch der Entnazifizierungsmaßnahmen) am Aufbau eines neuen Arbeiter- und Bauernstaates nach sowjetischem Vorbild interessiert war.
"Waffenbrüder - Klassenbrüder" ist der folgende Teil überschrieben, der auf die militärische Seite der sowjetischen Besatzung eingeht. Ein solch gigantisches Kontingent, das zwar im Laufe der Jahre immer wieder verkleinert wurde aber dennoch immer erdrückend blieb, bringt natürlich auch seine eigenen Probleme mit sich - nicht nur daß die Okkupation von bis zu 40% des DDR-Territoriums und die Stationierungskosten der Sowjetarmee eine enorme Belastung für den Staatshaushalt der DDR darstellte, auch das Alltagsleben mit den Soldaten und der Soldaten selbst in den Kasernen gestaltete sich kompliziert, da z.B. die deutsche Gerichtsbarkeit anfangs keine und später nur wenige Möglichkeiten hatte, Straftätern aus SU-Kasernen habhaft zu werden.
Im anschließenden Kapitel, "Armee an der Nahtstelle des Kalten Krieges", werfen die Autoren einen Blick über die deutschen Staatsgrenzen hinaus und skizzieren das Verhalten der sowjetischen Truppen in den verschiedenen Krisen, denen der Ostblock unterworfen war. Zunächst steht die Berlin-Blockade 1948/49 als erste dramatische Konfrontation des Kalten Krieges, an der die sowjetischen Truppenverbände aktiv durch Absperrungen und Kontrollen beteiligt waren. Es folgt die Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR im Juni 1953, bei der nach der Verhängung des Kriegsrechts äußerst gewaltsam vorgegangen wurde und auch eine große Zahl an Demonstranten ihr Leben ließ. Dieses brutale Einschreiten sollte sich nach der Gründung des Warschauer Paktes 1955 und dem Mauerbau 1961 erst wieder zum ‚Prager Frühling' 1968 im Kampf gegen einen demokratischen Sozialismus wiederholen.
Im Schlußkapitel "Lebe wohl Deutschland" werden die Konsequenzen von Gorbatschows Glasnost- und Perestroikapolitik ebenso wie die immer größeren Gegensätze zwischen SED- und KPdSU-Führung deutlich. Die sowjetische Armee verlor immer mehr an Einfluß und wurde im Zuge der Wiedervereinigung vollständig abgezogen, was nicht nur Probleme der Reintegration in der SU, sondern auch bezüglich der Hinterlassenschaften auf dem Gebiet der DDR mit sich brachte.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß dieses Buch der weiten Auffächerung der Thematik geschuldet nicht über eine oberflächliche Betrachtung hinaus kommt, gleichwohl die Darstellung dank vieler Abbildungen und Quellen stellenweise sehr anschaulich ist. Zu bemängeln ist weiterhin, daß zwar ein ausführlicher Anmerkungsapparat und ein Register angefügt, aber leider auf Quellen- und Literaturverzeichnis verzichtet wurde, was sich sehr erschwerend auf die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens auswirkt. Aber alles in Allem ist dieses Buch für einen Laien, der sich in ein solches Thema einlesen will, als ausreichend zu bezeichnen.