Ein Buch mit einem so unwahrscheinlichen Haupt-Thema, die Wirtschaftsentwicklung der Sowjetunion in den 50er und 60er Jahren, erzählt als Mischung aus Fakten und Fiktion, das musste mit kaufen" belohnt werden. Die Lektüre erwies sich dann aber doch als sperriger als erwartet.
Eines vorweg: der Verlag, der dieses Werk als "großen historischen Roman... unwahrscheinlicher Pageturner" bezeichnet, führt den potentiellen Käufer in die Irre.
Spufford erzählt Geschichten die alle im Zusammenhang mit dem Hauptthema stehen, in denen aber immer wieder neue Figuren eingeführt werden. Einige der Personen tauchen dann später wieder auf, aber insgesamt war mein Leseeindruck eher der einer Sammlung von Erzählungen die zwar teilweise zusammenhängen, aber nicht der eines großen, zusammenhängenden Romans. Dafür baut man, dieser Struktur geschuldet, zuwenig Bindung zu den Personen und deren Schicksal auf. Hinzu kommt, das die ausgewählten Personen, seien sie real oder fiktiv, häufig erkennen lassen, das sie zur Illustrierung eines bestimmten historischen Aspekts eingeführt wurden. Die Erzählungen lassen in diesen Momenten zu sehr Konstruktion und Zweck erkennen und können die Menschen nicht zum Leben erwecken.
Spufford hat sein Buch in 6 Teile gegliedert, denen jeweils eine Einführung vorangestellt ist. In diesen werden, in historisch sachlicher Form, geschichtliche Zusammenhänge, Entwicklungen und Persönlichkeiten dargestellt. Diese reinen Sachtexte fand ich durchweg sehr gelungen, informativ, sehr klar in der Darstellung und von hoher Lesbarkeit.
Die Erzählungen in denen Fakten und Fiktion sich vermischen, wo man Diskussionen zur Problematik von Produktion, Markt und Preis, von Planerstellung und mathematischen Ansätzen zur optimalen Produktionsauslastung beiwohnen kann sind von wechselnder Qualität. Gerade bei den eben genannten, sehr theoretischen, faktenreichen Themen waren die Texte für mich keine Pageturner. Hier wäre ein reiner Sachtext, wie in den Einleitungen, informativer, besser lesbar und eingängiger gewesen.
Lebendig wird es in den Teilen wo nicht die reine Sachebene im Vordergrund steht und die Menschen und ihre Lebensumstände beleuchtet werden. Hier werden Einblicke in den Alltag der Sowjetunion geliefert, die anschaulich machen wie z.B. der verwaltete Mangel sich auswirkte, wie berufliche Perspektiven von linientreuem Verhalten abhängen konnte und wie die richtigen Beziehungen das Leben erleichterten. Es wird aber auch dargelegt, dass über die ersten Jahrzehnte durchaus bemerkenswerte Verbesserungen im Lebensstandard der Bürger erreicht wurden.Das diese Entwicklung nicht anhielt und welche politisch ideologischen Aspekte das verhinderten, das wirtschaftspolitische Entscheidungen (bzw. nicht Entscheidungen) und Reformunwille dem entgegenstanden arbeitet Spufford heraus.
Das Buch enthält eine Fülle interessanter Details. Alle Quellen auf die er sich stützt und was Fakt, was Fiktion ist und warum bestimmet Elemente in der vorliegenden Art verwendet wurden, erläutert der Autor in einem Anhang, der kapitelweise geordnet ist.
In denen für meinen Geschmack weniger gelungen Passagen erinnert das Buch an "History-TV", wo reale Ereignisse mit Schauspielern und fiktiven Dialogen nacherzählt werden. Das wirkt dann bemüht und steif. Tiefpunkte waren für mich zwei Geschichten, in der Spufford Infodumping betreibt in dem er die Abläufe in einem Computer nacherzählt und eine Andere, in der er uns an der Entstehung einer Lungenkrebserkrankung teilhaben lässt. Weder bleibt viel von diesen Informationen hängen, noch sind sie für die Geschichte wirklich von Belang.
Dem stehen schön erzählte, bewegende und auch spannende Episoden gegenüber die dem Verlagsattribut "Pageturner" gerecht werden.
Am Ende bleiben Geschichten stark schwankender Qualität, hoher Informationsgehalt und die Erkenntnis, dass für meinen Geschmack ein reines Sachbuch insgesamt dem Thema besser gerecht geworden wäre. Trotz des formal interessanten Idee nur drei Sterne, da das Leseerlebnis von Großartig bis langweilig schwankte.