Jedes Jahr im November, wenn die See stürmischer wird, die Nächte früher hereinbrechen und die Kälte heraneilt, wird die Insel Thisby von ebenso faszinierenden wie gefährlichen Meeresgeschöpfen heimgesucht, den Capaill Uisce, den legendären Wasserpferden, die der nordischen Mythologie entsprungen sind.
Sie sind schnell wie der Wind und tückisch und gefährlich wie die See, doch schon immer ziehen sie die Menschen der Insel in ihren Bann. Und genau deshalb wird jedes Jahr im Herbst das Skorpio- Rennen auf der Insel veranstaltet, sobald die Capaill Uisce den ersten Huf an Land setzen.
Ein Pferderennen um Leben und Tod, in dem die Männer der Insel auf den prächtigsten und schnellsten Wasserpferden ihren Mut unter Beweis stellen und ihren Stolz aufpolieren können.
Und so ist der junge Sean Kendrick nicht nur einer von vielen Pferdebegeisterten der Insel, er ist der erfolgreichste Wasserpferdreiter und dazu noch ein beachteter wie auch belächelter Pferdeflüsterer mit einigen sanften Tricks und Kniffen in der Hosentasche.
Doch dieses Jahr wird einiges anders werden, und nicht nur weil sich Sean vom erhofften Preisgeld seinen einzigen Lebenstraum erfüllen will, sondern auch weil sich zum ersten Mal eine junge Frau zum Rennen angemeldet hat.
Kate Connolly, genannt Puck.
Zusammen mit ihrem dicklichen, aber tapferen Inselpony Dove will das Waisenmädchen in der rauen und gefährlichen Männerwelt mitmischen, aber genauso auch mit dem möglichen Gewinn des Preisgeldes ihre Existenz und die ihrer Brüder Finn und Gabriel sichern.
Kate und Sean teilen sich die Liebe zu den Pferden und ihrer Heimat.
Jeder von ihnen kämpft für seine eigenen Träume.
Zusammen oder jeder für sich?
Die Capaill Uisce (ausgesprochen: Kapall Ischke) entstammen der nordischen Mythologie.
Äußerlich ähneln sie unseren Landpferden, aber innerlich sind sie keine Fluchttiere, sondern durch und durch Raubtiere.
Sie gieren nach Blut und Fleisch, sind immer auf der Jagd nach Mensch und Tier, ihre Sehnsucht und Treue gehört alleine dem Meer, weshalb sie schwer zu bändigen und zu reiten geschweige denn zu zähmen sind. Selbst Seans Pferd Corr hört das Rufen des Meeres und das seiner Artgenossen, spürt ihr Sehnen in jeder Faser seines Körpers, will seiner Natur bei jedem unachtsamen Moment Seans nachgeben.
Diese wilden und ursprünglichen wie auch faszinierenden Geschöpfe des Meeres lassen nicht nur die jungen und mutigen Männer der Insel für einige Tage im Jahr ihrem Alltagstrott entfliehen und locken reiche Touristen vom Festland an, sondern ziehen auch den Leser in ihren tödlichen Bann, sind sie doch ein Garant für Gänsehaut, und verströmen pure dunkle Magie.
Von der ersten Zeile an befindet man sich als Leser an den schönen wie auch gefährlichen Stränden von Thisby und sieht die Capall Uisce, wie sie dem Meer entsteigen, spürt das vibrierende Donnern ihrer Hufe, wenn sie beim Training an den Klippen entlang galoppieren, fast kann man die Blutspritzer auf den eigenen Händen sehen und riechen, wenn sie ihre Zähne in Leben und Fleisch graben.
Und manches Mal fühlt man sich um Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte zurückversetzt, wenn man den kalten Wind spürt, der durch undichte Fenster kriecht oder man wie Puck ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man die frische Orange nicht brüderlich geteilt hat.
Und auch Maggie Stiefvaters Figuren wirken so lebendig, als ob sie vor einem stehen würden.
Angefangen bei der mürrischen und dickköpfigen Puck, die wirkt, als ob sie in Essig eingelegt worden wäre, dem ruhigen und unzugänglichen, aber gleichzeitig auch wilden und ungezähmten Sean, seinem machtbesessenen Chef Benjamin Malvern oder dessen durchtriebenen und neidischen Sohn Mutt bis hin zum undurchsichtigen, aber dennoch sympathischen Millionär George Holly.
Maggie Stiefvater hat ungewöhnliche, authentische und interessante Charaktere erschaffen, die eindm aber sehr schnell ans Herz wachsen, weil sie einfach eine eigene Geschichte, ein ergreifendes Schicksal erzählen.
Doch manches Mal hätte es "Rot wie das Meer" auch gut getan, wenn Maggie Stiefvater ihrer Geschichte auch mal die Sporen gegeben und die Zügel straffer genommen hätte, denn oftmals tänzelt die Story auf der Stelle oder steht einfach nur ruhig in der Box herum anstatt voraus zu galoppieren oder im exaltierten Trab davon zu schweben.
Stattdessen wird man meistens in einem ruhigen und rhythmischen Takt mitgenommen und auf sachten Hufen davon getragen. Nur zwischendurch springt die Geschichte aufgeregt zur Seite oder legt einen kurzen, aber knackigen Galopp ein.
Meistens erschöpft sich Maggie Stiefvater jedoch in der Beschreibung der Atmosphäre oder den Beschreibungen der einfachen Leute auf der kargen Insel Thisby. Und so muss man dann zum zigsten Mal über die Armut und den Hunger und die Verzweiflung der Connolly- Geschwister lesen.
Aber vielleicht macht auch gerade dies "Rot wie das Meer" aus:
Maggie Stiefvater hat eine ruhige, langsame, poetische, einfühlsame Geschichte erschaffen, die über die Liebe und den Respekt zu Pferden und die Liebe zur eigenen Heimat zu erzählen weiß, und wie aus dieser Liebe eine Freundschaft und vielleicht sogar eine zarte Liebe entstehen kann. Aber auch eine Geschichte über den Zerfall einer Familie und über schwierige Lebenswege, und nur hintergründig eine Geschichte über ein rasantes Rennen, gefährliche mystische Kreaturen, Intrigen, Vorurteile und falschen Ehrgeiz.
Und dennoch wartet man gespannt darauf, wann das Scorpio- Race endlich starten wird und wie sich Puck und ihr tapferes Pony schlagen und sie sich in dieser Männerdomäne durchsetzen werden und ob Pucks und Seans zarte und irgendwie widerwillige Freundschaft das Rennen überdauern wird, da sie doch beide für ihre eigenen Träume antreten.
Man fiebert mit Kate und Sean mit, weil sie beide alles verlieren und alles gewinnen können, nämlich, dass was sie ausmacht, was sie zu den Menschen hat reifen lassen, die sie nun sind.
Sie würden bei einer Niederlage nicht nur ihre Existenz verlieren, sondern ihr gesamtes Leben.
Für Kate und Sean geht es um mehr als um Leben und Tod.
Eine gewaltsame wie auch gewaltige, eine spannende wie auch ruhige, eine fantastische und magische wie auch realistische und einfühlsame Geschichte für Jugendliche und Erwachsene - und sicherlich nicht nur für Pferdeliebhaber, weil das Thema Pferde und Reiten nicht immer im Vordergrund steht.
Aber irgendetwas in mir (etwas, dass ich nicht einmal genau benennen kann, weil mich doch gerade eine schöne und einfühlsame Pferdegeschichte mit Haut und Haar ansprechen müsste) wehrt sich, mich bei dem Jugendroman "Rot wie das Meer" gänzlich wohlzufühlen, mich in sein warmes Fell zu schmiegen und mich von dem Roman mit ganzem Herzen davon tragen zu lassen.
Für mich war das Lesen wie auf einer Pferdeauktion zu sein:
Die Zossen werden vorgeführt, Exterieur und Interieur stimmen, auch die Abstammung und die bisher erzielten Preisgelder bei Pferderennen, man sieht das Potenzial für die Zukunft, aber der Funke mag erst überspringen, kurz bevor der Auktionshammer zum dritten Mal hinunterschnellt. Sodass ich leider erst spät in Feuer und Flamme aufgegangen bin und mich von den Wellen der Begeisterung habe davon tragen lassen und in einem kleinen See aus Tränen zerflossen bin.
4 von 5 Sternchen!