China lebt mit dem Spagat zwischen dem feudalen kaiserlichen Erbe und dem Kommunismus a la MaoTseTungs. Um so weniger verwundert es, dass sich viele einflussreiche Nachkommen und Funktionäre der Revolution MaoTseTungs, die heute an den Schaltstellen der Parteikader und im öffentlichen Leben stehen, nur bei anderen um die Einhaltung der stringenten Lehre des großen Vorsitzenden kümmern, aber insgeheim ihre Schäfchen in das Trockene bringen. Nur, dass es sich inzwischen um Größenordnungen handelt, die den kriminellen Machenschaften in allen anderen Staatsformen dieser Welt in Nichts nachstehen. Aktuell und nicht als Roman gibt es dafür sogar eine internationale Öffentlichkeit, wie am Beispiel des Dreischluchten Staudamms.
Es gelingt Qiu Xiaolong in seinen Roman wieder mit eindrucksvollen Detailstudien das Interesse an Land und Leuten zu wecken, wenn gleich immer wieder klar wird, dass Korruption selbst im kleinsten Winkel unter dem Deckmantel der Freundlichkeit geschieht und sich selbst die kleinste Vorteilsnahme letztlich unberechenbar entwickeln kann. Es ist also nicht die Korruption an sich, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, sondern eher die Unverfrorenheit, mit der sie betrieben wird.
Um so weniger verwundert es, in dem neuen Fall für Oberinspektor Chen, dass er als "Sonderbeauftragter seiner Majestät und Träger des kaiserlichen Schwertes" von höchster Parteistelle zur Bekämpfung der inneren Korruption eingesetzt wird. Auch dieses Mal ist eine phantastische Reise in die aktuelle chinesische Gegenwart gelungen, und im direkten Vergleich, eine Reise in die USA, die Chen als Delegationsleiter im Namen des chinesischen Schriftstellerverbandes unternehmen muss. Ist er damit nur beseitigt, weil er zu vielen Funktionären auf die Zehen tritt, oder aber ist dies kühne unausgesprochene Berechnung der Kader, um in den USA Druck aufzubauen, um dem Auslieferungsgesuch eines korrupten Flüchtlings Nachdruck zu verleihen, der seinerseits seinen Asylantrag auf politische Verfolgung begründet? Das dieser auch trotz großer Entfernung die Zügel nicht aus der Hand geben möchte, erlebt Chen nicht nur am eigenen Leib. Ein Kampf gegen Windmühlen?
Der Roman Rote Ratten" enthält außerdem eine Vielzahl an chinesischen Gedichten, die an sich schon das Buch lesenswert machen. Das Buch ist weniger ein Kriminalroman, als mehr eine literarische Studie der Zerrissenheit des Hauptakteurs Oberinspektor Chen, der sich durch die Fallstricke der Systeme, als auch die seiner Gefühle laviert.