Seit einiger Zeit schon geistert der Name Eginald Schlattners durch die Nachrichten aus Siebenbürgen, die man da und dort liest. Einerseits schätzt die Kritik Schlattners schriftstellerische Begabung, andererseits wirft man ihm vor, einige seiner Siebenbürger Mitbürger und deren 'antikommunistische Umtriebe' an die geheime Staatspolizei (Securitate) verraten zu haben, was für die Betroffenen keineswegs ohne Folgen blieb.
Grund genug für mich, mir die Roten Handschuhe einmal genauer anzusehen.
Es handelt sich um einen in der ersten Person erzählten Roman autobiographischen Inhalts. Die erzählte Zeit beginnt mit der Verhaftung des Protagonisten ,,Johannes' durch die rumänische Geheimpolizei Securitate in den späten fünfziger Jahren. Es folgen fast zwei Jahre täglicher und nächtlicher peinlicher Verhöre unter menschenunwürdigen, erniedrigenden Bedingungen im Kronstädter Securitate-Gefängnis, das mit dem Wort ,,Verlies' wohl besser gekennzeichnet wäre. Der Protagonist entstammt einer wohlhabenden siebenbürgisch-sächsischen Familie aus dem kaum sechzig Kilometer weiter westlich gelegenen Fägärasch. Anfänglich beantwortet Johannes alle Fragen der Geheimpolizei derart, dass er die Aktivitäten seiner Freunde und Bekannten als politisch irrelevant darstellt und die Betroffenen als unpolitisch erscheinen läßt. Die dafür erduldeten Mißhandlungen nimmt er in kauf. Etwa halbwegs durch die Zeit der Verhöre bricht sein Widerstand jedoch zusammen, und von nun an belastet er eine Reihe von Individuen aus dem Umkreis seiner literarischen Freundschaften an der Universität von Klausenburg mit allen möglichen Vergehen, die als Widerstand gegen die kommunistische Staatsgewalt, damals geführt von dem Ersten Parteisekretär Gheorghiu-Dej (noch vor der Zeit Ceausescus), ausgelegt werden, und zu weiteren Verhaftungen, Gefängnisstrafen und Verschleppungen führen. Er selbst wird am Ende zu einer verhältnismäßig milden Gefängnisstrafe verurteilt, und zwar als verschwiegener Mitwisser und Komplize der berichteten Vergehen.
Als er nach dem Strafvollzug in seinen Heimatort zurückkehrt, findet er seine einst wohlsituierte Familie in einer staatlich zugewiesenen Elendswohnung wieder. Sein eigener Bruder, den er ebenfalls an die Polizei verraten hatte, soll, so erfährt er, todkrank in irgend einem unbekannten Zwangsarbeitslager schmachten. Er versucht, Arbeit zu finden, sein Ingenieurstudium abzuschließen, alte Freundschaften wieder anzuknüpfen, kurz,sein Leben wieder neu aufzubauen. Betroffen stellt er jedoch fest, daß er nun allerseits als Verräter gebrandmarkt ist. Den einzigen Rückhalt bieten seine Familie, und besonders seine jüngere Schwester Elke.
Diesen Handlungsfaden unterbricht Schlattner an vielen Stellen und schaltet Rückblenden ein. Manche reichen bis in die Vorkriegs- und Kriegsjahre zurück, als viele Siebenbürger Sachsen die damals noch mit Rumänien alliierten deutschen Truppen begeistert willkommen hießen. Meistens ist jedoch die Rede von der planmäßigen Unterdrückung der sächsischen Volksgemeinschaft, von der Verschleppung Tausender von Siebenbürgern in die Baragan-Steppe oder in die Sowjetunion, von Enteignungen und Gewalttätigkeit. Mit der Kommunisierung Rumäniens rücken nun Rumänen in machtvolle Positionen des kommunistischen Parteiapparats und schreiten zur systematischen Zerstörung der, meist deutschsprachigen, Bürgerschicht von Siebenbürgen.
Schlattners Darstellung dieser schwierigen Zeit beschränkt sich jedoch keineswegs auf die meist negativen Wirkungen des politische Geschehens. Zahlreiche Exkurse in die Vergangenheit vermitteln ein lebendiges Bild seiner persönlichen Kindheits- und Jugenderfahrungen als Schüler, und später Student in Klausenburg. Einblicke in das Leben seiner Familie, Literaturerlebnisse, Begegnungen mit Mädchen, Lehrern, Vertretern der Kirche, und viele andere bestimmende Jugenderlebnisse beleben diese Rückblenden (siehe Leseprobe unten).
'Rote Handschuhe' bezieht sich konkret auf ein beliebtes Spiel zwischen Kindern, man möchte den Titel aber auch mit dem Schicksal des Protagonisten in Verbindung bringen: Die kommunistische Ideologie der gesellschaftlichen Gleichstellung läßt ihn keineswegs gleichgültig, aber seine 'rote' Färbung erscheint gleichsam, wie ein paar Handschuhe, von außen übergestülpt. Seine Verstrickung in politische Schuld und Verrat ist in dem Roman ohne Beschönigung, zugleich aber meisterhaft, dargestellt.
Damit unterscheidet sich das Buch von anderen Dokumenten der Aufarbeitungsliteratur, die in den letzten Jahren in Rumänien entsteht, so z. B. Roman Manea, Rückkehr des Hooligan, 2004, oder Virgil Gheorghiu, 25 Uhr, bereits 1950 erschienen, oder Petru Dumitriu, Inkognito, 1964. In den letzteren wird das Regime ausnahmslos negativ gesehen, der bedingungslose, oft heroische Widerstand dagegen ist kaum je in Frage gestellt. Schlattners Ambiguität erscheint da glaubwürdiger, menschlicher und realistischer, was jedenfalls die Mehrheit der unfreiwilligen Opfer des Regimes angehen dürfte.
Für mich ist der Roman in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Einerseits bin ich mit den Verhältnissen im gegenwärtigen Rumänien einigermaßen vertraut, und es macht immer Spaß, Vertrautes wieder zu erkennen. Andrerseits musste ich beschämt festzustellen, daß ich gerade in der fraglichen Zeit (Mitte der Sechziger Jahre) selbst ein paar Wochen in Rumänien verbracht habe, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was gleichzeitig in den Securitate-Gefängnissen vorging. Statt dessen wurden wir westlichen Besucher wenige Kilometer von Kronstadt entfernt in idyllischer Umgebung seitens der Universität Bucharest, d. h. auf Kosten des Staates, mit reichlichen Banketten, Empfängen und Tanzereien eingelullt. Fragen in Bezug auf die ethnischen Minderheiten Rumäniens wurden in keiner einzigen Vorlesung jenes Ferienkurses auch nur eines Wortes gewürdigt. Selbst als ich einmal einen Tag lang ,,ausbrach', den Caraiman oberhalb von Predeal bestieg und den größten Teil das Tages zusammen mit einer Gruppe zufällig getroffener Banater Schwaben verbrachte, kamen solcherlei Fragen nicht zur Sprache. In ihren Augen hätte ich schließlich ein Spitzel des Regimes sein können. Wenn ich heute Schlattners Roman lese, wird mir erst klar, warum bei meiner Rückkehr nach Sinaia unsere rumänischen Betreuer so böse auf mich waren. Von ,,meinen' Banater Schwaben haben sie nie etwas erfahren.