Das lateinamerikanische Land Peru hat in den letzten 30 Jahren eine bewegte Geschichte hinter sich, die erst noch vollständig aufgearbeitet werden muss. Diese Auseinandersetzung und historische und gesellschaftliche Bewältigungsarbeit hat vor einiger Zeit begonnen und sie ist mühsam. Andere Länder, auch Deutschland, können als Beispiel dienen für diese langwierige und schuldbeladene Aufarbeitung schwieriger und dunkler historischer Phasen (z. Beispiel den Nationalsozialismus, die RAF und die DDR).
Zu viele Opfer hat der brutale und blutige Krieg zwischen der Armee des Landes und der zur Terrororganisation mutierten ehemaligen Befreiungsarmee des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades, gekostet. Selbst nach der Verhaftung des Chefs des Pfades, Guzman, und der Übernahme der Regierung durch den demokratisch gewählten Präsidenten, den japanischstämmigen Fujimori, hörte der Terror auf der einen und die brutale Unterdrückung der Bevölkerung auf der anderen Seite nicht auf.
Und so ist der Plot, den der peruanische, seit Jahren in Spanien lebende Schriftsteller Santiago Roncagliolo konstruiert, durchaus realistisch.
Wir befinden uns in der Karwoche im Jahre 2000 in der peruanischen Stadt Ayacucho, eine Woche, die traditionell in diesem Land mit einer Mischung aus alter Kultur und durch die Kolonisatoren aufgesetztem Katholizismus ein Spektakel aus blutigen Ritualen und alkoholgeschwängerten sexuellen Exzessen ist. Der stellvertretende Staatsanwalt Felix Chacaltana ist noch ziemlich neu auf seinem Posten und hat sich noch nicht richtig an die dortigen Umgangsformen und Seilschaften in der Polizei, der Armee, die nach wie vor sehr mächtig ist, und des Justizapparates gewöhnt. Als er mit seiner ersten Leiche konfrontiert wird und zu ermitteln beginnt, stößt er sofort auf den Widerstand des örtlichen Militärkommandanten, der dem Staatsanwalt vermittelt, dass er die Finger davon lassen soll und er an dieser Leiche nicht interessiert ist.
Doch die Leiche ist dermaßen zugerichtet, dass der wackere Chacaltana sich nicht einschüchtern lässt. Er glaubt an Gesetz und Ordnung, will mithelfen, eine neues gesellschaftliches Gemeinwesen in Peru aufzubauen und seinen Beitrag leisten, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Organe der Justiz wiederherzustellen. Die Spuren dieses Mordes weisen deutlich auf den Leuchtenden Pfad hin, der offenbar seine Aktivitäten wiederaufgenommen hat. Chacaltana ist mutig, sieht sich bald mit weiteren Morden konfrontiert und wird selbst immer weiter in einen Strudel der Gewalt hineingezogen. Welche Rolle zum Beispiel spielt die junge Frau, die er in einem Cafe kennen lernt und für die er etwas empfindet ? Welche Rolle spielen seine Vorgesetzten und vor allen Dingen die Armee ?
In einem spannenden Roman führt uns der Autor mitten hinein in die peruanische Innenpolitik und lässt uns tiefe Blicke werfen zurück in die Geschichte des Krieges zwischen der Armee und dem Leuchtenden Pfad. Dass er seine Hauptfigur, die recht mutig um die Aufklärung etlicher Morde ringt und sich nicht einschüchtern lässt, als einen eher weichen, konfliktscheuen Einzelgänger schildert, der noch Jahre nach dem Tod seiner Mutter so tut, als lebe sie noch mit ihm in der ehemals gemeinsamen Wohnung zusammen, befremdet zunächst, weil man einem solchen Typ von Mann diese standhafte Haltung gar nicht zutraut. Über den Roman hin aber wird deutlich, dass Chacaltana für einen Neuanfang steht, für den sich in Peru viele, auch einfache Leute engagieren.
Roncagliolo leistet mit diesem Roman, der wie ein Krimi oder Thriller daherkommt, dazu einen, wie ich finde, wichtigen Beitrag. Auch wohl deshalb hat er für dieses Buch einen hochdotierten spanischen Literaturpreis bekommen. Dass der Autor eher schräge Figuren in seinen Büchern mag, zeigt sein 2006 bei Claassen erschienenes, mir sehr fremd gebliebenes Buch "Vorsicht!", das man nicht unbedingt lesen muss. Ganz im Gegensatz zu diesem Meisterwerk an politischem Krimi, der mit einem, bei genauerem Nachdenken dann doch überhaupt nicht überraschenden Ende aufwartet.