Unser Wohlstand löst sich gerade in Luft auf, so tönt es derzeit aus Presse, Funk und Fernsehen. Die Mehrzahl der Deutschen wird arm sein, die Währung wertlos, die Renten ein Witz. Man müsste etwas tun, die Politik ist gefordert, richtig, sie soll Gerechtigkeit schaffen, planen, handeln, enteignen, reglementieren, steuern, deregulieren, verflixt noch mal, irgendetwas muss die Politik doch tun, oder? Was könnte die Politik nicht alles leisten, wenn sie nur ihre Möglichkeiten gezielt einsetzen würde, anstatt sich immerzu hilflos den Sachzwängen zu beugen und dem jeweiligen Gegner die Schuld zuzuweisen! Und sie könnte doch auch allerhand erreichen, zum Kuckuck, wenn man sie nur ließe!
Wirklich? Begeben wir uns zurück in die goldene Zeit, als sich bei uns das »Wirtschaftswunder« ereignete, als unsere Zukunft noch vor uns lag. Da gab es zum Beispiel – erinnern wir uns? – die Sowjetunion. Als Folge stalinistischen Machtstrebens hatte sie mit dem »Sputnik« gerade die USA in der Raumfahrttechnik überholt, so hieß es, und Stalin war endlich tot und Nikita Chruschtschow sein Nachfolger. Als der erkannte, dass die Bilder vom westlich-mittelständischen Wohlstand mit Fernseher, Kühlschrank, Auto und Hypothekenkredit für jedermann mehr als nur Propaganda waren, verkündete er voller Optimismus über das gerade gewonnene Wettrennen ins All, die Sowjetunion würde den Westen nun auch in Sachen Wirtschaftskraft, Wohlstand und materiellem Lebensstandard überflügeln, und zwar bis 1980. Ermöglichen sollten es ihm das Parteiprogramm, die modernsten wissenschaftlichen Hilfsmittel, ein schier allmächtiger Staatsapparat und eine beeindruckende Menge heller Köpfe, die darüber verfügen konnten.
Die Geschichte dieses Unterfangens erzählt Francis Spufford in seinem Buch »Rote Zukunft«. Er tut das in Episoden mit wechselnden Protagonisten aus allen Bereichen des sowjetischen Lebens. Entsprechend der Redensart, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen kann, hängen die Episoden zusammen. Mit erzählerischer Leichtigkeit entwickelt Francis Spufford beim Leser ein Verständnis für die systemischen Zusammenhänge einer zentral gesteuerten Volkswirtschaft. Es sind keine dumpfbackigen Ideologen, die hier an den Stellschrauben herumdrehen, sondern gebildete Menschen und überzeugte Idealisten: »Er hatte das Glück, in dem einzigen Land des ganzen Planeten zu leben, in dem die Menschen begonnen hatten, die Wirklichkeit der Vernunft gemäß zu gestalten, anstatt den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen oder weiterhin herumgeschubst zu werden von den alten Mächten, von Aberglauben und Geldgier. Hier, und nirgendwo sonst, hatte die Vernunft das Sagen.« So denkt 1938 ein junger talentierter Mathematiker, der später die Grundlagen der computergestützten Wirtschaftsplanung erarbeiten wird.
Alle Protagonisten in Spuffords Buch ziehen voller Überzeugung am gleichen Strang, doch mit der Zeit sehen sie sich mehr und mehr gezwungen, dort zu improvisieren und zu tricksen, wo Theorie und Praxis nicht zusammenkommen wollen. Dadurch werden unkontrollierte Kräfte frei, die eher gegen den Großen Plan als in seinem Sinne wirken. Die Technokraten, Wissenschaftler und Chefideologen versuchen immer wieder, ihre Theorie zu modifizieren, zum Beispiel das Konzept des Gewinns als Anreiz wieder einzuführen, ohne in den Verdacht mangelnder Linientreue zu geraten, denn Arbeitslager gibt es immer noch. Produktionsleiter, die ihr Soll trotz aller Widrigkeiten erfüllen wollen, bedienen sich beim Bezug knappen Materials schwarzer Kanäle und tragen so zur Bildung krimineller und mafiöser Strukturen bei, die dann sehr viel später, nach dem Fall des Sowjetreichs, als Machtfaktor im Licht der Öffentlichkeit erscheinen werden.
Was ich hier schreibe, sind meine Schlussfolgerungen aus Francis Spuffords Episoden. Es macht den großen Reiz dieses Buches aus, dass Spufford hier nicht interpretiert und belehrt, sondern sich aufs Geschichtenerzählen beschränkt, indem er auf die Kombinationsgabe seiner Leserschaft zählt. Und er ist ein großartiger Erzähler! Allein die Entwicklung des Lungenkrebses, der uns eines wichtigen Akteurs berauben wird, aus Sicht der Lungenzellen zu schildern, ist eine Meisterleistung in der Sachbuchliteratur.
Francis Spufford weist darauf hin, dass es sich bei »Rote Zukunft« nicht um einen Roman handelt. Die Episoden sind zwar frei erzählt und einige der weniger prominenten Akteure erfunden, doch die der Handlung zu Grunde liegenden Tatsachen sind aufs sorgfältigste recherchiert und in einem umfassenden Anhang dokumentiert.
Empfehlen kann ich das Buch allen, die gerne etwas über die jüngere Geschichte und über die Mechanismen, die unseren Wohlstand ausmachen, lernen wollen. Ganz besonders aber denjenigen, die sich insgeheim nach einer »ordnenden Hand« sehnen. Das große Experiment ist abgeschlossen, lasst uns die Details betrachten!